Hilfe für diejenigen am Rand der Gesellschaft - Was ist das Integrierte Gesundheitsprogramm?

Auch Menschen am Rand der Gesellschaft haben ein Recht darauf, dass es für sie Präventionsangebote gibt. Diese funktionieren aber anders als die Kursangebote der Krankenkassen. Sie müssen niedrigschwellig und leicht zu erreichen sein. Berlin fördert mit jährlich 11,5 Millionen Euro im Integrierten Gesundheitsprogramm derzeit gut 100 Projekte, die sich speziell an diese Zielgruppe wenden.

Was ist das Integrierte Gesundheitsprogramm (IGP)?

Über das Integrierte Gesundheitsprogramm IGP werden unterschiedliche Projekte gefördert, die zur gesundheitlichen Chancengleichheit beitragen sollen. Mit Chancengleichheit ist gemeint, dass auch die Menschen, die zum Beispiel durch Armut, Bildungsferne oder wegen mangelhafter Kenntnisse der deutschen Sprache am Rande der Gesellschaft ein höheres Risiko haben, krank zu werden. Und natürlich haben auch sie wie alle gesellschaftlichen Gruppen ein Recht darauf, dass man ihnen Angebote macht, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Diese sind deshalb niedrigschwellig, sollen also einen leichteren Zugang bieten. So sind Atteste vom Arzt nicht notwendig, um an ihnen teilzunehmen, und sie sind in der Regel kostenfrei. Die Angebote konzentrieren sich auf die Bereiche, die das Gesundheitssystem nicht abdeckt. Zum Beispiel die Drogenberatungsstellen, Drogenkonsumräume, die AIDS-Beratung und vieles mehr. Auch gesundheitsfördernde Angebote und die Unterstützung bei chronischen Krankheiten spielen eine wichtige Rolle.

Wie viel Geld steht für das IGP zur Verfügung und wer finanziert das?

Die Finanzierung des IGP ist im so genannten Rahmenfördervertrag zwischen dem Land Berlin und der Liga der freien Wohlfahrtsverbände, zu denen zum Beispiel der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Caritas gehören, geregelt. Dem IGP steht für fünf Jahre eine garantierte Fördersumme von 11,5 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Davon werden derzeit insgesamt 103 Projekte gefördert. Da der Umfang der Projekte sehr unterschiedlich ist, reichen die einzelnen Fördersummen von etwa 2500 bis zu 600 000 Euro jährlich. In der Regel liegen sie aber zwischen 80 000 und 200 000 Euro.

Die Gelder an die Projekte selbst sind Zuwendungen, die jeweils für ein Jahr bewilligt werden. Danach muss die Unterstützung neu beantragt werden. Im April jeden Jahres legen die Projekte jeweils die Rechenschaftsberichte für das Vorjahr vor. Das sind detaillierte Beschreibungen darüber, was im vergangenen Jahr gemacht wurde: Informationen über die Klienten, das Personal, den Umfang der Beratung und vieles mehr. Die Berichte der Projekte werden in der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales ausgewertet, die jedes Jahr einen Gesamtbericht über das Leistungsgeschehen im IGP erstellt (Link zum aktuellsten Jahresbericht 2011). Die Muster für die Berichte sind auf der Webseite des Landesamtes für Gesundheit und Soziales abrufbar. 

Das IGP wird von einem Kooperationsgremium geleitet, das die fachliche und strukturelle Betreuung des Programms übernimmt. Das Gremium entscheidet auch, welche Projekte gefördert werden oder neu dazu kommen sollen. Es gibt unterschiedliche Instrumente der Qualitätssicherung sowohl auf Ebene der Senatsverwaltung (Sachberichtsauswertung, Prüfung der Konzeption) als auch auf Ebene der Projekte (etwa durch Anwendung anerkannter Qualitätsstandards). Wenn die Projektbetreiber finanzielle Unterstützung beantragen, dann müssen sie auch offen legen, mit welchen Instrumenten sie die Qualität ihrer Arbeit messen. Darüber hinaus wurden in der Vergangenheit externe Evaluationen durchgeführt, deren Ergebnisse derzeit noch umgesetzt werden.

Einige der Projekte werden schon sehr lange, teilweise 20 Jahre lang, gefördert. Andere sind erst kürzlich neu aufgenommen worden. Das geschieht, wenn zum Beispiel die Politik den Wunsch nach einem besonderen Angebot äußert oder das Kooperationsgremium eine akute Lücke im Versorgungssystem entdeckt. So kamen zum Beispiel die Beschwerde- und Informationsstelle Psychiatrie im Jahr 2010 und die Anlaufstelle Tauwetter für Männer, die als Jungen sexuellen Missbrauch erlebt haben, erst 2013 hinzu.

