Darmspiegelung mit einer Kapsel: Ein Selbstversuch

Vielen macht der Gedanke an eine Darmspiegelung mit einem Endoskop Angst. Eine Alternative ist die sogenannte Kolonkapsel: eine Minikamera zum Runterschlucken. Sie durchläuft den Magen-Darm-Trakt auf natürliche Weise und sendet auf ihrem Weg hunderttausende Fotos an einen Recorder. Die Bilder wertet der Arzt im Anschluss aus und sucht nach Vorstufen von Darmkrebs. Ein Selbstversuch.

Ein winziges Raumschiff vor der Reise ins Ich: die Kolonkapsel ist nur drei Zentimeter lang.


Foto: Mike Wolff

Vielen macht der Gedanke an eine Darmspiegelung mit einem Endoskop Angst. Eine Alternative ist die so genannte Kolonkapsel: eine Minikamera zum Runterschlucken. Sie durchläuft den Magen-Darm-Trakt auf natürliche Weise und sendet auf ihrem Weg hunderttausende Fotos an einen Recorder. Die Bilder wertet der Arzt im Anschluss aus und sucht nach Vorstufen von Darmkrebs. Ein Selbstversuch.

Was sich da gleich den Weg durch meine Gedärme bahnen wird, ähnelt sehr einem Raumschiff, wenn auch einem in Miniaturformat. Die drei Zentimeter lange Kapsel, die sich bequem zwischen Daumen und Zeigefinger halten lässt, ist voll gepackt mit Technik: eine Kamera vorn und hinten, die von je vier lichtstarken heftig blinkenden LEDs umgeben ist, ein Akku, ein Minisender... Dieses Ding, das Mediziner eine Kolonkapsel nennen, wird auf seiner Fahrt durch mich hindurch hunderttausende Fotos von Magen, Dünn- und Dickdarm schießen und nach außen senden. Spüren werde ich davon nichts...

Es ist morgens, sieben Uhr. Ich muss noch etwas warten, bis ich in der Gastroenterologiepraxis am Schlachtensee von Jan Peter Grüber und Klaus Peter Kolbe die Kapsel schlucken darf, die auf natürlichem Wege eine Darmspiegelung funken soll. Anders als beim üblicherweise dafür eingesetzten Endoskop, das ein Arzt in umgekehrter Richtung in den Verdauungsgang schiebt. Beide Untersuchungen dienen der Früherkennung von Darmkrebs und seinen Vorstufen. Da im frühen Stadium der bösartige Tumor besonders gut heilbar ist, gilt die Darmspiegelung als Goldstandard in der Krebsvorsorge. Die besten Chancen hat man, wenn der Arzt ein Geschwür noch in seinen gutartigen Vorformen entdeckt und diese auch gleich entfernt: Polypen genannte Wucherungen in der Darmwand.

Doch trotz der klaren Erfolge, die diese medizinisch Vorsorgekoloskopie genannte Untersuchung hat, wird sie von zu wenigen Menschen in der Hauptzielgruppe in Anspruch genommen. Im Alter von 55 bis 74 Jahren sind es innerhalb eines Fünf-Jahreszeitraums nur 15 Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen. Viele haben Angst vor dem Endoskop, jenem 1,50 Meter langen biegsamen Schlauch, mit dem der Arzt durch das Verdauungsorgan manövriert. Andere haben einen so verschlungenen Darm, dass man ein Endoskop nicht komplett hindurchbekäme.

Für diese Patienten wurde die Kolonkapsel erfunden. Sie wird geschluckt und durchläuft den Magen-Darm-Trakt. Die starke Lichtquelle, deren Blitze ein mittelgroßes Zimmer gut ausleuchten könnten, ist nötig, damit die Bilder für den Arzt aufschlussreiche Details zeigen. Denn schließlich durchmisst die Kapsel Regionen des Körpers, wo nie die Sonne hinscheint.

