Interview zum Rehasport: „Die Angebotsfülle ist nahezu unendlich.“

Rehasport als Form der Tertiärprävention erhält immer größere Aufmerksamkeit und Wichtigkeit in Deutschland. Der Präsident des Behindertensportverbandes Berlin Ehrhart Körting erklärt, warum das so ist.

Ehrhart Körting, ehemaliger SPD-Innensenator des Landes Berlin und heute Präsident des Behindertensportverbandes Berlin.


Foto: Thilo Rückeis / Tsp

Gesundheitsförderung, das ist ein weites Feld, könnte man in Abwandlung von Theodor Fontanes geflügeltem Wort sagen. Damit sind nicht nur diejenigen Menschen gemeint, die frühzeitig verhindern wollen, dass ihr Körper krank wird. Zu diesem weiten Feld gehört auch der Rehasport, der zum Beispiel vom Behindertensportverband Berlin angeboten wird. Der Rehasport schließt sich - als sogenannte Tertiärprävention, also als dritte Säule der Gesundheitsförderung - an eine Rehabilitationsbehandlung an, um Behinderungen in Folge der Erkrankung zu verhindern oder bereits bestehende Behinderungen abzumildern. Zur Tertiärprävention zählt auch das Funktionstraining, das sich an Behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen richtet, um diese auf Dauer in die Gesellschaft und ins Arbeitsleben zu integrieren. Warum diese Angebote so wichtig sind und wie sie finanziert werden, darüber sprachen wir mit Ehrhart Körting, dem ehemaligen SPD-Innensenator des Landes Berlin und heutigen Präsidenten des Behindertensportverbandes Berlin e.V.


Herr Körting, Gesundheitsförderung ist in jedem Alter und in jeder Lebenslage wichtig. Welche Rolle nimmt Prävention im Behindertensport ein?

Sie spielt hier eine ähnliche Rolle wie im Sport insgesamt. Körperliche Bewegung und Training sorgen bei allen Menschen gleichermaßen dafür, die Leistungsfähigkeit des Körpers lange zu erhalten. Vom Grundsatz her unterscheiden sich also Menschen mit Behinderungen nicht von Menschen ohne Behinderungen, übrigens auch nicht in ihrem Spaß am Sport.

Wie kann man sich einen Sportkurs für Menschen mit Behinderung vorstellen?

Es gibt verschiedene Angebote, entsprechend unterschiedlich laufen die einzelnen Sportkurse ab. Beispielsweise ist Rollstuhlbasketball anders strukturiert als Blindenfußball oder Herzsport. Es gibt also nicht den einen Behinderten- oder Rehasport. Generell sagen wir ungern „Behindertensport“, wir sprechen lieber von Sport für Menschen mit Behinderungen. Genauso bezeichnen wir ja auch Asylbewerber nicht mehr als Asylanten oder Menschen mit Migrationshintergrund nicht mehr als Migranten. Wir betonen eben nicht das Trennende, sondern dass das Menschen wie du und ich sind, nur dass sie bestimmte Probleme haben.

An wen richten sich die Angebote also direkt?

Das hängt davon ab, um welche Angebote es sich handelt. Die Angebote der Sportvereine zielen primär auf Menschen mit motorischen Schwierigkeiten ab, aber auch auf Menschen mit geistigen Behinderungen. Die Rehasportangebote beziehen sich auf Patienten, die zum Beispiel einen Schlaganfall oder eine aufwendige Operation hinter sich haben und nun wieder Muskelfunktionen trainieren müssen. Dabei ist die Angebotsfülle nahezu unendlich. Der Behindertensportverband Berlin, der gleichzeitig auch Fachverband für Rehasport ist, hat gut 23 000 Mitglieder. Davon sind rund 5000 Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, die restlichen 18 000 Rehasportler. An der Größenordnung erkennt man schon die enorme Bedeutung des Rehabilitationssportes, da er auch Präventionssport ist.

Unterscheidet sich der Rehasport von den Kursangeboten für Menschen, die keine Behinderungen haben?

Da für die Prävention von allen Menschen gleichermaßen gesorgt werden soll, gibt es beim Rehasport vom Grundsatz her keine wesentlichen Unterschiede im Vergleich zu anderen Kursen. In Berlin gibt es heute ungefähr 3000 Gruppenangebote. Davon machen Kurse für den Bewegungs- und Stützapparat mit 87,5 Prozent den Löwenanteil aus. Andere Angebote beziehen sind auf innere Organe, das Nervensystem, Krebsnachsorge oder psychische Erkrankungen.

Zeigt sich bei den Teilnehmern eine geschlechtsspezifische Tendenz? Nehmen mehr Frauen oder mehr Männer an den Kursen teil?

Nein, bei den Rehaangeboten gibt es keine merkliche Tendenz. Aber es werden zum Beispiel spezifische Kurse angeboten, die sich nur an behinderte Frauen richten. Ziel ist es hierbei, ihre traumatischen Erlebnisse zu bewältigen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken oder sie fit gegenüber Übergriffen oder Mobbing durch Männer zu machen. Auch im Rehasport berücksichtigt man die besondere Belastungssituation für behinderte Frauen, der man Rechnung tragen muss.

Sie erwähnten die Fülle an Angeboten, wodurch sich die einzelnen Kurse voneinander abgrenzen. Gibt es auch Gemeinsamkeiten, die alle Kurse vorweisen?

Wichtigste Gemeinsamkeit aller Kurse ist die kompetente Ausbildung der Kursleiter. Man braucht eine bestimmte Mindestanzahl an Teilnehmern, um das Angebot überhaupt finanzieren zu können. Dafür kann man pro Teilnehmer mit einer Gebühr von fünf Euro rechnen. Die Trainer müssen bestimmte Qualifikationen durchlaufen und genau wissen, wie man Teilnehmern mit psychischen und traumatischen Erlebnissen begegnet.

Welche Rehasportkurse müssten aus Expertensicht besonders gefördert werden?

Spezielle Förderungen sind im Rehabilitationsbereich für Angebote notwendig, die sich an Schwerbehinderte richten. Außerdem kommt dem Wassersport eine besondere Stellung zu, da hierbei zusätzlich zu dem gezahlten Kursentgeld auch noch die Berliner Bäderbetriebe ihren Kostenanteil erhalten müssen. Der Schwimmsport ist deshalb so wichtig, da er einer der wenigen Dinge ist, die man bis ins hohe Alter gut ausführen kann. Und außerdem ist das Schwimmen generell eine hervorragend für die Gesundheitsförderung passende Sportart. Deshalb sind viele, dezentral gelegene, überdachte Schwimmhallen in Berlin unverzichtbar.

Wie finanziert sich der Behindertensportverband Berlin e.V.?

Einerseits durch eine Grundförderung des Senators für Inneres und Sport, andererseits durch das Geld, das insgesamt dem Sport im Land Berlin zum Beispiel durch Lottomittel zur Verfügung steht. Der Senat fördert auch die internationalen deutschen Meisterschaften im Schwimmen und in der Leichtathletik. Außerdem gibt es Sponsoren, Krankenkassengelder für Rehasport und Mitgliedsbeiträge, die in die Vereinskassen fließen.

Gibt es Probleme bei der Finanzierung?

Dass es eine Grundversorgung durch den Senat von Berlin gibt, ist eine tolle Sache. Aber manchmal wünscht man sich schon, dass die Übungsleiter und Mitarbeiter ein bisschen angemessenere Honorare zur Verfügung haben. Ein wirkliches Problem gibt es aber im paralympischen Sport: Alle in Deutschland sind stolz, wenn unsere Paralympioniken Medaillen holen. Aber das, was in der Bundesrepublik im Vergleich zu Großbritannien, China oder Brasilien an Förderung für diesen Leistungssport erfolgt, ist schlichtweg zu wenig. Das ist schade und festigt die sehr eindimensionierte Sicht der Deutschen auf Sportarten nur weiter: Demnach ist Fußball alles und dafür werden unverhältnismäßig hohe Summen mobilisiert. In diesen Zusammenhang dürfte man also viel größere Anstrengungen von den Wirtschaftsverbänden auch für andere Sportarten erwarten.

