Interview mit Präventionsforscher: „Die Wirksamkeit von Aufklärungskampagnen im Suchtbereich wird völlig überschätzt“

Wie hält man Kinder und Jugendliche davon ab, Alkohol oder Drogen illegale Drogen zu konsumieren? Sind Schockbilder auf Zigarettenpackungen ein geeigneter Weg oder Plakatkampagnen? Der Psychologe Andreas Beelmann sagt nein. Um wirksam zu sein, müsse die die Suchtprävention erlebnisorientiert sein und ein fester Bestandteil des Lehrplans in Schulen werden.

Andreas Beelmann ist Professor am Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller Universität Jena. Er arbeitet seit Jahren intensiv unter anderem zu den Themen Psychologische Prävention im Kindes– und Jugendalter und Methoden und Probleme der Evaluationsforschung.


Foto: Promo

Herr Professor Beelmann, gerade in der Suchtbekämpfung spielen Antidrogenkampagnen immer wieder eine große Rolle. Aber ist diese Art von Aufklärung überhaupt wirksam?

Bei Erwachsenen versucht man, die Verfügbarkeit von so genannten Genussmitteln und Drogen zumeist über Preiserhöhungen oder erschwerten Zugang einzuschränken. Im Allgemeinen konzentriert sich Suchtprävention zumeist auf Kinder und Jugendliche. Aber die Wirksamkeit von Aufklärungskampagnen im Suchtbereich wird völlig überschätzt. Bei der Präventionsarbeit sollte man stärker auf die tatsächlichen, psychologischen Faktoren einer Sucht einwirken. Aufklärung geht davon aus, dass die Betroffenen nicht Bescheid wissen, also aus einem Mangel an Informationen Suchtmittel konsumieren. Das ist aber in den seltensten Fällen so. Außerdem liegen speziell bei Jugendlichen zahlreiche andere Gründe vor, warum Aufklärung nicht funktioniert.

Zum Beispiel?

Gesundheitsappelle, die die meisten Aufklärungskampagnen enthalten, erreichen Jugendliche fast nie. In der Fachsprache sprechen wir von so genannten „Unverletzbarkeitskognitionen“. Das heißt, junge Menschen gehen zunächst davon aus, dass sie gesund sind und bleiben, egal welches Verhalten sie zeigen. Damit haben sie auch nicht ganz Unrecht, denn ein jugendlicher Körper verträgt in der Regel auch eine Menge. Sätze wie: „In zwanzig Jahren kriegt ihr Lungenkrebs“, erreichen sie nicht. Das ist einfach zu weit weg von ihrer Lebenswirklichkeit. Ältere Menschen sprechen dagegen eher auf Appelle an, weil sie schon mit Gesundheitsproblemen konfrontiert wurden.

Was ist mit der Strategie, den Schülern Schockbilder von kranken Lungen und Drogenabhängigen mit ausgemergelten Körpern zu zeigen?

Auch diese Maßnahmen erreichen die Jugendlichen in der Regel nicht. Diese zeigen ja nicht aus Unkenntnis der Gefahren Suchtverhalten, sondern weil damit andere Zwecke erreicht werden sollen, wie zum Beispiel in einer Gruppe von Gleichaltrigen akzeptiert zu werden. Sie wollen als Erwachsene gelten oder eine Problematik mit dem Selbstwert kompensieren. Schockbilder wirken in der Regel nur auf Menschen, die das Suchtverhalten gar nicht zeigen. Vielleicht führen sie langfristig dazu, dass diese Personen nicht anfangen zu konsumieren. Eine besonders effektive Strategie ist es dennoch nicht.

Welche Methode zur Suchtprävention ist dann die beste?

Ein wirksames Präventionsprogramm besteht aus mindestens zwei Elementen. Dem richtigen Inhalt und einer guten Durchführung. Lange wurde davon ausgegangen, dass die Inhalte, also was man mit den Kindern und Jugendlichen macht, das Wichtigste sind. Die Art der Vermittlung, das heißt wie man arbeitet, ist jedoch ebenso entscheidend. Wirksame Suchtprävention muss interaktiv sein, das heißt, die Jugendlichen müssen aktiv einbezogen werden und auch konkret etwas tun können. Mitmach-Parcoure sind aus dieser Perspektive deshalb eine gute Idee, besonders wenn die Themen im regulären Unterricht vor- und nachbereitet werden.

Ein guter Suchtpräventionsansatz sollte aber verschiedene Komponenten enthalten. Zum einen hat es sich als sehr wirkungsvoll erwiesen, mit den Jugendlichen zu üben, wie man Gruppendruck widersteht, zum Beispiel in dem man in Rollenspielen Angebotssituationen nachstellt. Zum anderen sollten allgemein soziale Kompetenzen gestärkt werden. Dies umfasst einerseits bestimmte Verhaltenskompetenzen wie etwa Freundschaften zu schließen oder Gespräche anzufangen - und zu beenden. Andererseits sind damit auch so genannte sozial-kognitive Kompetenzen gemeint, das bedeutet zum Beispiel die Fähigkeit, mit sozialen Problemsituationen umzugehen und einen Streit friedlich zu lösen. Auf diese Weise soll der Einzelne in die Lage versetzt werden, seine eigenen Interessen durchzusetzen, aber gleichzeitig auch die Interessen der anderen zu berücksichtigen. Das schützt ihn gewissermaßen vor sozial problematischem Verhalten, wozu der Drogenkonsum gerechnet werden kann.

Es sind also vor allem solche Mehrkomponentenprogramme, die sich als wirksam erwiesen haben. Ihr Nachteil ist, dass sie sehr umfangreich sind und oft über ein halbes oder ganzes Schuljahr dauern. Für die Schulen ist es nicht immer einfach, solche Maßnahmen durchzuführen. Besonders seit den PISA- und IGLU-Studien und durch die Verkürzung der Schulzeit haben die Schulen ihre Prioritäten verschoben. Die Lehrpläne sind straffer geworden und es mangelt an Ressourcen für Aktivitäten außerhalb des Kernlehrplans.

Wie gut lässt sich die Wirksamkeit von Suchtpräventionsprogrammen überhaupt messen?

Sicher, bei therapeutischen Maßnahmen lassen sich die Effekte viel schneller und direkter nachweisen: Jemand hat ein Drogenproblem, dann wird eine Therapie durchgeführt und wenn das Problem danach beseitigt ist, war die Therapie offensichtlich hilfreich. Prävention funktioniert anders, da sie zu einem Zeitpunkt einsetzt, an dem noch gar kein Problem besteht. Ein Kind, das bei einer Präventionsmaßnahme mitmacht, hat nichts und danach hat es immer noch nichts. Erst langfristig lässt sich feststellen, ob die Maßnahme etwas genützt hat. Das ist das Schwierige beim Wirksamkeitsnachweis von Prävention.

Es gibt aber sehr gute, groß angelegte Untersuchungen vor allem aus den USA, die eindeutig die Wirksamkeit von bestimmten Präventionsprogrammen belegen. Allerdings sind solche Studien sehr teuer, denn sie sind oft langfristig (beispielsweise auf über zehn Jahre) angelegt, um eben die langfristigen Wirkungen beurteilen zu können. Außerdem wird mit hohen Teilnehmerzahlen gearbeitet, um die Effekte statistisch abzusichern. Sie brauchen sowohl eine Programmgruppe, die an dem Präventionsprogramm teilgenommen hat, wie auch eine Kontrollgruppe, die der ersten in vielen Punkten gleicht, aber sich dadurch unterschiedet, kein Präventionsprogramm gemacht zu haben. So gesehen ist Präventionsforschung kein leichtes Geschäft.

Können Präventionskampagnen auch ungewollt neugierig auf Drogen machen?

Das ist in der Tat teilweise nachgewiesen worden. Man spricht von so genannten Sensibilisierungseffekten. Sie können unter anderem dann entstehen, wenn das Präventionsprogramm gewissermaßen zu früh durchgeführt wird, also zu einem Zeitpunkt, an dem zum Beispiel Drogen oder Alkohol noch gar nicht Thema für die Kinder sind. Sie fühlen sich dann überfordert oder werden erst recht neugierig. Man muss daher den richtigen Zeitpunkt in der Entwicklung abpassen. Zum Beispiel wäre bei Alkoholprävention das Alter zwischen 13 und 15 Jahren richtig. Natürlich gibt es auch Fälle von Acht- oder Neunjährigen, die schon getrunken haben, aber das sind die Ausnahmen.

Welche Rolle spielt die Idee der Drogenmündigkeit, also der Gedanke des verantwortungsvollen Konsums oder „Safer Use“ von Drogen in der heutigen Präventionsarbeit?

Ich sehe nicht, dass das heute in der Präventionsarbeit bei Kindern und Jugendlichen eine große Rolle spielen würde. Nur bei der Alkoholprävention gibt es teilweise Ansätze, die nicht die totale Abstinenz empfehlen, sondern für einen verantwortungsvollen Umgang plädieren.

Es ist schwer zu sagen, ob es sinnvoll wäre, vermehrt auf Drogenmündigkeit zu setzen. Einerseits sind Zigaretten und Alkohol immer noch die klassischen Einstiegsdrogen für eine spätere Drogenkarriere. Andererseits zeigen Studien, dass im Erwachsenenleben nicht diejenigen am besten sozial angepasst sind, die permanent abstinent waren, sondern die, die während ihrer Jugendzeit auch mal etwas ausprobiert, aber dann wieder aufgehört haben.

Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die Suchtpräventionsarbeit?

Eine Erkenntnis in der Präventionsforschung ist, dass unterschiedliche Probleme wie Gewalt, Sucht aber auch Essstörungen vielfach gemeinsame Ursachenfaktoren haben. Unter diesem Blickwinkel wäre es sinnvoll, Präventionsprogramme durchzuführen, die die allgemeinen Lebenskompetenzen von Schülern stärken. Außerdem wäre es gut, wenn derartige Maßnahmen fest im Lehrplan verankert wären, so wie der Mathematik- oder der Deutschunterricht. Aber dafür müssten sehr dicke Bretter gebohrt werden.

 

Andreas Beelmann ist Professor am Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller Universität Jena und arbeitet seit Jahren an den Themenfeldern Psychologische Prävention im Kindes– und Jugendalter und Methoden und Probleme der Evaluationsforschung.

 

Das Interview führte Anna Ilin.



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