Kapsel versus Endoskop: Weniger Nebenwirkungen aber auch weniger Möglichkeiten

Die Technik selbst mag klar für die Kapsel und gegen das Endoskop sprechen. Da sind beispielsweise die Risiken und Nebenwirkungen. Bei der herkömmlichen Endoskopie können diese durchaus erheblich sein, auch wenn sie selten auftreten. Dazu zählen etwa Verletzungen der Darmwand, Blutungen oder auch unerwünschte Nebenwirkungen der Medikamente, mit denen man für die Untersuchung ruhig gestellt wird. Laut der Berliner Koloskopiestudie (Becop) kommt es bei einer von 200 endoskopischen Darmspiegelungen zu Komplikationen. Dies ist bei der Kapsel anders: Für ihren Einsatz ist keine medikamentöse Sedierung nötig. Verletzungen sind nahezu ausgeschlossen. Die möglichen Komplikationen bestehen eher darin, dass die Kapsel länger als ein paar Stunden für die Passage benötigt. In einzelnen Fällen könnten schon mal einige Tage vergehen, sagt der Arzt Klaus Peter Kolbe, der die Kapselspiegelung beaufsichtigt und später die Aufzeichnungen auswerten wird, im Patientenaufklärungsgespräch.

Der Einsatz der Kapsel zur Darmkrebsvorsorge ist jedoch in der Fachwelt umstritten. So hat sich der Berliner Gastroenterologe Andreas Schröder bewusst gegen den Einsatz der Kapsel für Dickdarmuntersuchungen entschieden. "Die Genauigkeit beim Erkennen von Polypen ist derzeit noch geringer als beim Endoskopeinsatz", sagt Schröder, der auch Vorsitzender des Vereins gastroenterologisch tätiger Internisten in Berlin ist. Das zeigten Studien. Die Anatomie des Dickdarms ermögliche es nicht, dass die Kapsel gleichmäßig das gesamte Organ abtaste, sagt Schröder, der selbst nur das Endoskop zur Vorsorgekoloskopie im Dickdarm nutzt. "Die Kapsel bewegt sich mal schneller, mal langsamer durch den Darm, fällt im absteigenden Ast des Dickdarms schnell hinunter." Unter einem Zentimeter Größe seien Polypen so nur schwer zu finden - das gilt allerdings auch für die Darmspiegelungen mit Endoskop oder dem Computertomographen. Ein Endoskop aber können man hin und herschieben, um genau hinzuschauen. Außerdem könne man mit einem Endoskop auch mal nach spülen, wenn eine Darmbereich nicht ausreichend gereinigt ist, um sicher Veränderungen erkennen zu können.

Und schließlich: Findet die Kapsel etwas, das entfernt werden muss oder müssen Gewebeproben entnommen werden, um einen Tumorverdacht zu klären, kommt dann doch das Endoskop wieder ins Spiel – mit allen Unanehmlichkeiten. Doch das relativiere die Vorteile der Kapsel nicht, meint Kolbe. „Schließlich werden die weitaus meisten Vorsorgekoloskopien an gesunden Menschen durchgeführt, denen die Kapsel die Risiken des Endoskopeinsatzes erspart.“

Die Vorbereitung auf die Kapseluntersuchung ist jedoch nicht angenehmer, als bei einer herkömmlichen Darmspiegelung. Unter Umständen muss sogar etwas mehr getan, sprich mehr Flüssigkeit getrunken werden. Denn damit der Arzt etwas sehen kann, muss der Darm sauber sein. Und dazu ist es nötig, größere Mengen Abführmittel und Wasser in sich hineinzuschütten. Was für die Kapsellinsen unsichtbar ist, ist es auch für den Mediziner, der anschließend die Bilder auswertet.

