Report: Grundschule für Diabetiker

Zuckerkranke müssen erst lernen mit der Krankheit umzugehen. Dazu brauchen Sie Diabetesberater – und die wiederum brauchen viel Geduld


Es hat etwas von Prüfungsvorbereitung, die auf stupidem Auswendiglernen basiert: Viele bunte Bilder, Karteikarten mit Merksätzen, Zettel mit Fragen auf der Vorder- und den zugehörigen Antworten auf der Rückseite. Die bunten Lebensmittelfotos zeigen eine Orange, Brotscheiben, Lachsfilet, Bier … Und dann gibt es noch andere Karten. Darauf steht nur: “fettreich”, “blutzuckererhöhend” … Ein Smiley unterstreicht die Aussage: breit grinsend heißt “sehr gut für Diabetiker”, Mundwinkel nach unten steht für “nicht so gut für Diabetiker”. Die Unterrichtsaufgabe: “Bringen Sie die Karten richtig zueinander!”


Der Erfolg der Behandlung hängt an der Disziplin der Patienten – aber manche verstehen das nicht

Mit dieser Art Schulungsmaterial sollen Zuckerkranke lernen, ihren Alltag besser auf die Krankheit abzustimmen und Warnsignale des Körpers richtig zu verstehen. Und ja, sie sollen stupide auswendig lernen, welche Nahrungsmittel ihnen gut tun und welche nicht, wie sie die Insulinspritzen oder Insulinpumpen bedienen und welche Regeln nötig sind, um mit dem Diabetes gut leben zu können – damit ihnen die mitunter lebens- und gesundheitsrettenden Regeln in Fleisch und Blut übergehen. Denn sie gelten für den Rest ihres Lebens.
Intensive Patientenschulungen mit unterschiedlichen Materialien bieten nahezu alle diabetologischen Praxen an. Die Patienten erhalten meist halbstündige Einzelberatungen und dann fünf Schulungen in kleinen Gruppen. Eine Art Grundschule für Diabetiker: “Der Patient soll lernen, seine Krankheit danach selbst zu verwalten”, sagt der Diabetologe Thomas Scholz aus Berlin-Tegel. Alles hänge von der Bereitschaft der Patienten ab mitzuarbeiten, sagt der Arzt. Um diese zu fördern, treiben Mediziner einen ziemlich großen Aufwand. Neben regelmäßigen Schulungen beschäftigen die anerkannten Schwerpunktpraxen oft extra Ernährungs- und Diabetesberater, die die Patienten intensiv umsorgen.
Sahar Fahimi ist eine von ihnen, 38 Jahre alt und seit 2005 Diabetesberaterin in der Kreuzberger Praxis ihres Ehemannes Sohrab Fahimi. Um Beraterin zu werden, musste sie eine mehrjährige Ausbildung absolvieren. An ihre Lehre zur Diabetesassistentin hängte sie noch eine zweijährige Zusatzausbildung an. Regelmäßig muss sie an wochenlangen Fortbildungen teilnehmen. Und auch im Job wird viel von ihr und ihren Kolleginnen verlangt: Sie müssen motivieren, aufklären, psychologischen Beistand leisten, geduldig sein und manchmal auch streng. Gerade bei den Typ-1-Diabetikern muss Sahar Fahimi sehr hartnäckig sein. “Denn Blutzuckerschwankungen sollen vermieden werden, um Folgeschäden zu verhindern”, sagt sie. Das heißt: Disziplin, Disziplin und nochmal Disziplin. Und Geduld: Fahimi muss immer Antworten auf die Fragen ihrer Patienten haben. Dumme Fragen? – Gibt es nicht! Kann ich den Diabetes wieder loswerden? – Nein, leider nicht! Kann ich vom Insulin abhängig werden? – Abhängig ja, aber nicht als Sucht, sondern “weil Ihr Leben daran hängt”, sagt sie. Warum gibt es Insulin nicht auch als Tablette? – Weil Insulin auf Eiweiß basiert und Eiweiß im Magen zersetzt wird. Insulin übersteht die Verdauung nicht. Es muss direkt ins Blut.


Nur fünf Minuten für die Krankheit

“Ich möchte den Patienten ihre Ängste nehmen und sie zur Therapie treue ermutigen”, sagt Sahar Fahimi. Doch erzwingen könne man nichts. Eine Drohkulisse aufzubauen – nach dem Motto, wenn Sie sich nicht an die Regeln halten, werden Sie blind oder verlieren einen Fuß! – das bringt nichts, sagt auch der Diabetologe Sohrab Fahimi. “Kein Mensch hat Lust, sich ständig mit seiner Krankheit zu beschäftigen und täglich daran erinnert zu werden, dass man schwer krank ist.” Und schon gar nicht will man das in einem mehrstündigen Unterricht wieder und wieder durchkauen. Hier kommt also viel Psychologie ins Spiel. “Oft sagen Patienten, ich weiß das doch alles selbst, ich will nichts hören”, sagt Sahar Fahimi. Und dann kommen sie erst Monate später endlich zur Schulung. Viele Betroffene erwarten vom Arzt, dass er sich um sie kümmert. Von einer echten Selbstverwaltung sind sie dabei weit entfernt. Gerade Diabetologen stehen oft vor dem Problem, dass der Erfolg der Behandlung von der Disziplin der Patienten abhängt – aber einige der Betroffenen dies trotz größter Anstrengungen nicht verstehen.
Mediziner versuchen es dann auch mal mit psychologischen Tricks. “Ich frage meine Patienten: Wie viel Zeit müssen Sie täglich in ihre Krankheit investieren?”, sagt Fahimi. – Es sind insgesamt nur fünf Minuten! Fünf Sekunden für jede Blutzuckermessung, zehn Sekunden fürs Spritzen, 20 Sekunden, um die Broteinheiten der Lebensmittel zu bestimmen… Nur fünf Minuten für die Krankheit, das klingt nicht mehr bedrohlich.
Die Ignoranz der Therapieempfehlungen steigt mit sinkendem sozialem Status der Patienten, sagt der Spezialist Thomas Scholz. Und manchmal kommt Fatalismus hinzu, wenn plötzlich wieder mal ein Patient, den er lange nicht gesehen hat, in der Praxis mit schweren Folgeschäden auftaucht, weil er sich nicht an den Therapieplan gehalten hat. “Manche Menschen sind trotz aller Mühe für unsere Botschaft nicht erreichbar.”




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