Wie macht der Behindertensportverband auf seine Angebote aufmerksam?

Überwiegend durch das Internet. Das ist auch wichtig für Ärzte, die Rehasport verschreiben. Die Mediziner sollen wissen, an wen sie ihre Patienten zu Rehamaßnahmen verweisen können. Dabei ist der Behindertensportverband Berlin stets die erste Adresse. Darüber hinaus gibt es auch Flyer in Praxen, Werbeaktionen und Informationsbroschüren für Ärzte.

Gibt es eine starke Konkurrenz privater Anbieter wie zum Beispiel Fitnessstudios?

Es gibt sehr wohl einen spürbaren Wirtschaftskampf. Genauso, wie die Sportvereine mit Fitnesscentern im Wettbewerb stehen, gibt es auch im Rehasport rein privat organisierte Anbieter, die keine Vereinsstruktur haben. Die Rehasportangebote im Verein dagegen beinhalten nicht nur den Sport in der Gruppe, sondern auch das Miteinander. Beispielsweise kann man das Vereinsleben mitgestalten, ist immer in Gesellschaft und Teil einer Gemeinschaft. Dadurch erhält man zusätzliche psychosoziale Gesundheitseffekte. Vereine bieten also mehr als die Privatkurse. Und es wird immer mehr: Innerhalb der letzten zehn Jahre sind die Gruppenangebote von 370 auf fast 3000 gestiegen. Allein für 2013 kann man einen Zuwachs von rund sechs Prozent bei den Rehasportangeboten verzeichnen. Die Kassen haben anscheinend eingesehen, dass sie mit Rehasport über die damit einhergehende Prävention auf lange Sicht eine Menge Geld sparen.

Aber wie kann man sich diese Zahlen erklären? Ist dieser enorme Anstieg der Angebote auf die Erfolge der Paralympics zurückzuführen?

Die Zunahme geht primär darauf zurück, dass der Gesetzgeber einen Anspruch der Krankenversicherten auf die Finanzierung von Rehasport durch die Kassen geschaffen hat. Aber natürlich sind die Erfolge im Leistungssport und besonders bei den Paralympics vor allem durch die Fernsehberichterstattung eine riesengroße Werbung für uns und motivieren die Leute, sich sportlich zu betätigen. Außerdem tragen sie zur besseren Integration und Inklusion der Menschen mit Behinderung in unsere Gesellschaft bei. Die Paralympics in London 2012 sind ein hervorragendes Beispiel für effektive Werbung gewesen und man konnte ständig miterleben, wie die Zuschauer mit Begeisterung die Spiele verfolgten.

Kurz vor den Bundestagswahlen 2013 ist das Präventionsförderungsgesetz im Bundesrat gescheitert. Nun ist ein Neustart für ein Präventionsgesetz notwendig. Wie bringt sich der Behindertensportverband Berlin in die Gesetzgebung ein?

Der Behindertensportverband wird bei solchen Gesetzesvorhaben leider nicht direkt gefragt, kann sich aber über den Bundesverband in die Diskussion mit einbringen. Bei allen Präventionsmaßnahmen ist die zentrale Frage der Gesetzgebung, wie man die bereits zur Verfügung stehenden Ressourcen in Zukunft absichern kann. Man muss somit dafür sorgen, dass nicht nur die unmittelbare finanzielle Förderung der Kurse, sondern auch die Infrastruktur an Sportanlagen gesichert bleibt.

Was wünschen Sie sich als Präsident des Behindertensportverbandes für die Zukunft des Präventions- und Rehasportes? 

Ich wünsche mir, dass wir das, was an Angeboten für Menschen mit Behinderungen bereitsteht, auch in Zukunft aufrechterhalten können. Natürlich hoffe ich auch, dass wir weiterhin viele Menschen mit unseren Angeboten erreichen. Und nicht zuletzt freut es uns immer wieder, wenn wir auch Menschen ohne Behinderung erreichen, die sich zunehmend für das Thema interessieren und aktiv einsetzen.

 

Das Interview führte Leonard Hillmann.



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