Ewig währende Geduld - Ehrenamtliche Schwestern gehen für die Aids-Prävention auf die Straße

Sie nennen sich Schwestern der Perpetuellen Indulgenz. Sie stylen sich und verteilen Kondome sowie Infoflyer zum Schutz vor Krankheiten - miit ewigwährender Lebensfreude und nach einer einjährigen Ausbildung einer Schwesternpersönlichkeit.

Bitte recht freundlich! Die Ehrenamtlichen Schwestern der perpetuelle Indulgenz sammeln Spenden für Aids-Hilfsprojekte.


Foto: Paul Zinken

Küsschen rechts, Küsschen links. Man kennt sich in der Schöneberger Szenekneipe. Die beiden auffällig geschminkten Gäste sind aber nicht zum Biertrinken oder Flirten hier. Schwester Latea und Schwester Sunshine nähern sich zwei Kerlen am Tisch. Der eine gestreckte Arm mit den beringten Fingern bietet einen Infoflyer an, der andere eine Kondompackung. „Für die schnelle Nummer“, steht da drauf. Die Männer am Tisch winken ab. Sie wollen ungeschützten Sex. Die Schwestern ziehen weiter zum nächsten Tisch, hier wird das Geschenk mit einem Lächeln angenommen. Das freut die Ehrenamtlichen im Dienste der "Verbreitung universeller Freude, der Tilgung verinnerlichter Schuldgefühle und der Aids-Prävention". „Wir wollen ja nicht in den Darkroom gehen und uns mahnend neben die Männer stellen“, sagt Schwester Latea, „aber wir appellieren an die Eigenverantwortung.“

Schöneberg, Schwulenkiez, die Kneipe heißt Prinzknecht, das klingt für viele Gäste vielversprechend. Berlin gilt als Hauptstadt des Geschlechtsverkehrs ohne Kondom - auch wenn es Studien gibt, die sagen, dass „das Schutzverhalten seit Jahren unverändert hoch und der Anstieg der Neuinfektionen auf ein komplexes Ursachenbündel zurückzuführen“ sei. Rund 450 Neuinfektionen mit dem HI-Virus gab es in Berlin laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) im Jahr 2012. Rund 80 Menschen erkrankten in dem Jahr an Aids. Die am weitaus stärksten betroffene Gruppe sind Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Dieser Begriff bezeichnet allgemein Männer, die gleichgeschlechtliche Sexualkontakte mit anderen Männern haben, und das seien nicht nur Schwule und Bisexuelle, betonen die Schwestern

In den USA sammeln sie Spenden mit Wassereimern

Um sie alle kümmert sich der Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz. Der fremd klingende Titel des Ordens bedeutet so viel wie „immerwährende Lebensfreude“. Die Organisation wurde 1979 vor Beginn der Aids-Welle in San Francisco gegründet, um für die Gleichberechtigung von Homosexuellen zu kämpfen. Seit Anfang der 1980er Jahre geht es auch um den Kampf gegen Aids. In Berlin unterstützt Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) den bundesweit aktiven, als gemeinnützig anerkannten Verein, der zurzeit elf aktive Mitglieder hat. In den USA sammeln die Schwestern Geldspenden mit Wassereimern, in Berlin verwenden sie ordentlich verplombte Spendenbüchsen. Das Geld geht „eins zu eins an Projekte, die Menschen unterstützen, die von HIV und Aids betroffen sind“, sagt Schwester Sunshine, unter anderem an Projekte der Berliner Aidshilfe. Dort lobt man die Arbeit der Schwestern. Die Ordenshaube besteht aus mit Füllwatte ausgestopften Büstenhaltern („90 Doppel-D“) mit Schleier; bis Schwester Latea sich komplett zurechtgemacht hat, „brauche ich zwei Stunden“. Doch der Habit ist mehr als Maskerade.

„Wir schlüpfen in eine Rolle, die uns selbst Schutz bietet, uns anonymisiert und es den Leuten erleichtert, sich uns zu öffnen“, sagt Latea, 37 Jahre alt und aus Schöneberg. Sunshine ist 30 und kommt aus Wilmersdorf, doch die wahre Identität tue nichts zur Sache, sagen beide. Hinter den weißen Gesichtern, den bunten Kleidern und dem kreativen Erscheinungsbild stecken Geschäftsleute, Verwaltungsfachangestellte, Arbeitslose, Männer, Frauen, Transsexuelle.

Das Ornat hilft bei der Arbeit

„Wir alle haben den Ruf gehört und das innere Verlangen verspürt, uns zu engagieren“, so drückt es Schwester Latea aus. Die Schwestern informieren und hören allen zu, in Lokalen in- und außerhalb der Szene, bei CSDs und Straßenfesten, auf Tagungen, bei Galas und überall, wo man sie einlädt. Das kann auch mal das Sommerfest des Bertelsmann-Verlags sein. Und sie empfehlen Menschen jeglicher sexueller Orientierung, sich über den Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen (STI) Gedanken zu machen und eine bewusste Entscheidung zu treffen.

„Ich nehme keine Kondome“, sagt jetzt einer der Männer an den Biertischen. „Wenn ich jedes Mal das Thema Aids, Hepatitis C oder Syphilis ansprechen würde, wäre ja die Stimmung sofort auf Null. Und ich gehe ja ohnehin alle drei Monate zum Test.“ Die Schwestern bewerten diesen Wunsch nach Sex ohne Kondom nicht. Sie nehmen die Meinung der Männer ernst und reden mit ihnen darüber, wie man sich dennoch schützen kann. Dabei kommt auch das Thema Schutz durch Therapie zur Sprache. Ein derzeit in der Szene heftig diskutiertes Thema, nachdem HIV-Positive, deren Virenlast durch die Medikamententherapie unter die Nachweisgrenze gesenkt wurden, die Krankheit nicht mehr übertragen.

Die Ordensschwestern wissen auch darüber Bescheid - sie gehen durch eine gründliche, mindestens einjährige Ausbildung. Sie haben sich selbst strenge Ausbildungsrichtlinien auferlegt, um sicherzustellen, dass es die neuen Mitglieder auch ernst meinen. Neueinsteiger beginnen im Aspirat, drei Monate lang. Da darf man nur schwarze Kleidung tragen, hört zu, geht mit, reicht mal etwas an. Diese erste Ausbildungsstufe dient dazu, sich besser kennen zu lernen. Dann folgt das Postulat, nun mit weiß geschminkten Gesicht und weißem Kurzschleier, und schließlich das Noviziat, in dem die Schwesternpersönlichkeit ausgebildet wird. Abgeschlossen wird die Ausbildung mit dem Noviziatsprojekt – dem Gesellenstück einer werdenden Schwester. Ab dem Noviziat zahlt man 60 Euro Jahresbeitrag für die Verwaltung des Vereins: Flyer, Internetauftritt, Büromaterial, all das kostet ganz weltliche Euro. Und wie steht die Kirche zu den queeren Nonnen des 21. Jahrhunderts? „Wir unterstützen auch die katholischen Nonnen der Organisation Tauwerk mit Spenden“, sagt Schwester Latea. Diese leisten Sterbebegleitung im Hospizdienst. „Im Vatikan allerdings werden wir als Häretiker bezeichnet.“ Die Schwestern tragen auch das mit Würde. „Wir sind alle Teile eines großen Ganzen“, sagen sie.

Nächtlicher Einsatz im Dienste der Nächstenliebe

Wenn sie angepöbelt oder verlacht werden, „lautet das Motto gelassen bleiben, nie maulig werden, höflich zurückweisen, auch, wenn Männer mal zutraulich werden“, sagt Schwester Latea. Wer in einer Bar am Handy spricht, wird höflicherweise nicht angesprochen oder um eine Spende gebeten. Auch in der Leder- und Fetischszene sind die Schwestern im nächtlichen Einsatz im Dienste der Nächstenliebe.

Bei dem jungen Mann aus Bayern, der draußen vor einer Bar in Schöneberg in Trachten-Lederhose sein Bierchen trinkt, stoßen Schwester Latea und Schwester Sunshine auf Verständnis. „Als wir mal mit unserer Schuhplattlergruppe in Kenia auftraten, haben uns die Einheimischen gesagt, wenn man mit einer Jungfrau schläft, wird man geheilt“, sagt der Mann aus Bayern. Bei ihm zu Hause in den Dörfern werde Homosexualität versteckt ausgelebt, aber Kondome gehörten dazu. „Aber über Sex und Verhütung zu reden, finde ich vernünftig“, sagt der Bayer, und möchte jetzt gern mal unter vier Augen mit Schwester Latea reden.

 

Annette Kögel



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Kontakt

Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz -
Erzmutterhaus Sankta Melitta Iuvenis e.V.
Blücherstraße 26 B
10961 Berlin

E-Mail: erzmutterhaus@indulgenz.de
Internet: www.indulgenz.de

 

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