Interview mit einem Trainingswissenschaftler: "Gutes Personal bedeutet gutes Fitnessstudio"

Rund acht Millionen Menschen trainieren in Deutschland in Fitnessstudios. Aber ist Sport im Studio überhaupt gesund? Und was sollten Sie beachten? Gerhart Bayer, Privatdozent für Trainingswissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin, beantwortet die wichtigsten Fragen rund ums Fitnessstudio.

Privatdozent Gerhart Bayer lehrt an der Humboldt Universität zu Berlin Trainingswissenschaft. In der Praxis unterrichtet er Sportschwimmen, Triathlon, Felsklettern und Kraft- wie auch Kraftausdauertraining.


Foto: Promo

Herr Bayer, rund acht Millionen Menschen in Deutschland schwitzen sich in Fitnessstudios ab. Aber ist Sport im Fitnessstudio überhaupt gesund?

Der Besuch im Fitnessstudio kann sinnvoll sein, denn der durchschnittliche Mitteleuropäer leidet heute unter zu wenig körperlicher Belastung. Stress kann so nicht mehr abgebaut werden, negative Emotionen können die Folge sein. Im Fitnessstudio können wir eine Menge machen, um aufgestauten Druck abzubauen und unseren Körper wieder in Schwung zu bringen. Andererseits ist der Besuch im Fitnesscenter auch ein selbst geschaffener Bedarf. Ein Foto, das im Netz kursiert, illustriert recht gut was ich meine: Das Bild zeigt eine Rolltreppe, die zu einem Fitnessstudio hinaufführt. Studien zeigen, dass Menschen, die einen täglichen Energieverbrauch haben, der etwa 30 Kilometer Laufen entspricht, keinen Sport mehr treiben müssen, um gesund zu bleiben. Das hört sich zunächst nach einer großen Strecke an. Aber wenn wir statt mit dem Auto das Fahrrad zur Arbeit nähmen und statt des Fahrstuhls Treppen stiegen, dann würde bei den meisten Menschen schon ein guter Teil dieser Strecke zusammenkommen.

 

Welchen Krankheiten kann man im Fitnessstudio vorbeugen?

Viele Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes Typ 2, Herzkreislauferkrankungen und Bluthochdruck werden durch eben jenen Bewegungsmangel und einem Überfluss an Nahrung verursacht. Wenn sie es im Alltag nicht schaffen, können Menschen im Fitnessstudio wieder eine Balance zwischen Energieverbrauch und –aufnahme herstellen und so den Wohlstandskrankheiten Einhalt gebieten. Großstädter leiden häufig an muskulären Dysbalancen, bei denen das Kräfteverhältnis zwischen zwei zusammenarbeitenden Muskeln gestört ist. Bei Schreibtischjobs, wo man viele Stunden am Tag sitzend im Büro verbringt, ist besonders häufig die hintere Schulter- und Nackenmuskulatur geschwächt und verspannt, während die Brustmuskeln verkürzt sind. Das führt dazu, dass unsere Schultern immer weiter nach vorn in Richtung Brust wandern, wir krumm am Arbeitsplatz sitzen und früher oder später unter Nacken- und Rückenschmerzen leiden und unsere Halswirbelsäule geschädigt wird. Im Fitnessstudio können die Schulter- aber auch Rumpf- und Beinmuskulatur wieder gestärkt und ins Gleichgewicht gebracht werden.

Oder Osteoporose-Patienten – meist sind das Frauen in oder nach den Wechseljahren: Sie können durch Krafttraining ihre brüchigen Knochen stabilisieren oder sogar wieder aufbauen. Besonders Stoßbelastungen, wie sie beispielsweise bei Sprüngen entstehen, sind für den Knochenaufbau besonders wirksam – Für Osteoporose-Patienten sind sie jedoch wegen der hohen Belastung und der eingeschränkten Knochenbeanspruchungsfähigkeit tabu! In dieser Situation sind die Geräte im Fitnessstudio sinnvoll, weil diese mit geringen Widerständen beginnen, die systematisch gesteigert werden können, damit sich der Körper Schritt für Schritt anpassen kann. Das sollte allerdings nicht ohne fachkundige Anleitung geschehen.

 

Die Möglichkeiten, die die Fitnessstudios meist bieten, lassen sich auf zwei grobe Felder unterteilen: Aufbau und Stärkung der Muskulatur durch Krafttraining oder Stärkung der Fitness durch Ausdauertraining mit oder ohne Geräten. Mit welcher Trainingsart beuge ich Krankheiten am besten vor?

Entgegen früherer Annahmen, die davon ausgingen, dass nur Ausdauertraining besonders gesund sei, ist heute das Krafttraining der Favorit, wenn es um Krankheitsprävention geht. Dabei wird die Muskulatur meist entweder an Geräten trainiert oder es werden freie Gewichte, beispielsweise Kurzhanteln gestemmt. Studien an Gewichthebern und Kraftsportlern zeigen, dass diese entgegen der früheren Annahmen ein sehr robustes Herz-Kreislauf-System haben.

Besonders förderlich ist das so genannte Kraftausdauertraining, bei dem im Vergleich zum reinen Krafttraining mit leichteren Gewichten, dafür jedoch mit mehr Wiederholungen und kürzeren Pausen trainiert wird. Während beim anhaltenden Ausdauertraining der Körper bereits während des Sports Kalorien verbrennt, ist der Energieverbrauch beim Krafttraining größtenteils nachgelagert. Der Körper verbrennt also noch lange nach Trainingsende Kalorien. Krafttraining stärkt nicht nur den Kreislauf, sondern auch den so genannten passiven Bewegungsapparat, also Bänder, Knochen und Knorpel. Die Belastung beim Gewichte heben und beim Training an der Maschine sorgt für einen Aufbaureiz, der beispielsweise Knochen wieder dichter werden lässt und deshalb auch Osteoporose vorbeugt oder entgegenwirkt.

 

Was sollten Anfänger beim Training beachten?

Viele Menschen beginnen hoch motiviert mit dem Training, doch nach einiger Zeit lässt die Motivation nach. Wichtig ist, dran zu bleiben und regelmäßig Sport zu treiben. Wer im Fitnessstudio Freunde trifft, kann sich oft leichter motivieren. Und auch der monatliche Mitgliedsbeitrag kann unserem Gewissen auf die Sprünge helfen.

Das größte Problem für Anfänger ist es oft, ein systematisches Training zu entwickeln: Ungeübte Sportler müssen sich differenziert und langsam aufbauen. Sie sollten ihren Körper nicht überfordern und ihm auch Erholungspausen gönnen. Überlastet man die Muskeln, macht sich das mit Schmerzen bemerkbar. Knochen und Sehnen senden uns hingegen kaum und wenn dann erst sehr spät Warnsignale. Deshalb sollte man auch nicht ständig die Belastung erhöhen, sondern bestimmte Leistungsniveaus erst eine Weile halten, bevor die Gewichte wieder erhöht werden. Nur so bleibt dem Körper, insbesondere dem passiven Bewegungsapparat, der langsamer wächst als die gut durchbluteten Muskeln, Zeit, sich an die Belastungen anzupassen.

Entscheidend ist auch die richtige Körperhaltung: Sportler, die mit freien Gewichten arbeiten, müssen auf eine gerade und stabilisierte Wirbelsäule achten, um Wirbel und Bandscheiben nicht zu verletzen. Auch dynamische Gelenkanschläge sollten vermieden werden: Wenn beispielsweise die Armmuskulatur trainiert wird, sollte der Arm meist nicht bis zum Anschlag durchgestreckt werden; denn dann wird das empfindliche Gelenk extrem belastet.

Kurz um: Ein und dieselbe Übung kann richtig ausgeübt positiv, aber wenn sie falsch durchgeführt wird, auch negativ auf den Körper wirken. Die Trainierenden zur richtigen Ausführung anzuleiten, ist letztlich der Job der Fitness-Trainer im Studio.

 

Welche Risiken gibt es?