Seit wann gibt es das?

Das IGP besteht in seiner jetzigen Form seit 2011. Zuvor, von 2006 bis 2010, wurde die Zusammenarbeit des Landes Berlin mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband durch den Integrierten Gesundheitsvertrag (IGV) geregelt. In dieser Zeit hat der Paritätische Wohlfahrtsverband die Zuwendungen an die geförderten Projekte vergeben und auch die Verwendung der Gelder überwacht. Mit dem Abschluss des Rahmenfördervertrages zum 01. Januar 2011 hat die Verwaltung die Vergabe der Zuwendungen und damit auch die Prüfungen wieder selbst übernommen.

Welche Projekte werden gefördert?

Die insgesamt 103 geförderten Projekte sind drei Handlungsfeldern zugeordnet: „Besondere gesundheitliche Bedarfslagen“, „HIV/AIDS, sexuell übertragbare Erkrankungen und Hepatitiden“ und „Verbundsystem Drogen und Sucht.“ Was verbirgt sich dahinter?

I. Besondere gesundheitliche Bedarfslagen

Das Angebot ist sehr breit gefächert: von Beratung und Unterstützung bei chronischen Erkrankungen, über den Umgang mit psychischen Leiden bis hin zur Hilfestellung bei persönlichen Krisen und in schwieriger Lebenssituation.
Einzelne Projekte richten sich an Gruppen, die durch das gesetzliche Gesundheitssystem sehr viel weniger erreicht werden, zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund und sozial benachteiligte Menschen mit gesundheitlichen Risiken. Auch Projekte, die sich Aspekten der Frauen- und Männergesundheit oder der Bewältigung gesundheitlicher Folgen von häuslicher und sexueller Gewalt widmen, gehören in dieses Handlungsfeld.

II. HIV/Aids, sexuell übertragbare Infektionen und Hepatitiden

Dieser Bereich hat den Schwerpunkt im Bereich HIV/Aids-Prävention und Beratung und Begleitung Betroffener. Aufgrund der häufig parallel auftretenden Erkrankung an Syphilis und/oder Hepatitis B oder C sind diese Erkrankungen meist ebenfalls Bestandteil bei Beratung und Testkampagnen. Die Angebote sind überbezirklich organisiert und ermöglichen auch eine anonyme Beratung. Zurzeit werden in diesem Bereich zwölf Projekte über das IGP gefördert. Beispiel hierfür sind das Beratungsangebot Pluspunkt, das Projekt Subway, das sich an männliche Prostituierte wendet, und Hydra für Sexarbeiterinnen. In dem Bereich HIV/Aids/ Sexuell übertragbare Infektionen sind in Berlin allerdings auch freie Träger, die kein Geld aus dem IGP erhalten, tätig.

III. Verbundsystem Drogen und Sucht

Der Bereich Drogen und Sucht hat fünf Schwerpunkte: Ambulante Grundversorgung (das sind Drogenberatungsstellen und niedrigschwellige Kontaktläden, Drogenkonsumräume), Wohnangebote für spezielle Problemlagen bzw. Zielgruppen, Maßnahmen zur sozialen und beruflichen Integration sowie zur Unterstützung ambulanter Therapie, Selbsthilfe und Alkoholprävention/Frühintervention. Eine Datenbank mit den Angeboten der Suchtberatung in Berlin finden Sie auf den Seiten der Landesstelle Berlin für Suchtfragen.

Das Angebot richtet sich an alle Menschen, die drogenabhängig sind oder Drogen missbrauchen und auch an deren Angehörige. Hierbei ist die Ambulante Grundversorgung in sechs regionalen Suchthilfediensten organisiert, um zielgruppengerecht arbeiten zu können.

Der Suchthilfedienst hat unter anderem die Aufgabe, suchtkranken Menschen möglichst noch am Anfang ihrer Abhängigkeit zu helfen. Andere Projekte kümmern sich um Patienten, die durch die Sucht schon gesundheitliche Schäden davon getragen haben. Die Vorbereitung auf eine Therapie sowie die Vermittlung in weiterführenden Maßnahmen, wie betreutes Wohnen, ist ebenfalls Aufgabe der Suchthilfedienste.

 

Anna Ilin



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