Interview mit HIV-Experten: „Wir verstehen das Virus heute besser“

Der Präsident der Deutschen Aidsgesellschaft, Georg Behrens, über Fortschritte und Rückschläge in der Aidstherapie, über die Möglichkeiten, der Infektion vorzubeugen, und über die Misserfolge der Impfstoffforschung

Prof. Dr. Georg Behrens ist Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft. Behrens forscht und lehrt an der Klinik für Immunologie und Rheumatologie der Medizinischen Hochschule Hannover.


Foto: promo

Herr Professor Behrens, wann wird HIV endlich heilbar sein?

Noch können wir HIV nicht heilen. Und auch in den nächsten fünf Jahren wird es keinen Durchbruch geben, eher in zehn bis 15 Jahren. Doch selbst dann werden wir nicht alle Patienten kurieren können, sondern nur die, die wir sehr früh nach der Infektion mit dem HI-Virus behandeln.

In Mississippi soll ein während der Schwangerschaft infiziertes Baby so von HIV geheilt worden sein …

Bisher ist das Kind ein Einzelfall. Das Neugeborene wurde innerhalb von 30 Stunden nach der Geburt mit drei antiretroviralen Medikamenten behandelt. Die Mutter brach jedoch im 18. Monat die Therapie und auch den Kontakt zu ihren Ärzten ab. Erst nach einem halben Jahr kehrte sie ins Krankenhaus zurück. Die Ärzte erwarteten eine hohe Viruslast. Doch sie fanden nichts. Der Organismus des Kindes scheint das Virus auch ohne Medikamente in Schach zu halten oder sogar besiegt zu haben. Ob das an der frühen Therapie lag, ist noch unklar.

Früher warteten Ärzte mit dem Beginn einer HIV-Therapie solange, bis sich die Viren im Körper zu vermehren begannen. Das scheint sich geändert zu haben?

Früher litten HIV-Erkrankte oft unter schweren Nebenwirkungen der antiretroviralen Medikamente. Deshalb zögerten Ärzte die Therapie hinaus, um ihren Patienten solange wie möglich ein beschwerdefreies Leben zu ermöglichen. Heute können wir die Nebenwirkungen der HIV-Arzneien jedoch wesentlich besser kontrollieren. Außerdem wissen wir, dass durch eine frühe Therapie auch andere Erkrankungen und Komplikationen besser vermieden werden können. Deshalb sollte eine Behandlung rechtzeitig beginnen. Doch genau das ist das Problem: Denn oft wissen die Betroffenen nichts von ihrer Infektion und kommen so erst zur Therapie, wenn die Erkrankung fortgeschritten ist.

Was heißt eigentlich Heilung, wenn wir von HIV sprechen?

Wenn ein Mensch, der HIV-infiziert war, keine Medikamente nehmen muss, das Virus sich in seinem Körper nicht mehr vermehrt und er keine Symptome zeigt, dann spreche ich von einer Heilung. Natürlich können wir nicht sicher sein, dass das Virus nicht noch in irgendeiner Zelle schlummert. Aber das vergleiche ich gern mit einer Tumorerkrankung. Wenn ein Krebs operativ entfernt wird, können wir nie zu 100 Prozent sicher sein, auch die letzte Tumorzelle erwischt zu haben. Trotzdem sprechen wir von Heilung, wenn der Patient danach kein neues Krebsleiden entwickelt.

Wie sieht die Entwicklung der HIV-Medikamente aus?

HIV-Therapie heißt immer noch lebenslange Behandlung. Deshalb werden HIV-Arzneien immer patientenfreundlicher gestaltet. Heute werden mehrere Wirkstoffe in einer Tablette kombiniert, deshalb müssen weniger Pillen geschluckt werden, als noch vor Jahren. Außerdem müssen die Patienten nicht mehr ihre Uhr nach der Medikamenteneinnahme stellen, wie es früher der Fall war. Die Medikamente verzeihen es auch mal, wenn man es mal einen Tag vergisst, sie einzunehmen – es drohen also nicht gleich Resistenzen und Krankheitsschübe. Früher litten HIV-Patienten unter Nebenwirkungen wie Fettverteilungsstörungen, Hautausschlägen oder Leberschäden. Das sind heute keine akuten Probleme mehr.

Die US-amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA ließ im Sommer 2012 „Truvada“ als prophylaktische HIV-Arznei zu. Genügt es künftig, jeden Tag eine Pille zu schlucken, um immun zu sein?

Studien zeigen, dass Truvada das Infektionsrisiko um 40 bis 75 Prozent senken kann, je nach Risikoprofil des Betroffenen. Sinnvoll ist die Arznei für Risikogruppen, also beispielsweise Menschen, die partout kein Kondom benutzen. Und das dann auch noch in großen Städten, wo die Infektionsgefahr größer ist. In Deutschland aber wird das Medikament vermutlich nicht zugelassen werden, denn hier haben wir eine vollkommen andere Situation: Neben der niedrigsten Übertragungsrate Europas laufen hierzulande zahlreiche Präventionsprogramme, und auch die Risikogruppen sind weitaus kleiner. Der Effekt, den Truvada erzielen könnte, wäre wesentlich kleiner als in den USA. Und es gibt ja auch unerwünschte Nebenwirkungen des Medikamentes. Zwar gibt es noch keine Studien zu den Auswirkungen einer langfristigen prophylaktischen Einnahme von Truvada, aber Experten befürchten, dass es dadurch zum Beispiel zu Knochenabbau und Nierenschäden kommen könnte.

Es gab auch Versuche, einen Impfstoff gegen Neuinfektionen zu entwickeln. Doch das von 2003 bis 2009 in Thailand getestete Serum enttäuschte viele Wissenschaftler.

Immerhin war ein positiver Unterschied zwischen dem Impfstoff und dem unwirksamen Placebo messbar. Klinisch brachte die Studie aber kein Erfolg, der Impfschutz war zu gering. In der Grundlagenforschung erwarte ich jedoch in den nächsten zwei, drei Jahren einige Durchbrüche. Zum Beispiel wissen wir heute viel genauer als noch vor wenigen Jahren, wie HIV-Antikörper aussehen müssen und wie wir sie effektiv in den Körper einbringen können. Bis aus diesen Forschungsergebnissen ein Impfstoff entsteht, werden aber noch einige Jahre vergehen.

Heilung und Immunisierung sind also noch nicht in Sicht. Wie kann bis dahin die Versorgung HIV-Erkrankter verbessert werden?

Im Schnitt erreichen wir bereits 90 Prozent der Therapieziele, vor allem also die Virusmenge im Blut unterhalb der Nachweisgrenze zu senken. Dazu bedarf es aber einer gut abgestimmten Versorgung aus universitären Ambulanzen und niedergelassenen Ärzten. Denn heute bedeutet HIV-Therapie mehr als nur antiretrovirale Medikation. Kam ein positiver Test vor 30 Jahren noch einer Todesbotschaft gleich, ist HIV heute eine chronische Krankheit geworden. Die Betroffenen können ein langes Leben führen. Das heißt aber auch, ein Leben lang auf Medikamente angewiesen zu sein. Welche Spätfolgen das haben wird, ist schwer abschätzbar. HIV-Patienten leiden unter Nebenwirkungen wie leicht erhöhtem Herzinfarktrisiko, unter Veränderungen an der Niere oder an abnehmender Knochendichte, also Osteoporose. Deshalb ist es sinnvoll, wenn HIV-Schwerpunktärzte, die mit den spezifischen HIV-Begleiterkrankungen vertraut sind, die komplexe Therapie überwachen. Außerdem können sie als Anlaufstelle die Zusammenarbeit mit Ärzten anderer Fachrichtungen koordinieren. Wenn HIV-Erkrankte immer älter werden, müssen wir aber auch über eine spezialisierte Alterspflege nachdenken. Bisher gibt es nur wenige Pflegeheime, die mit den Bedürfnissen HIV-Erkrankter vertraut sind. Da stehen wir noch ganz am Anfang.

Das Risiko, sich bei einem gut therapierten HIV-positiven Partner, dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt, anzustecken ist genauso gering, als würde ein Kondom benutzt werden. Gehören Kondome damit endlich der Vergangenheit an?

Viele Studien zeigen, dass eine wirksame Therapie das Infektionsrisiko massiv verringert oder sogar gegen Null gehen lässt. Doch die Erwartung, dass die Zahl der Neuinfektionen sinken würde, je mehr Menschen behandelt werden, hat sich bisher noch nicht erfüllt. Mindestens 20 Prozent der HIV-Erkrankten wissen noch nichts von ihrer Infektion und können deshalb beim ungeschützten Sex das Virus weitergeben. Kondome sind sinnvoll, lautet deshalb die Präventionsbotschaft. Auch das Robert-Koch-Institut rät dazu, sich vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis, Hepatitis oder Gonorrhoe mit einem Kondom zu schützen. Aber auch in den deutschen Gerichtssälen hält das Wissen um das geringe Infektionsrisiko gut therapierter Patienten Einzug. Früher war das Kondom „oberstes Gebot“, wenn es um die Frage ging, ob ein HIV-positiver Mensch einen Partner fahrlässig angesteckt haben könnte. Zumindest im Strafmaß wird zunehmend auch berücksichtigt, ob der Angeklagte therapiert wurde.

 

Prof. Dr. Georg Behrens ist Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft. Behrens forscht und lehrt an der Klinik für Immunologie und Rheumatologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Das Gespräch mit ihm führte Frieder Piazena.




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