Keine, wenn Sie richtig trainieren. Allerdings sind Anstrengungen bei Fieber und Entzündungen tabu. Auch wenn Sie Medikamente – insbesondere Antibiotika – nehmen, müssen Sie das Fitnessstudio wie jede andere sportliche Belastung meiden. Wer trotzdem trainiert, riskiert eine Herzklappeninsuffizienz, da die von einer Entzündung schnell angegriffenen Herzklappen unter der hohen Belastung vernarben können und später nicht mehr richtig schließen.

 

Woran erkenne ich ein gutes Fitnessstudio?

Das Hauptkriterium für ein gutes Studio sind aus meiner Sicht ausreichend und vor allem fachkundige Trainer. Die Trainer sollten von sich aus auf die Kunden zukommen und auf deren Bedürfnisse individuell reagieren können. In der fachkundigen Anleitung sehe ich auch das wichtigste Argument für einen Besuch im Fitnessstudio, denn trainieren kann man letztlich auch zu Hause oder in der freien Natur. Die meisten Menschen wissen nur nicht wie. Gutes Personal ist jedoch einer der größten Kostentreiber im Fitnessstudio. Deshalb wird daran nicht selten gespart.

 

Welche Ausstattung sollte ein Studio haben?

Es sollten einerseits alle Muskelgruppen lokal belastet und trainiert werden können, aber andererseits sind auch Komplexübungen für die Koordination und die Herz-Kreislauf-Belastung wichtig. Kraftmaschinen und Rudergeräte gehören zum Standard-Repertoire eines Studios. Bei diesen Geräten stemmen Sie die Gewichte nicht direkt, sondern über Hebel und Seilzüge. Das hat den Vorteil, dass keine Gewichte herunterfallen können, die jemanden verletzen könnten. Der Nachteil ist, dass diese Übungen die Koordination weniger beanspruchen, da die Bewegungen von der Maschine vorgegeben und geführt werden. Deshalb gehören auch lange und kurze Hanteln oder auch Schlingensysteme in ein Studio. Ihr Trainingseffekt ist viel breiter, da an den Übungen mehr Muskeln beteiligt sind, um die Bewegung zu koordinieren und zu stabilisieren. Zu dem sollte ein Studio auch eine Freifläche haben, auf der individuell trainiert werden kann, beispielsweise für Liegestütze oder Sit-ups. Die meisten Anbieter haben außerdem Laufbänder, Crosstrainer und Ergometer fürs Ausdauertraining im Gerätepark.

 

Warum sollte ich im Fitnessstudio auf einem Laufband rennen, wenn ich auch in der freien Natur joggen könnte?

Gute Frage! Im Fitnessstudio haben Sie keine Vorteile gegenüber dem Laufen in der freien Natur. Asthmatiker sind sogar besser beraten, draußen zu joggen, da im Fitnessstudio die Luft stärker mit Keimen belastet sein kann. Stark befahrene Straßen sollten Asthma-Patienten natürlich auch meiden. Schlechtes Wetter taugt nicht zur Ausrede. Wichtig ist, dass Sie sich beim Joggen mit der richtigen Kleidung warm halten, sonst können sie sich verletzen und natürlich erkälten. Studien zeigen, dass Menschen, die regelmäßig und auch bei schlechtem Wetter Sport im Freien machen, seltener erkältet sind.

 

Elektrische Muskelstimulation (EMS) liegt derzeit sehr im Trend. Welchen Nutzen hat die Strombehandlung, mit der angeblich das Muskelwachstum angeregt werden soll, wirklich?

Bei der EMS trägt der Trainierende ein Leibchen, das seine Muskeln mit Strom stimuliert. Mit dieser Methode, die aus der Physiotherapie stammt, kann man in kurzer Zeit den Muskel hoch belasten. Trotzdem ist die EMS für gesunde Sportler zweite Wahl. Denn hier geht es nur um einen einzigen Effekt: muskuläre Belastung. Die anderen positiven Effekte von regelmäßigem Sport – die Stärkung des Herz-Kreislaufs oder die Koordinationsförderung zum Beispiel – sind dabei völlig abgekoppelt.



Das Interview führte Frieder Piazena.

 

 



Artikelsuche ?

Passende Suchanfrage

Lassen Sie sich die Profile aller im Portal gelisteten Fitnessstudios anzeigen.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet