Interview mit Gesundheitsexpertin: "Je höher der Bildungsstandard ist, desto länger lebt man"

Es klingt erschreckend banal: wer arm ist oder schlecht gebildet, der hat ein höheres Risiko krank zu werden. Selbst die Lebenserwartung ist dann statistisch geschmälert. Das liege unter anderem daran, dass sich viele Angebote der Krankenkassen nur an dijenigen wenden, die sich sowieso schon selbst um ihre Geusndheit kümmern, sagt Professorin Adelheid Kuhlmey. Die sozialen Randgruppen bleiben außen vor - und müssen deshalb gezielt mit anderen Angeboten angesprochen werden, sagt die Leiterin des Instituts für Medizinische Soziologie der Charité.

Adelheid Kuhlmey ist Professorin an der Charité und leitet dort das Institut für Medizinische Soziologie.


Foto: promo

Frau Kuhlmey, sterben arme Menschen in Deutschland früher als andere?

Ja, die Statistiken zeigen eindeutig, dass jemand aus einer sozial schwachen Schicht eine geringere Lebenserwartung hat und ein höheres Risiko zu erkranken. Das betrifft sowohl Menschen mit einem niedrigem Einkommen, als auch einem niedrigen Bildungsstand. Zum Beispiel zeigte sich auf der Basis des sozio-ökonomischen Panels, ...

... also der seit 25 Jahren regelmäßig wiederholten Befragung von 20 000 Bundesbürgern zu ihren sozialen Verhältnissen...

dass junge Männer, die nur einen Hauptschulabschluss haben, eine 15 Prozent höhere Sterblichkeit haben im Vergleich zu denen mit Abitur. Das heißt sie werden wahrscheinlich statistisch gesehen 3,3 Jahre früher sterben. Es gibt aber noch andere Risikogruppen. Arbeitlose haben ebenfalls ein höheres Risiko zu erkranken, unter anderem weil ihnen die gesellschaftliche Teilhabe und Wertschätzung fehlt. Ähnliches gilt - bedingt durch den demographischen Wandel – für alte, einsame Menschen, die durch das soziale oder das Versorgungsnetz fallen.

In Deutschland kann doch jeder zum Arzt gehen. Warum gibt es trotzdem eine solche Ungleichheit?

Jemand mit einem höheren Einkommen kann sich gesünderes Essen und eine bessere Wohnung leisten. Er hat auch mehr Möglichkeiten, Sport- und Bewegungsangebote wahrzunehmen. Das alles beeinflusst den Gesundheitszustand. Außerdem ist es entscheidend, wie gut der Einzelne über gesunde Verhaltensweisen oder Ernährung bescheid weiß und dieses Wissen dann umsetzt. Trotzdem sind die genauen kausalen Zusammenhänge zwischen sozialer Schicht und Gesundheit noch nicht genügend erforscht. Wenn man beim Beispiel Bildung bleibt, zeigt sich in allen Statistiken: je höher der Bildungsstand, desto gesünder und länger lebt derjenige. Aber, ob es am formalen Bildungsabschluss liegt oder an einem höheren IQ oder daran, dass derjenige eine höhere Chance hat, einen gesünderen Beruf auszuüben, ist nicht geklärt. Umgekehrt bedeutet arm zu sein aber nicht automatisch öfter krank zu sein, als jemand mit viel Geld. Vielleicht hat die Person vorteilhafte Gene oder eine besonders stabile Psyche und kommt trotz äußerer Schwierigkeiten gut zurecht.

Welche Rolle spielen die so genannten „vermeidbaren“ Todesfälle in dem Zusammenhang?

Als vermeidbar gelten Todesfälle, wenn sie durch eine bessere Gesundheitsprävention oder eine bessere Struktur des Gesundheitssystems hätten verhindert werden können. Ein wichtiger Faktor ist zum Beispiel die Infrastruktur. Wie schnell ist ein Krankenwagen vor Ort, wenn ich ihn rufe? Wie gut sind die Ärzte ausgebildet? Aber auch der Stand der Gesundheitsbildung in der Bevölkerung ist entscheidend. Erkennt jemand in der Familie, wenn ich einen Herzinfarkt habe? Auch die vermeidbaren Todesfälle sind in der sozial schwachen Bevölkerungsschicht höher.

Würde also mehr Geld das Problem lösen?

Einfach nur höhere Summen ins Gesundheitssystem zu pumpen, greift zu kurz. Es kommt darauf an, wie genau man die Mittel investiert. Zum Beispiel gibt es Krankenkassen, die flächendeckend Rückenkurse anbieten. Das Problem an solchen Programmen ist, dass sie meist nur diejenigen erreichen, die sich sowieso schon um ihre Gesundheit bemühen. Aber die, die solche Angebote eigentlich dringender brauchen würden, werden nicht angesprochen.

Woran liegt das?

Das Gesundheitssystem ist für viele Menschen zu unübersichtlich. Menschen aus sozial schwachen Gruppen lesen vielleicht die Angebote der Krankenkasse nicht oder sind sich nicht im Klaren darüber, welche Leistungen sie beziehen dürfen.

Sind sie dann nicht selber schuld?

So einfach kann man das nicht sagen. Man hat festgestellt, dass Menschen aus sozial schwachen Schichten oft über eine geringe Selbst-Wirksamkeit verfügen. Das bedeutet, dass sie nicht daran glauben, bestimmte Dinge eigenständig ändern zu können. Wenn ich also nicht überzeugt bin, dass ich selbst meine Gesundheit beeinflussen kann, werde ich diese Angebote auch nicht wahrnehmen.

Was kann man machen, damit diese Menschen trotzdem erreicht werden?

Wichtig sind zielgerichtete Programme, die genau auf die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppe zugeschnitten sind. Zum Beispiel könnten Programme auf bestimmte Berufsgruppen zugeschnitten sein oder die Zugänge für Frauen und Männer mit Migrationshintergrund berücksichtigen. Es zeigt sich auch, dass es oft mehr bringt an der Verhältnis- und nicht auf der Verhaltensseite anzusetzen. Das heißt, dass man versucht, die Umgebung der Zielgruppe gesundheitlich positiv zu beeinflussen. Die Stadt kann im entsprechenden Kiez für mehr Grünflächen und Bewegungsmöglichkeiten sorgen oder das Sportangebot erhöhen. Ich glaube, in Berlin ist es wichtig, ganz kleinräumig zu arbeiten, weil die Stadt so heterogen ist.

Wird in Berlin genug für gesundheitliche Chancengleichheit getan?

Berlin ist definitiv ein wichtiger Gesundheitsstandort. Wir haben Europas größte Uniklinik und auch die Dichte der Ärzte ist sehr hoch. Trotzdem, auch in Berlin gilt dasselbe wie für Deutschland insgesamt: wer arm ist, hat erheblich schlechtere Chancen alt zu werden und wird mit höherer Wahrscheinlichkeit krank.

 

Das Interview führte Anna Ilin.



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10117 Berlin

Telefon: 030/450 529 172
Fax: 030/450 529 991

Internet: medsoz.charite.de

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