Hintergrund: Ein Test macht bei Brustkrebs möglicherweise die Chemotherapie verzichtbar

Ein neues Testverfahren ermöglicht verlässliche Risikovorhersagen bei Brustkrebs


Wer an Brustkrebs erkrankt, muss nicht zwangsläufig die Tortur einer Chemotherapie über sich ergehen lassen. Zum einen wird Brustkrebs dank Mammografie-Screening und regelmäßige Selbstuntersuchung durch Abtasten heutzutage früh erkannt, zum anderen gibt es für Brustkrebs-Patientinnen im Frühstadium, bei denen keine Lymphknoten befallen sind, ein neues Testverfahren, das Auskunft gibt über den zu erwartenden Krankheitsverlauf.


Der uPA/PAI-1-Test schafft nun Klarheit

Nach 20 Jahren klinischer Forschung erlaubt der sogenannte uPA/ PAI-1-Test eine bessere Risikoabschätzung und eine individuellere Behandlung der Patientinnen. Zwei Eiweißenzyme spielen dabei eine Rolle, die als Biomarker Auskunft darüber geben, wie hoch die Heilungschancen sind. Ist die Konzentration des Eiweißes Urokinase-Typ Plasminogen Aktivator, kurz “uPA” und dessen Gegenspieler “PAI- 1” im Tumorgewebe hoch, ist auch das Risiko eines Rückfalls hoch. Bei geringer Konzentration der uPA/PAI-Werte hingegen ist die Rückfallwahrscheinlichkeit niedrig.
“In der Vergangenheit wussten wir nicht, welche Frauen eine Chemotherapie brauchen und welche nicht”, sagt Christoph Thomssen, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Gynäkologie und des Brustzentrums am Universitätsklinikum Halle. Der uPA/PAI-1-Test schafft nun Klarheit. Anhand des Ergebnisses lassen sich verlässliche Prognosen erstellen, welcher Krankheitsverlauf zu erwarten ist. Das ist gut für Patientinnen mit geringem Rückfallrisiko, weil ihnen die Tortur der Chemotherapie erspart bleiben kann. In diesen Fällen reicht eine Operation mit anschließender Strahlentherapie aus. Patientinnen hingegen, bei denen die Gefahr der Streuung der Krebszellen weiterhin groß ist, profitieren von der Chemotherapie. Der Test liefert eine größere Gewissheit, durch die auch das Verständnis für die Notwendigkeit der Chemo steigt. “Inzwischen wissen wir, dass 70 Prozent aller Frauen, die Brustkrebs ohne Befall der Lymphknoten haben, keine Chemotherapie brauchen”, sagt Thomssen, der auch Sprecher der “Kommission Mamma” der “Arbeitsgemeinschaft gynäkologische Onkologie” ist. In der Vergangenheit wurden viele Patientinnen übertherapiert. “Da hat man mit Kanonen auf Spatzen geschossen”, sagt Martina Vetter. Die promovierte Biologin arbeitet in Thomssens Forschungslabor und führt dort auch selbst die uPA/PAI-1-Tests durch.


Krankenkassen zahlen den Test bisher nicht – obwohl er sich auch ökonomisch rechnen könnte

Inzwischen wird der Test international anerkannt und empfohlen. Bereits seit 2002 haben verschiedene Gremien auf nationaler und internationaler Ebene die Forschungsergebnisse in ihre Empfehlungen für die Mammakarzinomtherapie aufgenommen. Seit 2008 sind die uPA/ PAI-1-Tests auch in den Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft verankert. Dessen Sprecher André Franck ist vom Einsatz des Tests überzeugt: “Wir befürworten die uPA/PAI-1-Tests sowohl aus Sicht der Patientinnen als auch aus ökonomischer Sicht.”
Eine ambulante Chemotherapie kostet zwischen 15 000 und 20 000 Euro pro Patientin. Dieser Betrag könnte Schätzungen zufolge bei rund 10 000 Frauen in Deutschland pro Jahr eingespart werden, da sie aufgrund der Testergebnisse keine Chemotherapie brauchen. Da man für die Tests frisches Tumorzellgewebe benötigt, können sie nur stationär durchgeführt werden. Die Kosten von rund 200 Euro übernehmen die Krankenkassen bisher nicht. “Im Moment gehen die fachlichen Meinungen aufgrund der eingeschränkten Studienlage noch auseinander”, sagt Claudia Widmaier, Sprecherin des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherungen. Die Behandlungspauschale für Brustkrebs müssten diese Testkosten mit abdecken. Es gibt aber auch Häuser, die den Test kostenlos durchführen.



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