Potenzstörungen-Therapie: Kuss der MUSE

Potenzstörungen betreffen viele Männer verschiedener Altersklassen. Mit der passenden Behandlung muss man jedoch nicht auf ein befriedigendes Liebesleben verzichten

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Diagnose zum Anfassen: Mit den Kugeln rechts kann der Patient die Größe der Hoden einordnen und mit den Kissen links wird die Härte der Erektion abgefragt; Foto: Ingo Bach

Gefürchtet von Männern, unbeliebt bei deren Partnerinnen und Partnern: Eine Erektionsstörung – medizinisch erektile Dysfunktion (ED) genannt – kann das Sexualleben sehr belasten, manchmal sogar ganz unmöglich machen. Der Laie denkt dabei oft an psychische Ursachen, doch viel häufiger als man denkt stecken dahinter organische Leiden. Den meisten Betroffenen fällt es schwer, über ihre Einschränkungen offen zu sprechen. Fühlen sie sich doch in ihrer Männlichkeit tief verunsichert. Aber es gibt Hilfe – wenn man den ersten Schritt wagt, zum Arzt zu gehen, zum Andrologen beispielsweise, der auf typische Männerleiden spezialisiert ist, oder zum Urologen. "Das gilt besonders ab dem 40. Lebensjahr, weil dann die organischen Ursachen für Erektionsprobleme, wie Kalkablagerungen in den Gefäßen, Diabetes oder Fettleibigkeit, zunehmen", sagt Sven Diederich, Facharzt für Endokrinologie, Androloge und Diabetologe und Leiter des Endokrinologikums Berlin. "Bestehen neben der Potenzstörung andere Symptome wie Abnahme des sexuellen Antriebs oder allgemeine Leistungsminderung, sollte auch an einen Mangel des männlichen Sexualhormons Testosteron gedacht werden." Da eine Potenzstörung ein Hinweis für eine weitergehende Gefäßerkrankung sein könne, sollte der behandelnde Arzt vor Therapie der Potenzstörung andere Erkrankungen wie Arteriosklerose der Herz- und Hirngefäße ausgeschlossen haben. Auch der Missbrauch von Nikotin, Alkohol oder Drogen können Gift sein für die Manneskraft. Ebenso übrigens wie Depressionen.

Wie behandelt man die erektile Dysfunktion?

Seit einigen Jahren sind Tabletten für die meisten Männer mit Erektionsproblemen das Mittel der Wahl. Alternativen sind Spritzen, mechanische Hilfsmittel oder chirurgische Eingriffe.

Tabletten: In Deutschland zugelassene Medikamente, die man schlucken kann, gehören der Gruppe der so genannten Phosphodiesterase (PDE)-5-Hemmer an. Durch die Tabletten wird ein Enzym im Abbau von Botenstoffen gehemmt, wodurch deren Konzentration im Gewebe ansteigt. Daraus ergibt sich schließlich eine effektive Gefäßerweiterung. Die wohl bekanntesten rezeptpflichtigen Vertreter dieser Medikamente sind Sildenafil (Viagra), Vardenafil (Levitra) und Tadalafil (Cialis). Sie gelten als unkompliziert in der Anwendung. Doch sie sind noch teuer. Mit durchschnittlich 44 bis 56 Euro für vier Filmtabletten ist Viagra das wohl bekannteste und meist genutzte Hilfsmittel bei Potenzproblemen. Da dessen Patentschutz jedoch Mitte 2013 ausläuft, ist mit günstigeren Generika zu rechnen. Diese Mittel haben noch einen weiteren Preis: Wer sie nimmt, muss oft mit mehr oder weniger unangenehmen Nebenwirkungen rechnen, wie Kopfschmerzen, Gesichtsrötungen, schmerzhaften Dauererektionen, einer verstopften Nase und unterschiedlich starken Sehstörungen. Außerdem darf man diese Medikamente nicht einnehmen, wenn bereits nitrithaltige Substanzen angewendet werden, etwa zur Behandlung von Herzkrankheiten. "Die PDE - 5 - Hemmer sind eine gut erforschte Substanzgruppe. Mit einer guten Datengrundlage können wir sagen, dass der Nutzen der PDE - 5 - Hemmer ganz klar die Nebenwirkungen überwiegt", sagt Diederich. Viagra wirkt nach 45 bis 60 Minuten, die Erektionsfähigkeit hält dann etwa vier bis sechs Stunden an. Levitra entfaltet nach 30 Minuten seine Wirkung, für acht bis zwölf Stunden. Cialis sorgt nach 60 bis 120 Minuten für bis zu 24 Stunden für Erektionen. Dabei unterstützen die Medikamente den gesamten biophysiologischen Vorgang der Erektion, wenn ein erotischer Anreiz vorhanden ist.

