(Noch) keine Fitnesshauptstadt: Berlin auf dem Weg zu einem gesünderen Ort

Krankheiten vorbeugen statt sie kurieren – das ist das eigentliche Ziel. In Berlin ist dies noch nicht erreicht. Zwar gibt es über 2300 eingetragene Sportvereine und hunderttausende Einwohner sind in einem Fitnessstudio angemeldet, trotzdem gelten die Hauptstädter nicht als fit. Jeder zweite Erwachsene wiegt zu viel. Das will man in Zukunft ändern.

Bei sportlichen Großveranstaltungen wie dem Berlin-Marathon sind zehntausende Menschen auf den Straßen unterwegs. Trotzdem sagen Experten, Berlin sei noch lange nicht fit genug.


Foto: Thilo Rückeis/TSP

Glaubt man den Experten, dann handelt es sich um das reinste Wundermittel. Es hilft gegen unterschiedliche Leiden wie Rückenschmerz, Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sogar Depressionen lassen sich damit wirksam bekämpfen. Das Mittel gibt es zudem zum Nulltarif und hat, richtig dosiert, so gut wie keine Nebenwirkungen. Sogar den Gang zur Apotheke kann man sich dadurch sparen. Denn: Der Patient selbst ist der Produzent.

„Bewegung“ heißt das Mittel, das laut einer von taiwanesischen Wissenschaftlern veröffentlichten Studie vom Januar 2012 sogar die Lebenserwartung steigern soll. Nach Auswertung der Daten von 400 000 Taiwanern schätzen die Forscher, dass schon eine Viertelstunde körperliche Aktivität pro Tag das Risiko, vorzeitig zu sterben, um 14 Prozent senkt – und die Menschen im Durchschnitt drei Jahre länger leben.

Diesen eigentlich altbekannten Zusammenhang will sich auch das Land Berlin stärker zunutze machen. „Wir wollen Berlin als Stadt des langen und gesunden Lebens profilieren“, sagt Ulf Fink, ehemaliger Gesundheitssenator und jetzt Vorsitzender des Vereins Gesundheitsstadt Berlin. „Es gibt dafür Potenziale zuhauf“, meint Fink mit Blick auf Institutionen wie der Charité, einer der größten Universitätskliniken der Welt, dem Robert Koch-Institut oder auch dem Berlin-Marathon.

Jeder zweite Berliner ist übergewichtig

Nur werden diese Potenziale der Stadt derzeit noch nicht ausreichend genutzt. Jeder zweite Berliner im Erwachsenenalter gilt als übergewichtig, sagt Sabine Herman die Leiterin der Arbeitsgruppe Gesundheitsberichterstattung in der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales – Tendenz steigend. Die Rate von 46 Prozent liegt sogar leicht über dem Bundesdurchschnitt von 43 Prozent. Und die Deutschen bringen wiederum mit den Briten im europäischen Vergleich am meisten auf die Waage. Bereits 15 Prozent der unter 18-Jährigen Berliner sind zu schwer, 6,3 Prozent sogar fettleibig. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Anteil der stark übergewichtigen Kinder und Jugendlichen deutschlandweit verdoppelt””, sagt Angelika Schaffrath Rosario vom Robert-Koch-Institut.

Betroffen sind vor allem Arme und Menschen mit Migrationshintergrund. Die langfristigen Ursachen bestehen laut Sabine Hermann in veränderten Lebensgewohnheiten, also falscher Ernährung und zu wenig Sport. So schafft es ein Drittel der Berlinerinnen und die Hälfte der Berliner nicht, die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlene tägliche Menge Obst zu essen. Beim Gemüse erreichen jede zweite Frau und zwei Drittel der Männer diese Empfehlung nicht.

In Sachen Bewegung ergibt sich ein gemischtes Bild. Über 2300 eingetragene Sportvereine bieten vom traditionellen Tennis bis zum Trendsport „Badminton im Schwarzlicht“ so ziemlich alles an, was das Sportlerherz begehrt. Zudem sind rund 415 000 Berliner in einem Fitnessclub angemeldet. Und dann gibt es ja noch die große Mehrheit der Berliner, die unabhängig von Verein oder kommerziellem Anbieter regelmäßig ins Schwitzen kommen, am liebsten beim Radfahren, Schwimmen, Laufen oder Fußball. Insgesamt treiben rund 75 Prozent Sport, 62 Prozent davon mindestens einmal wöchentlich. Dennoch: Die von der DGE ausgegebene Empfehlung, sich fünfmal pro Woche mindestens 30 Minuten zu bewegen, setzen gerade einmal 23 Prozent der Männer und sogar nur 20 Prozent der Frauen in die Tat um.

Georg Duda – er ist Direktor des Julius-Wolff-Instituts für Biomechanik und Muskuloskeletale Regeneration an der Charité und außerdem stellvertretender Direktor des Berlin-Brandenburg-Centrums für Regenerative Therapien – kritisiert: „In Forschung und Praxis wird zu viel Augenmerk auf Kuration und Regeneration gelegt.“ Dabei sei Prävention immer besser als teure Operationen oder eine Pille mit Nebenwirkungen. Dem stimmt Ulf Fink von Gesundheitsstadt Berlin ausdrücklich zu. Wenn sich nichts ändere, werde das Gesundheitssystem schlicht unfinanzierbar. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Weg von der Kuration, hin zur Prävention.“

Und dieser Paradigmenwechsel muss schon im Kindesalter beginnen, so wie es im Landesprogramm Gute gesunde Schule praktiziert wird. An dem Programm beteiligen sich 135 Schulen, drei Viertel davon Grundschulen. Das Programm ist freiwillig und richtet sich an Schüler, Eltern und Lehrer, die Kochkurse, Tanzprojekte oder Arzt-Sprechstunden besuchen können. Im Schuljahr 2013/2014 ist das vom Berliner Senat sowie Krankenkassen und Ärztekammer organisierte Landesprogramm in das berlinweit geltende Angebot der "Schulischen Prävention" übernommen worden. Das Konzept folge den aktuellen Empfehlungen zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule der Kultusministerkonferenz und sei in dieser Form bundesweit einmalig, sagt der zuständige Landeskoordinator Dirk Medrow. Ein Schwerpunkt sei auch die Bewegung und hier insbesondere der bewegte und rhythmisierte Unterricht. „Ziel ist es, neben dem frontalen sitzenden Lernen auch andere Lernsituationen zu schaffen, die durch Körper- und Sinnesübungen die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler sichern.“ Das Feedback über die angebotenen Fortbildungsveranstaltungen ist sehr positiv. Lehrkräfte berichteten von besseren Konzentrationsleistungen der Schülerinnen und Schüler, weniger Stress und einem besseren „Ich-Gefühl“. Insofern verbessere das Angebot das Gesundheitsklima an den Schulen, gehe aber über den Aspekt der Bewegungsförderung und des Sports hinaus.

Neben gesunder Ernährung ist Sport der Schlüsselfaktor

Dass man die Sportvereine auf dem Weg zur „gesünderen Stadt“ nicht überfrachten dürfe, mahnt Karsten Heyer von „Kietz für Kids“ an. Der 1989 in Hohenschönhausen gegründeter Verein richtet sich mit diversen Kursen an Kinder, Erwachsene und Senioren. Eine Arbeit, die Heyer gerne macht. Allerdings hat er beobachtet, dass der Staat sich bei Präventions- und Reha-Angeboten zunehmend aus der Verantwortung stiehlt. So kommen immer mehr Senioren mit ihren Rezepten direkt zu Kietz für Kids – was für den hauptsächlich von Ehrenamtlern getragenen Verein einen hohen bürokratischen Aufwand bedeutet. „Wir sind zu einem Dienstleister für das Gesundheitssystem geworden“, klagt Heyer.

Es müsse eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über die Bedeutung geben frühzeitiger Präventionsansätze gegen Übergewicht und andere Krankheiten, die zum Beispiel durch unausgewogene Ernährung, Stress und zu wenig Bewegung verursacht werden, fordert Frank Michalak, Vorstandsvorsitzender der AOK Nordost. „Neben gesunder Ernährung und Stressmanagement ist Sport ein ganz wichtiger Faktor. Kinder und Jugendliche müssen so für mehr Bewegung begeistert werden, dass sie auch mal das neue Computerspiel zugunsten von sportlichen Aktivitäten eine Zeit lang liegen lassen.“ Sport helfe nicht nur dabei, kognitive Fähigkeiten weiterzuentwickeln, gerade Mannschaftssport fördere außerdem auch soziale Kompetenzen und mache einfach Spaß, sagt Michalak, der selbst Vater dreier Kinder ist und gelegentlich noch eine Kinder-Fußballmannschaft trainiert. Aber nicht jeder könne sich zum Beispiel den Mitgliedsbeitrag einer Vereinsmitgliedschaft samt der erforderlichen Sportausrüstung leisten. Hier müssten von den verantwortlichen Akteuren in den Bereichen Sport, Soziales und Gesundheitswesen gemeinsam Konzepte der Teilhabe diskutiert werden.

 

Sebastian Meyer, Anna Ilin



Artikelsuche ?

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet