Interview Erektionsstörungen: „Das Paar ist der Patient“

Bei Potenzstörungen sind immer Körper und Geist beteiligt – und der Partner. Gespräche mit einem Sexualtherapeuten helfen dabei, der Intimität in der Partnerschaft wieder größere Bedeutung zukommen zu lassen. Wir sprachen mit Klaus M. Beier darüber, dem Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin des Universitätsklinikums Charité

Klaus M. Beier ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker und Sexualtherapeut, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin des Universitätsklinikums Charité; Foto: Promo


Erektionsstörungen haben oft psychische Ursachen. Kann man diese Probleme mit einer Sexualtherapie heilen?

Das kommt auf die Erwartungen der Betroffenen an. Mit zunehmendem Alter werden sexuelle Funktionseinschränkungen ja grundsätzlich häufiger. Aber erst wenn diese mit Leidensdruck verbunden sind, erhalten sie den Charakter einer Störung und beeinträchtigen dann meist die sexuelle sowie partnerschaftliche Beziehungszufriedenheit. Wer das verändern möchte, kann von einer Sexualtherapie in hohem Maße profitieren.

Wie stark ist denn die Psyche in diesen Fällen ausschlaggebend?

Da Psyche und Körper immer beide beteiligt sind, sollten auch immer beide in den Blick genommen werden. Und einen wichtigen Einflussfaktor stellt bei Erektionsstörungen stets die Bedeutungszuweisung dar: Was heißt es für das Selbstbild des Betroffenen, wie sehr steht er auf dem Prüfstand – im Abgleich mit den vermeintlichen Erwartungen seiner Partnerin und womöglich dem Bild von Männlichkeit, das in den Medien vermittelt wird. Leider erfolgt sehr häufig eine hauptsächliche Befassung mit der Sexualfunktion und nicht mit der Beziehung. Der Schlüssel für eine effektive Sexualtherapie ist, sich wieder bewusst zu werden, was eine gute Beziehung ausmacht. Und deren Qualität macht sich nicht an körperlichen Funktionen fest. Herrschen in einer Beziehung gegenseitiger Respekt, Ausgeglichenheit und Vertrauen, ist kaum zu erwarten, dass Funktionseinschränkungen eine so isolierte Bedeutung zugemessen wird.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass eine psychisch bedingte Erektionsstörung auf ein ernsthaftes Paarproblem hindeutet, man möglicherweise die gesamte Beziehung in Frage stellen sollte, weil sie einem nicht gut tut?

Keineswegs. Zunächst aber noch mal der Hinweis: Psyche und Körper spielen im Sexuellen immer zusammen und in einer Beziehung verdoppelt sich alles, weil ja zwei Menschen miteinander im Austausch stehen. Im klinischen Alltag ist man regelhaft damit konfrontiert, dass von den Patienten Sexualität nicht als Form der Kommunikation angesehen wird, sondern "Sex" und "Liebe" als zwei verschiedene Lebens- und Erlebensbereiche verstanden werden, die womöglich nichts miteinander zu tun haben. Das ist meist das Problem und die Erektionsstörung dann lediglich Ausdruck dessen. Dieses Problem kann man aber beheben und damit die Erektionsstörung auch.

Wie belastend ist die Situation für die Beteiligten?

Für ein Drittel der Paare ist die Belastung sehr hoch. Das liegt aber vor allem an der erwähnten Bedeutungsüberhöhung. In den Köpfen der Betroffenen brennt sich der Gedanke ein, dass einzig aufgrund der Erektionsproblematik die ganze Beziehung gefährdet sei, weil die Partnerin nunmehr kein Interesse an deren Fortsetzung haben kann. Dann ist es besonders wichtig, den Stellenwert des Problems zu relativieren und eine neue Wahrnehmung für Intimität zu entwickeln, die viel stärker auf grundlegende Aspekte der Beziehung orientiert. Dies geht am besten, wenn man das Gespräch mit beiden Partnern sucht. Insofern ist für den Sexualtherapeuten das Paar der Patient.

Wie muss man den Partner in die Sexualtherapie einbeziehen?

Über die Motivation für eine verbesserte sexuelle und partnerschaftliche Beziehungszufriedenheit. Wenn die bei beiden Partnern vorliegt, ist die Prognose ausgesprochen günstig. Im Fall einer Erektionsstörung ist es sehr typisch, dass der Mann aus Angst vor weiteren frustrierenden Erfahrungen sexuellen Kontakten ausweicht. Und seine Partnerin hat ebenfalls Scheu, sich zu nähern, weil sie die Sorge hat, das könnte ihn unter Druck setzen. Ein doppelter Teufelskreis – denn beide sind von dem Problem belastet, meist ohne sich darüber auszutauschen, auch weil sie nicht wissen, wie sich das auflösen ließe. Die Folge ist, dass sie nicht unbefangen Intimität genießen können und sich dadurch die Nähe, die sie sich beide eigentlich miteinander wünschen würden, nicht herstellen lässt.

Können Sie Beispiele nennen für solche unbefangenen und entspannten Situationen?

Sehr einfach: Das sind alle Situationen, die Intimität ohne Leistungsanforderungen möglich machen. Leistungsanforderungen wie: Es muss zur Erektion kommen, die Erektion muss so und so lange dauern, es muss zum Orgasmus kommen, der muss gleichzeitig mit dem Partner erfolgen etc. Das alles sind Bedingungen, die schnell mit Erwartungsängsten einhergehen – und dann fängt der Stress so richtig an.

Wann ist die Sexualtherapie erfolgreich?

Wenn Erwartungsängste nicht mehr bestehen und Intimität wieder unbefangen erlebt werden kann – egal mit welchem Ausgang. Dies gelingt dann, wenn beide Partner sich eine neue Bedeutung für ihre körperliche Nähe erschlossen haben, in der die Intaktheit der sexuellen Funktionen einerseits keine notwendige sowie andererseits keine ausreichende Voraussetzung für sexuelle Zufriedenheit darstellt.

Haben Sie einen abschließenden Rat für alle Betroffenen?

Die Beziehung ist als wichtigste Ressource für die Gesundheit und die Lebensqualität anzusehen. Diese ist dann optimal, wenn man auch auf körperlicher Ebene eine stimmige Kommunikation verwirklichen kann – als ein Zusammenspiel zwischen den Partnern, in dem diese sich jeweils wirklich anund wahrgenommen fühlen. Eine Sexualtherapie kann äußerst hilfreich sein, um dieses Ziel zu erreichen.



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