Injektionen: Die Tabletten verteilen den Wirkstoff im ganzen Körper, andere Arzneimittel kommen nur dort zum Einsatz, wo sie wirken sollen. Mithilfe einer Spritze können Patienten Medikamente wie Alprostadil direkt in die Schwellkörper injizieren. Dadurch kommt es zu einer Erschlaffung der glatten Muskulatur im Schwellkörper, was zu einer Weitstellung der Gefäße und zur besseren Durchblutung führt. Mediziner nennen das Schwellkörper-Auto- Injektions- Therapie (SKAT). Einige Nutzer berichten in Internetforen, dass die Injektion kaum schmerze und die Erektion bereits nach zehn Minuten eintrete. Allerdings kann diese auch häufig zum Einsatz kommende Methode über längere Zeit zur irreversiblen Schädigung des Schwellkörpergewebes durch lang anhaltende Dauererektionen führen. Außerdem sind Knotenbildungen an den Einstichstellen, Blutergüsse und generelle Schmerzen im Penis als Nebenwirkungen bekannt. Die SKAT - Spritzen sind verschreibungspflichtig und kosten 14 bis 20 Euro pro Anwendung. Manche werden es als angenehmer empfinden, sich vor dem Sex nicht eine Spritze setzen zu müssen. Auch ihnen kann geholfen werden. Beim Medikamentösen Urethralen System zur Erektion (MUSE) wird der Wirkstoff Alprostadil in Stäbchenform in die Harnröhre geschoben. Da es nicht ausreicht, das Stäbchen nur im Ausgang der Harnröhre zu platzieren, nutzen die Patienten einen röhrchenförmigen Applikator, mit dem das Medikament tief in den Penis geschoben werden kann. Dort wird es über die Schleimhaut aufgenommen und wirkt nach fünf bis zehn Minuten. Zwar lässt sich so der Gebrauch von Spritzen vermeiden, allerdings ist die Erfolgsrate mit 30 bis 66 Prozent geringer im Vergleich zu SKAT mit 70-80 Prozent. 10 Stäbchen Alprostadil zur MUSE- Anwendung kosten in der Apotheke zwischen 120 (250 Mikrogramm) und 170 Euro (1000 Mikrogramm).

Mechanische Potenzhilfen: Vakuum-Pumpen und Penisringe beheben Erektionsschwächen rein mechanisch. Dabei wird der schlaffe Penis in eine Plastikröhre eingeführt, die einen Unterdruck erzeugt. Der Penis wird gedehnt, Blut fließt in die Schwellkörper. Sobald das Glied ausreichend steif ist, wird mit einem Penisring der Rückfluss des Blutes aus den Schwellkörpern verhindert. Damit es nicht zu Durchblutungsstörungen und Gewebeschäden kommt, sollte man den Ring nach 30 Minuten wieder entfernen. Die Kosten für die Vakuumpumpe – bei qualitativ hochwertigen Modellen bis zu 600 Euro – übernimmt nach ärztlicher Verordnung im Allgemeinen die gesetzliche Krankenkasse.

Operative Methoden: Chirurgische Eingriffe im Sinne einer Gefäßoperation werden heutzutage nur noch äußerst selten vorgenommen. Bis in die 1970 - er Jahre versuchte man, Verengungen der Blutgefäße des Penis mit Bypässen und Stents zu behandeln. Allerdings blieb ein Erfolg in der überwiegenden Mehrzahl aus. Eine weitaus wirksamere Methode, die einen operativen Eingriff verlangt, sind Schwellkörper-Implantate. Dabei werden große Teile des Schwellkörpers entfernt und stattdessen zwei Kunststoffzylinder, eine Pumpe in den Hodensack und ein Reservoir unter dem Muskelgewebe der Bauchwand implantiert. Die Operation nimmt ungefähr eine Stunde in Anspruch und ist mit einem einwöchigen Klinikaufenthalt verbunden. Danach kann der Mann das Implantat manuell aufpumpen, sozusagen Erektion auf Knopfdruck. Es gibt auch Implantate, die permanent steif, aber biegsam sind. Die Kosten für einige Implantate übernimmt die gesetzliche Krankenkasse. Zwischen 90 und 100 Prozent der Patienten sind nach dem Eingriff mit dem Ergebnis zufrieden, jedoch sollte er genauestens überlegt sein, da die Operation nicht wieder rückgängig gemacht werden kann.

Was tun, wenn organische Leiden zugrunde liegen?

Die Therapiemethoden behandeln die Symptome, oft aber nicht die Ursachen der Erektionsprobleme. Denn diese liegen – gerade bei jüngeren Männern – oft in der Psyche. Bevor man medikamentös oder gar operativ gegen das Leiden vorgeht, muss der Arzt psychisch bedingte Auslöser für die Erkrankung ausschließen. Diederich rät: "Wenn ein Mann unter 40 Jahren keine organischen Ursachen für die Symptomatik aufweist, sollte man Partnerschaftskonflikte oder belastende Lebensperioden unter die Lupe nehmen." Gespräche mit einem Sexualtherapeuten können helfen und werden in der Regel von der gesetzlichen Krankenkasse gezahlt.



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