Abenteuerspielplatz Waslala: Austoben auf 6000 Quadratmetern

Der Kinderbauernhof und Abenteuerspielplatz Waslala in Altglienicke wurde 1997 gegründet. Hier können Kinder und Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen ihre Freizeit verbringen, können zusammen Hütten bauen, reiten oder einfach nur spielen. 2007 zeichnete ihn der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit mit dem „Good Practice“ Zertifikat aus.

Auf dem Kinderbauernhof Waslala ist immer was los. Rund 190 Kinder besuchen regelmäßig den Abenteurspielplatz.


Foto: Vincent Schlenner

Manuela* striegelt das Shetlandpony namens Nacho. Dann holt sie dessen Geschirr aus der Sattelkammer im Dachboden eines kleinen Holzhauses und spannt ihn vor die zweisitzige kleine Kutsche. Manuela ist 16 Jahre alt, hat die blonden Haare pink gesträhnt und zwei Piercings an der Augenbraue. Entschlossen lenkt sie Nacho auf holprigen Trampelpfaden durch das Brachland hinter dem Hof, auch wenn die Zweige an ihren Haaren hängen bleiben. Dann geht es vorbei an den Plattenbauten, die die Umgebung prägen. Ein Pony, ein Mädchen und die grauen Hochhäuser im Hintergrund – ein Bild wie aus einem Film.

Eigentlich ist der Pferdesport ein teures Hobby. Doch Manuela hat keine wohlhabenden Eltern. Dieser fröhliche Nachmittag ist nur möglich, weil auf dem Kinderbauernhof und Abenteurspielplatz Waslala in Altglienicke alle Angebote kostenfrei sind. „Die haben mir hier so viel gegeben“, sagt Manuela.

Als sie zehn war, verlangte der Vater von ihr, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Was für Gründe der Vater gehabt haben könnte, weiß Manuela nicht. Für sie kam der Rausschmiss „einfach so“. Sie zog zu ihrer Mutter. Schwierig sei diese Zeit gewesen, sagt sie. Mehr will sie nicht erzählen. So schwierig, dass irgendwann das Jugendamt auftauchte

Die Sozialarbeiter empfahlen Manuela, am therapeutischen Reiten teilzunehmen, das der Kinderbauernhof Waslala anbietet. Das findet einmal pro Woche statt und richtet sich an sogenannte verhaltensauffällige Kinder und Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen. „Am Anfang wollte ich überhaupt nicht hierher“, sagt Manuela. Doch dann ließ sie sich von der Jugendamthelferin überzeugen. Die Pferde hätten ihr etwas gegeben, was ihr abhanden gekommen war. Durch das Reiten und die tolerante Atmosphäre auf Waslala hat Manuela wieder Selbstvertrauen gefunden. Denn auf Waslala darf man Fehler machen, ohne dass einem jemand dafür böse ist oder auslacht.

Eine Welt für sich

Der Kinderbauernhof und Abenteuerspielplatz Waslala verbindet zwei Teile von Alt-Glienicke. Auf der einen Seite ragen die Plattenbauten des Kosmosviertels weit in den Himmel, auf der anderen Seite reihen sich die bunten Einfamilienhäuser des Kölner Viertels aneinander. Waslala ist einer der wenigen Punkte, an dem sich die zwei so unterschiedlichen Wohnviertel treffen.

Von außen ist von dem Grundstück nur ein Holzbretterzaun zu sehen. Alle Paar Meter hängt ein selbstgemaltes, buntes Schild. Da steht zum Beispiel drauf: „Wir brauchen Ferde und Waslala“ – ja Pferde tatsächlich nur mit F. Den Namen Waslala hat ihm eine ehemalige Leiterin gegeben, nachdem sie den gleichnamigen Roman von Giaconda Belli gelesen hatte. Darin ist Waslala ein utopischer Ort, an dem Menschen eine Gesellschaft ohne Krieg und Hass gründen.

