Syphilis - Von wegen ausgestorben

Die Syphilis-Zahlen steigen wieder, vor allem bei Männern, die Sex mit Männern haben. Fachleute spekulieren über die Gründe. Wahrscheinlich nehmen viele Aids nicht mehr als Gefahr wahr – und werden deshalb allgemein enthemmter und sorgloser.

Eine kleine offene Stelle an den Genitalien, die nicht einmal wehtut. Nach etwa zwei bis drei Wochen ist sie wieder verheilt. Die Syphilis macht den Betroffenen das Verdrängen leicht, meint Alex Rothhaar, Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Rothhaar ist ein erfahrener Berliner Syphilisspezialist. In seiner Gemeinschaftspraxis in Schöneberg behandelt er seit Jahren eine Krankheit, die viele für ausgestorben halten. Über die derzeitige Infektionswelle ist aber auch er erstaunt: Drei Neuinfektionen aus Berlin und dem Umland behandelt er pro Woche in seiner Praxis.

Die aktuellen Befunde des Robert-Koch-Instituts bestätigen das: Fast 22 Prozent mehr Syphilis-Erkrankungen wurden 2011 deutschlandweit gemeldet, insgesamt 3700 Fälle. Nachdem die Zahlen jahrelang stagnierten und schließlich sogar sanken, erlebt die Krankheit jetzt in den Großstädten ein Comeback. Berlin liegt nach Köln und Frankfurt auf Platz drei bei der Infektionshäufigkeit. „Die Syphilis zirkuliert vor allem unter Männern, die Sex mit Männern haben“, sagt Viviane Bremer von der Infektionsepidemiologie des Robert-Koch-Instituts. Besonders betroffen sind die 30- bis 39-Jährigen. Woher der gravierende Anstieg kommt, ist unklar. Zwar bieten immer mehr Beratungsstellen neben HIV-Tests auch Syphilistests an. Mehr Tests allein könnten die starke Zunahme innerhalb eines Jahres aber nicht erklären, sagt Bremer. Die Gefahr, sich mit Syphilis zu infizieren, werde oft unterschätzt, weil die Krankheit im Vergleich zu HIV relativ unbekannt ist. Kondome böten den besten Schutz. Hätten sie sich beim Geschlechtsverkehr als Schutz vor HIV weitgehend durchgesetzt, würden sie beim Oralverkehr oft weggelassen. Doch die Syphilis überträgt sich auch über die Mundschleimhäute.

"Aufklärungskampagne gegen Sexuell übertragbare Krankheiten geht an Lebenswirklichkeit der Großstädter vorbei"

Auch der Zusammenhang zwischen HIV und Syphilis ist eher unbekannt: „Ein offenes Geschwür und ein angegriffenes Immunsystem bieten die ideale Grundlage für eine HIV-Infektion“, sagt Epidemiologin Bremer. Sexuell übertragbare Krankheiten (STI) wie Syphilis oder Tripper erhöhen laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die Gefahr einer HIV-Infektion um das Zwei- bis Zehnfache. Deshalb thematisiert die BZgA seit diesem Jahr in ihrer HIV-Präventionskampagne „mach’s mit“ auch die STI. Doch die Wirksamkeit dieser Aufklärung ist umstritten. Alex Rothhaar meint, die Kampagne geht an der Lebenswirklichkeit der Großstädter vorbei: Kaum ein Patient sei bei der Diagnose Syphilis überrascht. „Die Leute sind bereits aufgeklärt.“ Dass sie sich dennoch nicht schützen, liege an einer „zunehmenden Enthemmung“ vor allem bei Männern, die Sex mit Männern haben. Aids wird nicht mehr als Gefahr wahrgenommen. Zudem zeige sich im Gespräch mit Patienten der Trend, dass immer häufiger Drogen in den Clubs genommen würden. „Kokain und Liquid Ecstasy geben das Gefühl, unverwundbar zu sein – da wird ein Schalter umgelegt.“ Aufklärung über Geschlechtskrankheiten sei dann der falsche Ansatzpunkt.

Wer infiziert ist, muss schnell zum Arzt. Dort tauchten die Betroffenen, so Alex Rothaar, spätestens sechs bis zehn Wochen nach der Infektion auf. In diesem zweiten Stadium machen sich grippeähnliche Symptome wie Fieber und Gliederschmerzen breit. „Patienten fühlen sich richtig krank“, sagt Rothhaar. Das Geschwür, das zwei Wochen nach der Infektion an der Schleimhaut auftritt, ist da aber bereits abgeheilt. Und das erschwert es vor allem Allgemeinärzten, die die Krankheit nur im Studium kennengelernt haben, die Syphilis überhaupt zu erkennen. Weil sie vergleichsweise selten und die Symptome äußerst unterschiedlich sein können, muss der Arzt eine genaue Anamnese durchführen, in der auch nach Feiergewohnheiten und sexueller Orientierung gefragt wird. Gewissheit bringt nur ein Bluttest, der vier Wochen nach der Infektion positiv ist.

Unbehandelt wird die Krankheit zur Gefahr für das Nervensystem

Wird die Krankheit nicht behandelt, erscheinen etwa zehn Wochen nach der Infektion runde rosa Ausschläge auf der Haut, sogenannte Exantheme. Aus denen wachsen dunkelrote Papeln, die hoch infektiös sind. Innere Organe werden geschädigt, bei einem unentdeckten chronischen Verlauf kann nach Jahrzehnten das zentrale Nervensystem zerstört werden. In Deutschland sind diese fortgeschrittenen Stadien aber kaum zu finden.

Dass das nicht immer so war und welchen Schrecken die Syphilis verbreitete, zeigt die Kunstgeschichte. 400 Jahre lang wurden Syphiliskranke auf Gemälden und Kupferstichen abgebildet, eine der frühesten Darstellungen stammt von Dürer (1496). Den Erreger, so eine verbreitete Theorie, hatte Kolumbus bei seiner Rückkehr aus Amerika mitgebracht. Er verbreitete sich rasend schnell über den Kontinent. Nach fünf Jahren gab es von Portugal bis Russland kaum einen Ort mehr, an dem die Syphilis nicht aufgetreten war. Dabei trug sie unterschiedliche Namen: In England war sie die spanische Krankheit, in Schottland die englische, in Norwegen die schottische. In Deutschland hieß sie „mal franzos“.

Zahlreich wie die Namen waren auch die Therapiemethoden, von der sich die Quecksilber-Kur am längsten halten konnte. Vergiftungsanzeichen wie ständiger Speichelfluss und ausfallende Zähne wurden als Symptome der Reinigung gedeutet. Die meisten Patienten starben entweder an der Kur oder der Krankheit. Erst 1905 entdeckten der Berliner Zoologe Fritz Schaudinn und der Hautarzt Erich Hoffmann unter dem Mikroskop den Auslöser: Das Bakterium Treponema pallidum. Endgültig schien die Syphilis aber erst in den 1950er Jahren ihren Schrecken zu verlieren, als sie mit Penicillin behandelt werden konnte.

Das Antibiotikum ist auch heute das Mittel der Wahl. Nach vier Wochen sind Antikörper im Blut des Patienten nachweisbar. Spätestens dann werden ihm zwischen einer und drei Dosen Penicillin injiziert, je nach Fortschritt der Erkrankung. Der Ausbruch der Syphilis im 15. Jahrhundert veränderte die Sexualmoral in Europa: Badehäuser und Bordelle verloren ihren festen Platz in der Mitte der Gesellschaft. Die Angst vor Ansteckung besiegte die Libido. Seit der Einführung der Antibiotika scheint diese wieder Boden wettgemacht zu haben. Heute sind es genauso viele Syphilisinfektionen wie 1986 – trotz Aufklärung. „Die Leute fühlen sich sehr sicher“, sagt Hautarzt Rothhaar. „Das ist ein gesellschaftliches Problem.“

 

Markus Langenstraß



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