Für den Patienten bedeutet das, einen Tag vor der Untersuchung fasten zu müssen, auch wenn klare Flüssigkeiten, wie Tee oder Brühe dann noch erlaubt sind. Insgesamt zwei Liter gelöstes Abführmittel und dazu ebenfalls zwei Liter Wasser musste ich zu mir nehmen. Das Abführmittel schmeckt trotz des hinzugefügten Zitronenaromas scheußlich – man stelle sich den Geschmack eines in Salz gewälzten Zitronenbonbons vor! Aber es geht nicht anders. Denn die in der Flüssigkeit gelösten Salze wirken nicht nur abführend, sie verhindern auch, dass die Darmwand das tut, was sie normalerweise tut: die Flüssigkeit aufnehmen. So kann der Verdauungsschlauch richtig durchgespült werden – und die Kapsel hat etwas, worin sie schwimmen kann.

Doch bevor die Reise ins Ich beginnen kann, legen mir die Praxishelferinnen von Klaus Peter Kolbe einen Gürtel an, an dem unter anderem der Recorder für die Bilder angebracht ist. Während ihres Weges durch den Körper funkt die Kapsel die Bilder direkt an das Aufzeichnungsgerät.

Nachdem ich die Kapsel geschluckt habe, und die ersten Bilder von Speiseröhre und Magen auf dem Recorder landen, folgt ein weiteres Glas mit Abführmittel, gefolgt von vier Gläsern Wasser. Der Geschmack wird von Mal zu Mal scheußlicher... Das ist natürlich ein subjektiver Eindruck, andere kommen mit dem gewöhnungsbedürftigen Aroma sicher besser zurecht.

Nötig ist das, um ordentlich Bewegung in die Innereien zu bringen und die Kapsel schnell in den Dünndarm zu befördern. Nun heißt es, eine Stunde spazieren gehen. Damit die Peristaltik des Darms in Schwung kommt – und damit auch die Kapsel. Zum Glück liegt Kolbes Praxis direkt am Schlachtensee, den man entlangwandern kann. Das bringt etwas Ablenkung vom knurrenden Magen und dem leichten Krankheitsgefühl, das man nun mal hat, wenn man mehr oder weniger zwei Tage lang nicht vom Klo gekommen ist.

Knapp 45 Minuten später: Das erste Piepen des Recorders, der nicht nur die Bilder empfängt, sondern mit einer Art Navigationssoftware auch den Weg der Kapsel verfolgt, zeigt an, dass das Gerät nun im Dünndarm ist. Ich muss zurück in die Praxis. Der Arzt checkt noch einmal die Bildqualität. „Sieht gut aus“, sagt Kolbe. Ich nehme mal an, er meint nicht meinen Darm, sondern die erreichte Position der Kapsel.

Jetzt heißt es warten, bis die Natur ihren Gang geht. Dabei kann man alles tun, wobei das Technikgeschirr nicht stört. Also auch seinem Bürojob nachgehen. Normal ist alles zwischen zwei und sechs Stunden, bis die Kapsel den Körper wieder verlässt. „Zwei Stunden ist bei uns der Rekord“, sagt Klaus Peter Kolbe. Den Rekord breche auch ich – besser gesagt meine Darmmuskulatur – nicht. Aber mit knapp dreieinhalb Stunden ist es recht schnell vorbei.

Ein Spaziergang bringt Darm und Kapsel in Bewegung

Jetzt heißt es warten, bis die Natur ihren Gang geht. Dabei kann man alles tun, wobei das Technikgeschirr nicht stört. Also auch seinem Bürojob nachgehen. Normal ist alles zwischen zwei und sechs Stunden, bis die Kapsel den Körper wieder verlässt. „Zwei Stunden ist bei uns der Rekord“, sagt Klaus Peter Kolbe. Den Rekord breche auch ich – besser gesagt meine Darmmuskulatur – nicht. Aber mit knapp dreieinhalb Stunden ist es recht schnell vorbei, für mich. Für den Arzt beginnt jetzt die eigentliche Arbeit. Er muss nun die Bilder bewerten. Zwar gibt es automatische Werkzeuge, die den Mediziner bei der Auswertung der rund 400 000 Einzelbilder unterstützen, die die Kapsel auf ihrem Weg gefunkt hat. Und der erfahrene Gastroenterologe weiß auch, in welchen Abschnitten des Verdauungsorgans er genauer hinschauen muss und wo ein etwas oberflächlicherer Blick genügt. Doch trotzdem sitzt Kolbe bis zu einer Stunde an der Auswertung des Videomaterials einer einzigen Kapsel, um seinen Befund schreiben zu können. Und wenn der Darm dann doch nicht optimal gereinigt sein sollte – was sich daran zeigt, dass die Flüssigkeit, in der die Kapsel durch den Darm treibt, trübe ist – dann muss der Arzt mühsam Bild für Bild genauer betrachten, um auch kleinere Polypen nicht zu übersehen.

