Suchtprävention bei Kindern und Jugendlichen: „Cannabis Sünde sein?“

Bei Karuna prevents können Schulklassen bei fünf verschiedenen Präventionsparcouren mitmachen. Dabei wird ihnen gezeigt, wie und warum man gar nicht erst zu Drogengreifen sollte. „Cannabis Sünde sein?“, damit beschäftigt sich die 10. Klasse der Heinrich-Mann-Schule.

Viele Drogen enthalten zum Teil gesundheitsschädliche Streckmittel, um noch mehr Profit zu machen. Oliver Riemer von Karuna erläutert, welche das sein können.


Foto: Theo Heimann

„Und jetzt nehmt ihr das alle in den Mund und lasst es gaaanz langsam auf der Zunge zergehen“. Oliver Riemer, Sozialmanager und Projektleiter bei Karuna prevents, steht vor 17 Schülern und steckt sich genüsslich ein Stück Vollmilchschokolade in den Mund. Die Schüler tun es ihm nach, während im Hintergrund psychedelische Popmusik läuft.

Die Räume von Karuna prevents befinden sich etwas versteckt in einem Einkaufzentrum bei der Frankfurter Allee. Der Cannabis-Parcours, in dem die Schüler an verschiedenen Stationen mehr über das Rauschmittel erfahren werden, ist in einem großen, hellen Raum untergebracht. In der Mitte sitzen Riemers Zuhörer. Außenrum sind fünf Stationen aufgebaut. Von der Decke hängt ein Flatscreen, den Riemer für ergänzende Präsentationen zu seinen Erklärungen nutzt.

Das süße Experiment am Anfang soll die Wirkung von Cannabis simulieren, wenn auch in extrem abgemilderter Form. Riemer erklärt: Genau wie nach dem Verzehr von Schokolade würde auch beim Cannabis-Konsum der Glücksbotenstoff Serotonin vermehrt ausgeschüttet. Man fühlt sich gut. Das kann sich sehr gut anfühlen. Doch der Serotonin-Spiegel sinkt schnell wieder ab - und der Körper verlangt nach einer neuen Dosis. Bei den aufmerksam lauschenden Schülern der 10.5 der Neuköllner Heinrich-Mann-Schule scheinen seine Aufklärungsbemühungen aber nicht unbedingt nötig zu sein. Anfällig für Schokosucht ist hier wohl keiner – zumindest bittet niemand um ein zweites Stück Schokolade.

Nach der Europäischen Schülerstudie (ESPAD) von 2011 ist in Berlin die Rate der Jugendlichen, die Cannabis konsumieren, deutschlandweit am höchsten. Etwa 30 Prozent der Schüler haben es schon einmal ausprobiert, um die 15 Prozent kiffen regelmäßig. Im Umkehrschluss heißt das aber natürlich auch, dass eine Mehrheit der Jugendlichen nicht konsumiert.

In der Klasse 10.5 sind das sehr viele. Die meisten haben bisher nur sehr vage Vorstellungen davon, was genau sich in einem Joint befindet und die Rauschzustände auslöst. Das fängt schon beim Titel dieser Veranstaltung an, für den die Macher ein wenig Wortspielerei betreiben: „Cannabis Sünde sein?“ - „Cannabis, was ist das denn überhaupt?“ Die Schülerin mit langen dunkelbraunen Haaren und dezent geschminkten Augen schaut arglos in die Runde. Riemer, ein junggebliebener 35-Jähriger in Jeans und Turnschuhen, erklärt, dass es männliche und weibliche Hanfpflanzen gebe und nur die Blüten der weiblichen Pflanze den Wirkstoff besitzen, der high macht. Um Marihuana herzustellen werden die Blüten nach der Ernte getrocknet und dann entweder geraucht oder in Speisen konsumiert. Haschisch, ein weiterer aus der Pflanze gewonnener Suchtstoff, entsteht aus dem Harz der Cannabis Pflanze.

Auch andere Fragen werden diskutiert: Ist Cannabis legal? Ist kiffen „normal“? Oder auch diese: Wärt ihr für oder gegen die Eröffnung eines Coffee-Shops im Görlitzer Park? Unsicheres Gemurmel folgt. Riemer lässt abstimmen. „Wer ist dagegen?“ Fast alle heben die Hand. „Wer ist dafür?“ Einige wenige Hände sind zu sehen. „Und warum?“, hakt Riemer bei einem Mädchen nach. Sie, adrette Bluse und lackierte Fingernägeln, glaubt, dass sich dann die Dealer nicht mehr im ganzen Park verteilen würden und die Passanten belästigen. „Dann wären die wenigstens nur im Coffee-Shop zu finden.“ Ob sich einige einfach nur wegen der anwesenden Klassenlehrerin nicht trauen, für die Legalisierung von Hanf zu sein, bleibt offen. Hinterher sagt Riemer, dass ihm bewusst sei, dass manche Schüler vor den Klassenkameraden und den Lehrern natürlich zurückhaltendere Fragen stellen. Manchmal kämen aber auch Pädagogen auf ihn zu, wenn sie den Verdacht haben, jemand in der Klasse könnte ein Suchtproblem haben. Dann verweist er auf andere Projekte von KARUNA e.V., wie das Tagesstrukturangebot Komma oder das Wohnprojekt Villa Störtebecker, die auf die Betreuung von süchtigen Jugendlichen spezialisiert sind.

„Bleipulver sieht anders aus“

Riemer nimmt die Schüler ernst, stellt aber auch klar, wenn sie falsch liegen. Einer besteht zunächst darauf, dass Cannabis in der Medizin legal sei. Riemer widerspricht. Auch im medizinischen Bereich sei Cannabis nur in Ausnahmefällen erlaubt und außerdem nur auf Rezept erhältlich. Das gilt zum Beispiel für Patienten mit starken chronischen Schmerzen oder mit Erkrankungen, die die Ernährung durch fehlenden Appetit gefährden. So lindert es unter anderem auch die Übelkeit, die während einer Chemotherapie oder HIV-Medikation auftreten kann.

Nach diesem einführenden Teil beginnt der Parcours. Fünf Stationen sind im Raum verteilt, die die Schüler in kleinen Gruppen ablaufen. „Nein, Bleipulver sieht anders aus, das ist vielleicht Quecksilber oder so“. „Nee Schmierfett, glaube ich“. Diese Diskussion findet an der Station zum Thema Streckmittel statt. Es ist die einzige Station, die für Nicht-Konsumierende weniger interessant ist, als für Konsumierende. Die Schüler sollen hier Fotos von verschiedenen Stoffen, die dazu benutzt werden, die reinen Drogen zu verlängern, erkennen und zuordnen. Die Streckmittel sind oft gesundheitsgefährdender als die Droge selbst. Dieser zusätzlichen Gefahr sollen sich die Schüler bewusst werden.

Wissensorientierter ist das Frage-Antwort-Terminal mit Touchscreen: Erweitert Cannabis das Bewusstsein und macht schlau? Jeffrey* (16 Jahre, Name geändert) aus Neukölln glaubt nein. Er ist groß und kräftig, hat kurze Haare und trägt weite Jeans.Vom Aussehen her könnte man ihn auch für volljährig halten. Einmal habe ihn ein Dealer auf der Straße angesprochen, aber er habe sofort abgelehnt. „Ich wusste ja: ich könnte damit mein Leben kaputt machen“, sagt er. Allerdings rauchten Freunde von ihm regelmäßig Joints und um die mache er sich manchmal schon Sorgen. Durch die Drogen seien sie schlechter in der Schule geworden und „wenn sie gekifft haben, dann sind sie irgendwie nicht mehr ganz sie selbst.” Einmal hat er mit diesen Kumpels zusammen auf die U-Bahn gewartet. Jeffrey war nüchtern, die Freunde nicht. „Die sind dann immer über die Bänke gesprungen und haben Passanten genervt, das war peinlich.“ Er glaubt, seine Freunde hätten aus Langweile zu kiffen angefangen. „Sie sagen, es macht halt Spaß“.

Jeffrey und seine Mitschüler finden andere Dinge spannender. Als Oliver Riemer sie fragt, was ihnen wichtig ist und Freude macht, sagen sie Sachen wie: Freunde, Familie, eine gute Ausbildung. Ist das wirklich eine normale Klasse? Riemer sagt später, sie seien schon sehr brav gewesen, die Schüler der 10.5. Meistens ginge es chaotischer zu. Auch die Fragen, die zum Thema kiffen gestellt werden, variierten je nach Gruppe sehr stark. Andere Schüler hätten mehr über die rechtlichen Aspekte von Cannabis-Konsum wissen wollen oder die genaue Rauschwirkung von Cannabis. Doch die Idee von Karuna prevents ist, dass solche Informationen nur auf Nachfrage der Schüler diskutiert werden. So bleibt der Besuch dem jeweiligen Wissensstand der Klasse angepasst und die Neugier der Schüler auf die Droge wird nicht unnötig angestachelt.

Etwa 800 Klassen besuchen jedes Jahr einen der fünf Mitmachparcours bei Karuna prevents in Berlin Lichtenberg. Die Themen sind: Rauchen, Alkohol, Ernährung und Bewegung, Internet und Glücksspielsucht, und eben Cannabis-Konsum. Finanziert wird das Projekt durch die vier Euro Eintrittsgeld pro Person, die die Schulklassen zahlen, und durch Gelder von der Senatverwaltung für Gesundheit und Soziales. Für das Jahr 2013 hat das Projekt des Vereins Karuna – Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not e.V. so ein Jahresbudget von etwa 200 000 Euro zur Verfügung.

Den erhobenen Zeigefinger runter nehmen

„Spielerisch und sachlich“, nennt Riemer den Ansatz von Karuna prevents. Die Angebote richten sich klar an Nicht-Konsumenten und sollen Kinder und Jugendliche darin bestärken, Drogen und anderen Süchten fernzubleiben. Die Schock-Methoden wie grausige Fotos, drastische Berichte von den Nebenwirkungen und Konsequenzen der Droge, die in den 80er Jahren noch gang und gäbe waren, vermeidet das Projekt. Stattdessen heißt es vor allem, den erhobenen Zeigefinger runter zu nehmen und sachlich die Gefahren und negativen Folgen des Drogenkonsums zu besprechen. Riemer meint: „Je weniger man zu überzeugen versucht, desto überzeugender ist man.“

Die Parcours-Moderatoren wie Riemer müssen keine spezielle Ausbildung vorweisen können, aber ein sicheres Auftreten, ein guter Draht zu Jugendlichen und Interesse an den Parcours-Themen sind Voraussetzung. Eigene Erfahrungen mit Mariuhana oder Haschisch sind allerdings keine Bedingung für die Aufklärungsarbeit.

Der Parcours bei Karuna endet mit dem „Wahrheit oder Mythos“-Spiel. Es gibt zwei Buzzer, einer rot, einer blau. An die Wand wird eine Aussage projiziert und die Schüler müssen entscheiden: Entspricht sie der Wahrheit oder ist es ein Mythos. Kiffen ist ungefährlich. Da sind sich alle einig, der rote Mythos-Buzzer wird gedrückt. Bei anderen herrscht immer noch Unklarheit: Verursacht Cannabis-Sucht körperliche Entzugssymptome? Die Schüler tippen auf Mythos, das hätten sie im TV gesehen. Riemer stellt richtig: Diese Annahme sei zwar weit verbreitet, aber Nervosität und Schlafstörungen zum Beispiel seien typische körperliche Entzugserscheinungen.

Der Cannabis-Parcours wurde erst im März 2013 fertig gestellt. Je nach Erfahrung nehmen die Mitarbeiter noch kleinere Veränderungen vor. So funktionieren einige der Videos und technischen Geräte noch nicht ganz zuverlässig. Trotzdem, das Fazit der Schüler ist insgesamt sehr gut. Auch Jeffrey fand den heutigen Besuch auf jeden Fall nützlich. Er meint, vielleicht könnte er sogar etwas von seinem neuen Wissen an seine kiffenden Freunde weiter geben. Und das wäre dann genau der Dominoeffekt, den sich die Mitarbeiter von Karuna prevents wünschen. Schokolade aber mag Jeffrey trotzdem.

 

Anna Ilin



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