So oder so ähnlich ist auch das Selbstbild von Waslala. Hinter dem Zaun, der das Gelände umschließt, ist immer was los. Insgesamt sind es etwa 190 Kinder, die den Hof regelmäßig besuchen. Jeder ist willkommen und darf sich auf den 6000 Quadratmetern austoben. In Waslala zahlt niemand mit Geld, aber dafür müssen alle mit anpacken. Die Idee ist, den Kindern so viel Freiraum wie möglich zu geben, selbst zu gestalten und mitzubestimmen. Alle paar Meter stößt man auf ein neues Erlebnis. Es gibt, um nur einiges zu nennen, einen Sportplatz mit Basketballkörben und einer Zuschauertribüne, einen Garten mit Pflanzen aus allen Kontinenten der Welt, ein Treibhaus, in dem Tomaten gezüchtet werden, eine Insektennistwand, einen Teich mit Seerosen und eine Chillecke zum Ausruhen. Sie besteht aus Holzpfählen, an denen Metallhaken befestigt sind. Gegen Pfand kann man Hängematten ausleihen und sie dort aufhängen.

Am Anfang war eine Baufläche, um die herum die übrigen Erlebnisfelder entstanden. Die Baufläche gibt es natürlich noch heute. Dort können die Kinder Häuser zusammenzimmern. Sie leihen sich Werkzeuge aus, überlegen gemeinsam mit Bauleiter Stefan Kothe, wie sie es gestalten könnten und legen los. Halbfertige und fertige Hüttchen aus Holzbrettern stehen in einigem Abstand nebeneinander. Wenn jemand ein Häuschen verschönern will, wird ein bestehendes oft auch ganz abgerissen. Eltern würden wahrscheinlich fragen, ob die Häuser nicht endlich mal fertig werden und ein bisschen Ordnung einkehrt auf dem Bauplatz. Aber das ist gar nicht das Ziel. Um den Prozess des Bauens geht es hier und immer wieder neue Ideen und Veränderungen zu verwirklichen.

Für viele Kinder aber sind die Tiere das wichtigste: Kaninchen und Meerschweinchen, zwei Schweine -  Herr Sau und Frau Piggy - Schafe und Ziegen, mit denen die Kinder Spaziergänge in die Umgebung machen dürfen, der Jack-Russel-Terrier Motte, zwei Katzen und natürlich die Ponies: drei Shetlandponies, zwei Haflinger und ein Isländer.

Gesundheit passiert nebenbei

"Siebte und achte Stunde hatte ich Sport, boah war das ätzend." Das ruft Daniela*, als sie gerade aus dem Aufenthalts- und Verwaltungshäuschen rauskommt, um die Waslala-Leiterin Annette Hübner zu begrüßen. Die zwölfjährige, mit Reitstiefeln ausgestattet, grinst und macht eine wegwerfende Handbewegung. Dann läuft sie sofort Richtung Stall, um beim Ausmisten zu helfen.

Hübner ist 37 Jahre alt und gelernte Sozialpädagogin und Reittherapeutin. Vor zehn Jahren fing sie bei Waslala an, zuerst als Verantwortliche für den Tierbereich, seit zwei Jahren in der Leitung. Die braunen Haare hat sie zum lockeren Zopf gebunden, trägt praktische Kleidung. Gelassen und zugewandt wirkt sie.

Waslala gehört zum Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit und wurde von diesem mit dem „Good Practice“ ausgezeichnet. Das heißt, das Projekt ist vorbildhaft für andere. Hübner sagt, der Aspekt Gesundheit durch sportliche Betätigung werde Waslala trotzdem nicht in den Vordergrund gestellt, weil das für die Kinder nach Zwang riechen würde. Die Gesundheitsförderung passiere hier natürlich trotzdem, nur quasi nebenbei. So gibt es auf Waslala kein Sportprogramm im herkömmlichen Sinn, aber wer sich hier aufhält, bewege sich automatisch mehr als anderswo. „Die Kinder merken das gar nicht, so wie gerade Daniela. Sportunterricht findet sie zwar schlimm, aber reiten würde sie am liebsten jeden Tag.“ Auch gesunde Ernährung ist nichts, was hier in Extra-Kursen angeboten würde. Aber wer erfahren hat, wie Gemüse angebaut wird, wie man es erntet und dann gemeinsam zubereitet, entwickle automatisch ein anderes Verhältnis dazu, als ein Kind, das noch nie eine Zuchinipflanze gesehen hat. „Es gab schon oft Kinder, die übergewichtig zu uns kamen und nach einiger Zeit zu ihrem Normalgewicht fanden“, sagt Annette Hübner. Trotzdem möchte sie nicht, dass es das „richtige“ Gewicht im Vordergrund steht, sondern Spaß an Bewegung und Natur.

