Interview mit der Berliner Drogenbeauftragten: „Wir haben ja nur dieses eine Leben“

Christine Köhler-Azara ist Drogenbeauftragte des Landes Berlin. Sie berichtet von den Drogenproblemen in Berlin, wie effektive Drogenprävention funktioniert und erklärt, was Eltern ihren Kindern mitgeben können.

Die Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara.


Foto: promo

Frau Köhler-Azara, Berlin gilt als Party-Mekka. Stellt das die Stadt vor spezielle Herausforderungen, was den Drogenkonsum angeht? Es gibt Touristen, die glauben, Drogen seien hier mehr oder weniger legal.

Köhler-Azara: Auf der einen Seite ist es sicher für Berlin ganz nett, dass sie als die Party-Hauptstadt gilt. Auf der anderen Seite ist es natürlich ein Problem, denn diese Szene ist häufig verbunden mit dem Konsum von Amphetaminen, Cannabis und anderen Party-Drogen. Und ich finde es bedenklich, wenn bestimmte Reiseveranstalter spezielle „Kneipentouren“ anbieten und den Kunden vermitteln, dass man hier quasi rund um die Uhr Alkohol trinken kann. Ich glaube nicht, dass es dem Ruf Berlins auf Dauer gut tut, Gegenden zu haben, wo man ständig auf Betrunkene trifft.

Ist Berlin denn die Drogenhauptstadt von Deutschland?

Nein. Man muss die Drogenprobleme der Bevölkerungszahl gegenüberstellen und da haben andere Städte deutlich größere Probleme, besonders was die illegalen Drogen betrifft. Und auch bei den legalen Drogen befindet sich Berlin eher im Mittelfeld. Berlin ist allerdings leider bundesweit Spitzenreiter beim Konsum von Cannabis.

Sie sind seit 2007 Drogenbeauftragte des Landes Berlin. Wie hat sich das Problem in den letzten Jahren entwickelt?

Wir haben natürlich im Drogenbereich ständig Veränderungen, sowohl was die Substanzen betrifft als auch die Arten des Konsums. Die Droge Crystal Meth ist in Berlin glücklicherweise kein großes Problem, die Drogenabhängigen hier scheinen großen Respekt vor dieser gefährlichen Substanz zu haben. Crystal konzentriert sich momentan noch an der tschechischen Grenze in Sachsen und Bayern. Allerdings wissen wir auch: Drogenprobleme bleiben meistens nicht regional beschränkt. Auch Heroin spielt nicht mehr eine so große Rolle wie noch vor einigen Jahren. Wir registrieren hier glücklicherweise immer weniger Neueinsteiger. Trotzdem gibt es eine beständige Zahl von Süchtigen, die sich in den letzten Jahren bei etwa 10 000 eingependelt hat. Momentan konzentriert sich ein Teil dieser Szene um den Stuttgarter Platz, wo wir bemüht sind, Hilfsangebote bereit zu stellen. Es gibt dort zum Beispiel einem mobilen, medizinisch betreuten Drogenkonsumraum.

Welche Probleme gibt es in der Suchthilfe?

Wir haben zwar ein gut ausdifferenziertes Hilfesystem in der Stadt, aber auch eine rasant steigende Nachfrage. Zwischen 2000 und 2010 registrierten wir eine Steigerung der Klienten in den Beratungsstellen um ca. 40 Prozent. Und auch die Klienten selbst verändern sich, worauf wir reagieren müssen. Es kamen zum Beispiel vermehrt Cannabis-Abhängige, die oft jung sind und wo man dann auch die Angehörigen einbeziehen muss. Das heißt, dass die Beratungsstellen vielerorts mittlerweile an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Problematisch ist auch, dass wir immer wieder günstigen Wohnraum brauchen für Menschen, die aus der Therapie entlassen wurden. Der aber ist in Berlin, selbst in den Randbezirken, immer schwerer zu bekommen. Für uns ist es schwer zu ertragen, wenn wir diese Menschen in die Wohnungslosigkeit entlassen müssen, denn damit steigt die Rückfallgefahr enorm.

Tut denn Berlin genug im Bereich Suchtprävention?

Wir haben 2005 die Struktur der Suchtprävention verändert und die unabhängige Fachstelle für Suchtprävention geschaffen. Dort sind alle Mittel für diesen Bereich konzentriert. Damit steht etwas weniger als eine halbe Million Euro im Jahr für Suchtprävention zur Verfügung. Ich halte die Arbeit der Fachstelle für sehr erfolgreich. Sie hat es geschafft, Suchtprävention in Berlin zum Thema zu machen und kompetente und wichtige Kooperationspartner zu gewinnen: Krankenkassen, den Landessportbund, die Industrie- und Handelskammer, den Einzelhandelsverband. Auch die Bezirke engagieren sich vermehrt.

Wann funktioniert Präventionsarbeit am besten?

Am Beispiel Tabak zeigt sich, dass es am effektivsten ist, wenn man einen so genannten Policy-Mix verfolgt. Das heißt auf der einen Seite z.B. Steuererhöhungen und/oder Werbeverbote, und auf der anderen Seite eine offene Debatte um Nichtraucherschutz und die gesundheitlichen Risiken, die mit dem Rauchen zusammen hängen. Außerdem waren die Präventionsanstrengungen stark darauf ausgerichtet, das Image des Rauchens zu verändern. Und es hat funktioniert. In vielen Gruppen gilt rauchen heute nicht mehr als cool, wie das noch in meiner Jugend der Fall war. Leider hat Deutschland aber eine ziemlich festgefahrene Position, was die Plakatwerbung angeht. In vielen anderen europäischen Ländern ist Zigarettenwerbung schon längst nicht mehr erlaubt, hierzulande aber ist ein solches Verbot leider nicht in Sicht.

Wäre ein ähnliches Vorgehen auch bei Alkohol sinnvoll?

Aus unserer fachlichen Sicht wären Steuererhöhungen auch für Alkohol sinnvoll. Aber wir haben Bundesländer, die Wein herstellen und Bier brauen, und die wollen natürlich auch ihre Arbeitsplätze schützen wollen. Bisher konnten für eine solche Maßnahme keine Mehrheiten gewonnen werden, genauso wenig wie für ein Werbeverbot. Was ich aber sehr sinnvoll fände, wären zum Bespiel Hinweise auf Flaschen, dass Schwangere keinen Alkohol trinken sollen, weil es das Ungeborene schädigt. Solche Maßnahmen brauchen aber Zeit. Man muss dafür die Menschen mitnehmen und kann nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Alkohol ist ja das soziale Schmiermittel überhaupt. Es gibt ja so gut wie kein Fest oder keine Feier, auf denen kein Alkohol angeboten wird. Also ist unser Ziel, einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol zu fördern. Wir fordern keine absolute Abstinenz. Sondern es geht darum, gut zu überlegen, in welcher Situation man wie viel trinkt. Muss ich danach zum Beispiel noch Auto fahren? Nehme ich Medikamente? Oder: In der Schwangerschaft sollte man in jedem Fall auf Alkohol verzichten. Punktnüchternheit nennt man diese Idee, dass man in bestimmten Situationen Alkohol vermeidet. In Geselligkeit kann man trinken, aber eben in Maßen. Alkohol ist ein Zellgift und schädigt natürlich auf Dauer die Gesundheit.

Was raten Sie Eltern, die Angst davor haben, dass ihre Kinder Drogen probieren?

Ich rate Eltern immer, mit ihren Kindern über ihre Sorgen zu sprechen. Ich habe das mit meinen inzwischen erwachsenen Töchtern auch so gehalten. Gerade hier in Berlin, wo im Prinzip alles problemlos verfügbar ist, wird man als Eltern nicht verhindern, dass die Kinder Alkohol ausprobieren, dass sie vielleicht auch mal Zigaretten oder Cannabis rauchen. Das Probieren an sich ist zumeist eine Erfahrung Heranwachsender, die nicht zu vermeiden ist. Wobei ich nicht sagen will, dass es notwendig ist. Damit die Kinder aber lernen, mit Suchtmitteln umzugehen, muss man ihnen dabei helfen, eine eigene Haltung zu entwickeln. Als Eltern kann man sich Informationsmaterial besorgen und damit den Kindern erklären, was in ihrem Gehirn passiert, wenn sie Drogen nehmen. Kinder und Jugendliche müssen erst lernen, sich einzuschätzen und brauchen starke Gegenüber, die bereit sind, mit ihnen zu diskutieren und zu streiten. Das eigene Vorbild beim Drogen- und Alkoholkonsum ist immer noch von entscheidender Bedeutung. Wenn der Konsum allerdings problematisch wird, sollte man unbedingt eine Drogenberatungsstelle aufsuchen. Dort bekommt man dann die nötigen Hilfen.

Ist eine bestimmte gesellschaftliche Schicht besonders suchtgefährdet?

Nein. Suchtprobleme ziehen sich durch sämtliche Schichten hindurch. Bei Jugendlichen wissen wir aber zum Beispiel, dass das Rauchen eher in Hauptschulen verbreitet ist und Alkohol mehr auf Gymnasien getrunken wird. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, Alkohol findet man überall.

Wie unterscheidet sich die Präventionsarbeit für Jugendliche und Erwachsene?

Ziel ist immer ein verantwortungsbewusster Umgang mit Suchtmitteln. Bei Jugendlichen ist aber die Ansprache eine andere. Außerdem werden auch die neuen Medien und soziale Netzwerke wie Facebook bei der Jugendpräventionsarbeit stärker genutzt. Bei Erwachsenen sind die Printmedien wichtiger. Auch die Gestaltung der Webseiten ist an die Zielgruppen angepasst. Und der Ton ist ein anderer. Man kann an an Jugendliche appellieren und sie darüber informieren, welche gesundheitlichen Risiken sie eingehen, wenn sie rauchen, trinken oder andere Drogen nehmen, so dass sie eine Risikokompetenz entwickeln. Sie sollen eine verantwortungsbewusste Entscheidung treffen, denn wir haben ja nur dieses eine Leben.

 



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