Trotz aller Vorbereitungen sei bei einem von zehn Patienten der Darm so unzureichend gereinigt, dass das Ergebnis der Untersuchung nicht zu 100 Prozent sicher ist, sagt Kolbe. Das sei auch nur schwer vermeidbar, denn Menschen seien nun mal keine identischen Autos, sondern so unterschiedlich, dass das immer wieder gleiche Reinigungsprozedere bei einigen eben nicht ausreichend wirksam sei. Das ist ein Kompromiss. Um diese zehn Prozent auch bestens untersuchen zu können, müsste man die übrigen neunzig Prozent mit noch mehr Abführmittel traktieren, obwohl das gar nicht nötig ist. Und die Vorbereitung auf die Untersuchung ist sowieso schon einer der Hauptgründe, dass noch immer so viele Menschen auf die Vorsorge-Darmspiegelung verzichten. Macht der Arzt es noch unangenehmer, wäre die Akzeptanz wohl noch niedriger.

Ich sitze neben dem Monitor, auf dem Klaus Peter Kolbe meinen Film auswertet. So sehe ich also innen aus. Die feucht schimmernden pergamentfarbenen Wände sind marmoriert durch ungezählte feine rote Blutgefäße. In regelmäßigen Abständen durchziehen Muskelringe das Gewebe, die ein wenig an den Blick hinauf in ein dreieckiges Treppenhaus erinnern. Diese Ringe sorgen für die Peristaltik des Darms, also die unwillkürlichen Bewegungen, mit denen der Speisebrei durch das Verdauungsorgan transportiert wird.

„Ohne Befund“, sagt Kolbe. Ich bin erleichtert. Alles in Ordnung.

Die Kapsel hat ihren Job erledigt. Nun ist sie nutzlos und nach gut 24 Stunden auch elektrisch tot, denn dann ist der Akku leer und die blinkenden LEDs verlöschen. So ohne Lichteffekte sieht die Kapsel sehr viel weniger beeindruckend aus, wie ein kleines Stück Plastik eben.

Aber trotzdem behalten viele Patienten das nun nutzlose Stück Hightech als Erinnerung. Nur die wenigsten spülen die Kapsel einfach durchs Klo. Es wäre auch ein teures Stück, was da in die Kanalisation rauschte: Um die 1150 Euro kostet die Kapselendoskopie insgesamt – allein 700 Euro bringt die Kapsel auf die Rechnung, der Rest geht an den Arzt.

In der Regel zahlen das die Patienten selbst. Es gebe aber viele Beispiele, in denen private Krankenkassen auf Anfrage die Kosten übernommen haben, sagt Kolbe. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen diese Untersuchung bisher nur in Einzelfällen, so wie die AOK Bayern in einem Modellvorhaben. Aber üblicherweise setzen die Kassen noch immer auf das Endoskop.

Seit 2006 ist die Technik für Vorsorgekoloskopien im Einsatz. Das heißt, nach den weltweit bisher rund 1,7 Millionen eingesetzten Kapseln hat sich so einiges an Erfahrung angesammelt. Und es werden immer mehr. „Vor einem Jahr hatte ich im Schnitt eine Kapselendoskopie pro Monat, jetzt ist es schon eine wöchentlich“, sagt Kolbe.

 

Ingo Bach



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