Auch der Umgang mit Risiken - oder anders genannt, Unfallprävention - ist ein Bestandteil des Waslala-Konzepts. Der Hof ist zwar nicht TÜV geprüft und es gibt hier viele Dinge, die Eltern klassischerweise als gefährlich einstufen würden: Nägel, Hammer, Kletterwände, Tiere und Lagerfeuer zum Beispiel. Doch Studien von Krankenkassen zeigten, dass Kinder lernen könnten, mit Risiken umzugehen, wenn man ihnen eine Chance dafür gibt und verantwortungsbewusstes Verhalten mit ihnen übt, sagt Waslala-Chefin Hübner. So ist zum Beispiel kokeln während eines Lagerfeuers erlaubt. Aber es gibt die Regel, dass Feuer beim Feuer bleiben muss, also nur in unmittelbarer Nähe der Feuerstelle stattfinden darf. Auch sägen und hämmern dürfen die Kinder, aber eben erst, nachdem ihnen erklärt wurde, wie man mit dem Werkzeug umzugehen hat. Der schlimmste Unfall auf Waslala sei ein Armbruch gewesen, sagt Hübner. „Das war, als ein Kind von einem Pferd rutschte –  denn es hatte einen Lachanfall und konnte sich nicht mehr halten.“

Hübners Stimme ist lebhaft, wenn sie Geschichten vom Hof erzählt und man merkt ihr an, wie sehr ihr der Hof und das Wohl der Kinder am Herzen liegen. Nur das Geld, das sei ein Problem und oft knapp. Ohne die Praktikanten, Freiwilligen und Jugendlichen, die ein freiwilliges ökologisches Jahr auf Waslala verbringen, sei das ganze kaum zu schaffen. Etwa 70 000 Euro erhält Waslala jährlich vom Bezirk. Zwei Vollzeitstellen werden davon finanziert, die sich Hübner und ihre zwei Mitarbeiter teilen. Für den Tierbereich gibt der Berliner Verein Mensch-Umwelt-Tier e.V. noch einmal rund 8000 Euro pro Jahr dazu. Jeder, der schon mal ein Tier gehalten hat, weiß, dass dies kaum reicht. Deshalb ruft Waslala auch immer wieder zu Spendenaktionen auf.

Eigentlich ist der Hof für Kinder von sechs bis 14 Jahren gedacht. Aber manche arbeiten, so wie Manuela mit ihrem Pony, auch später als ehrenamtliche Helferin mit. Sie wolle etwas zurückgeben, sagt sie, obwohl ihr ihre Ausbildung nicht viel Zeit lässt. „Als ich nach Waslala kam, war ich so klein mit Hut“, sie zeigt einen kleinen Spalt zwischen Daumen und Zeigefinger. Heute würden ihr manchmal Leute sagen, sie sei zu laut. „Aber ich denke mir dann: wenn ihr wüsstet, wie stolz ich auf meine große Klappe bin.“ Dankbar sei sie besonders Annette Hübner, die als einzige immer für sie da war, wie sie sagt, und dem Haflinger Pitu, ihrem Lieblingspony, das ihr Halt gab, wenn es ihr nicht gut ging.

„Natürlich kommen unsere Besucher nicht alle aus zerrütteten Familien“, sagt Hübner. Aber dass die sozialen Verhältnisse in der Nachbarschaft alles andere als einfach sind, zeigt sich oft darin, dass es den Kindern an Wünschen und Träumen fehlt. Als Hübner einmal eine Gruppe von Achtjährigen fragte, was sie später mal werden wollen, antworteten sie im Chor „Hartz-IV“.

Auf Waslala sollen die Kinder Selbstbewusstsein erlernen und verstehen, dass es sich lohnt, Ziele zu haben und diese auch erreichbar sind. Das Team macht zwar Angebote, aber die wichtigste Frage an die Kinder lautet: Wozu habt ihr heute Lust? Und das dürfen sie dann auch machen: Ein Haus bauen, mit einem Pony zu galoppieren, die Verantwortung für ein Kaninchen übernehmen. „Oft haben die Kinder in der Schule Misserfolgserlebnisse“, sagt Annette Hübner. Auf Waslala können sie Erfolge erfahren und dadurch ein stärkeres Selbstbild bekommen. Viele fänden auch Inspirationen für spätere Berufe, die sie interessieren. „Hier aus Waslala sind schon so einige Landwirte, Handwerker und Erzieher hervorgegangen.“

*Name geändert

 

Anna Ilin

 



Artikelsuche ?

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet