Interview mit dem Landessportbund: „Gebt einem Mann einen Ball, und er beginnt, sich zu bewegen“

Interview mit Anke Nöcker, Abteilungsleiterin Sportentwicklung beim Landessportbund Berlin, über das breite Angebot an Sportkursen zur Gesundheitsförderung in der Stadt, über die Geschlechtsunterschiede bei den Kursteilnehmern und über die Gründe, warum die Krankenkassen nur bestimmte Angebote finanziell fördern

Anke Nöcker ist Abteilungsleiterin für Sportentwicklung beim Landessportbund Berlin.


Foto: promo

Frau Nöcker, im Landessportbund sind die Sportvereine der Stadt organisiert, die wiederum sehr viele Angebote für sportliche Betätigung bieten. Nicht alle werden jedoch von den Krankenkassen bezuschusst. Wie viele kassengeförderte Kurse gibt es?

In Berlin gibt es über 2000 Sportvereine mit insgesamt etwa 600 000 Mitgliedern. Davon bieten circa 110 Vereinen rund 500 Kurse an, die speziell der Gesundheitsprävention dienen und ein eigenes Qualitätssiegel tragen - Sport pro Gesundheit. Das Siegel wurde vor elf Jahren vom Deutschen Olympischen Sportbund entwickelt und wird vom Landessportbund sowie Fachverbänden vergeben. Die meisten der Kurse, die das Siegel haben, werden deshalb auch von den Krankenkassen gefördert. Das heißt, sie übernehmen 60 bis 80 Prozent der Kosten. Den Antrag dafür muss aber der Versicherte selbst bei der Kasse stellen. Im Gegensatz zum Rehasport oder den Herzsportgruppen können sie nicht direkt von Arzt verschrieben werden.

Welchen Kriterien muss ein Sportkurs genügen, um das Siegel zu bekommen?

Für das Sport pro Gesundheit-Siegel müssen bestimmte Qualitätsmerkmale erfüllt werden. Unter anderem darf ein Kurs nicht mehr als 15 Teilnehmer haben und die Kursleiter müssen bestimmte Qualifikationen mitbringen. Zum Beispiel die zweite Lizenzstufe Gesundheitssport, bei der sie eine auf bestimmte Zielgruppen spezialisierte Trainerausbildung erhalten haben. Oder sie haben in ihrem Sportstudium den Schwerpunkt Sport und Reha gewählt. Auch die räumlichen Voraussetzungen für die Kurse sind wichtig. Der Raum muss groß genug sein und für die Gesamtdauer des Kurses zu Verfügung stehen. Außerdem muss eine Beschreibung des Kurses vorgelegt werden, aus der auch hervorgeht, wie genau das Angebot die Gesundheit der Teilnehmer fördert. Ein Auditoren-Team von Fachleuten des Gesundheitssports überprüft stichprobenartig etwa 40 Kurse pro Jahr.

Was für Kursangebote, die die Gesundheit der Teilnehmer fördern sollen, gibt es eigentlich?

Das Spektrum ist sehr breit. Es gibt viele Kurse, die das Herzkreislaufsystem stärken, wie zum Beispiel Nordic Walking oder Laufgruppen. Außerdem wird Wassersport, wie Aquafit oder Wassergymnastik, angeboten, die die körperliche Fitness allgemein stärkt. Andere Kurse widmen sich orthopädischen Problemen. Dazu gehören Angebote wie Wirbelsäulengymnastik und „Rückenfit“. Auch Entspannungskurse wie Yoga und Thai-Chi sind mit dem Siegel Sport pro Gesundheit zertifiziert.

Gibt es auch Sportkurse, die zwar das Sport pro Gesundheit-Siegel tragen, aber nicht gefördert werden?

Ja. Denn nicht immer ist klar, welche Kriterien die Krankenkassen genau anlegen. So haben es Entspannungskurse bei uns schwer, in die Förderung zu kommen. Auch einige andere spezifische Angebote, zum Beispiel ein vom Tischtennisverband entwickeltes Tischtennis-Ausdauertraining, das den Kreislauf und das Herz stärken soll, werden nicht gefördert. Die Begründung der Kassen lautet, dass sie keine einzelnen Sportarten fördern können. Um die Förderung zu bekommen, ist es auch wichtig, dem Kurs den richtigen Namen zu geben. Wenn man einfach nur schreibt: „Fit und Gesund“, argumentieren die Kassen oft, dass dieser Titel zu unspezifisch sei. Stattdessen muss es zum Beispiel Rückenfit heißen. Dann weiß man genauer, um was sich das Angebot dreht.

Wenn es um Besuche beim Arzt geht oder um Vorsorgeuntersuchungen, dann gelten Männer eher als Muffel, während Frauen hierbei viel aufgeschlossener sind. Gibt es auch für die Teilnahme an Gesundheitskursen geschlechtsspezifische Unterschiede?

Wie bei allen Vorsorge- und Gesundheitsangeboten sind auch beim Präventionssport die Frauen in der Überzahl. Etwa 70 Prozent der Kursteilnehmer sind weiblich. Männern sind solche Elemente wie Gewinnen-und-Verlieren oder andere Leistungskriterien wichtig, die traditionell im Gesundheitssport selten vorkommen. Deshalb entwickeln die Vereine vermehrt Angebote, die versuchen, auf die speziellen Bedürfnisse der Männer einzugehen, zum Beispiel Gesundheitssport kombiniert mit Ballspielen. Man gebe dem Mann einen Ball und er fängt sich an zu bewegen. Beim Kurs Herzkreislauftraining mit Bowling-Elementen kommt außerdem auch der soziale Aspekt nicht zu kurz.

Noch immer herrscht unter den Versicherten eine große Unklarheit, was es eigentlich an Angeboten zur Gesundheitsförderung gibt, die sie wahrnehmen können. Was macht der Landessportbund, um auf diese zahlreichen Kursangebote aufmerksam zu machen?

Jährlich veröffentlicht der Landessportbund eine Broschüre, in der alle mit dem Siegel Sport pro Gesundheit ausgezeichnete Kurse beschrieben sind. Dieser Gesundheitssportkalender wird in einer Auflage von 52 000 Exemplaren gedruckt und liegt in Berliner Arztpraxen und Bezirksämtern aus. Außerdem wurde 2004 in Zusammenarbeit mit Berliner Ärzten das so genannte „Rezept für Bewegung“ entwickelt. Das ist ein Formular, das wie ein Medikamentenrezept aussieht und das der Patient zusammen mit seinem Antrag bei der Krankenkasse einreichen kann.

Der Arzt kann somit also sportliche Betätigung verschreiben wie ein Medikament. Gewährleistet ein solches Rezept, dass die Krankenkassen die Kosten dafür verbindlich übernehmen müssen?

Nein, derzeit sind die Kassen auch mit einem solchen "Rezept für Bewegung" leider nicht verpflichtet, einen Zuschuss zum Gesundheitssport zu leisten. Aber es bietet aus unserer Sicht die Chance, zukünftig die Bezuschussung von ärztlich empfohlenen Präventionsmaßnahmen zu erleichtern, zum Beispiel dann, wenn es endlich ein Präventionsgesetz gibt, das so etwas klar regelt.

 

Das Interview führte Anna Ilin.



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