Gesundheitsförderung im Kleinbetrieb: Brandenburger Netzwerk gegen den Krankenstand

In einem brandenburgischen Projekt bemühen sich Arbeitgeber, Gewerkschaft und AOK gemeinsam um eine bessere betriebliche Gesundheitspolitik in kleinen und mittelgroßen Betrieben.

Anja Weidling ist Pflegedienstleiterin im Altenheim „Schäferhaus Ladeburg“ in Bernau. Jeden Morgen zum Dienstbeginn trifft sich Weidling mit ihren Kolleginnen und Kollegen zum Turnen im Fitnessraum des Heims. „Denn nur ein gesunder Körper bedeutet Spaß am Leben und damit auch Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz“, sagt Fabian Blanda, Chef des Pflegeheims und Förderer betrieblicher Gesundheitspolitik. „Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter möglichst viele Jahre bei uns arbeiten. Dazu müssen wir die zu erledigenden Aufgaben stets aufs Neue altersgerecht zuteilen und uns auf individuelle Bedürfnisse der Mitarbeiter einstellen.“ Blanda ist Mitglied beim Arbeitskreis Erwerbsbiografien, mit dem das brandenburgische Netzwerk KMU die beteiligten Firmen gesünder machen will.

KMU steht für kleine und mittlere Unternehmen, die nicht mehr als 250 Mitarbeiter haben und weniger als 50 Millionen Euro umsetzen. Neben dem Land Brandenburg, das mithilfe des Strukturfonds der EU rund 800 000 Euro für das Projekt bereitstellt, sind die AOK, der DGB und die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) beteiligt. Von dem Geld kann eine Handvoll Mitarbeiter bezahlt werden, die sich um die Umsetzung kümmern: Arbeitskreise und Workshops durchführen oder Beschäftigte der Unternehmen zum Gesundheitscoach ausbilden. Die Motivation der Beteiligten liegt auf der Hand: Die Firmen sparen Geld, wenn der Krankenstand gering ist. „Engagierte und vor allem gesunde Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Erfolg“, sagt UVB-Geschäftsführer Alexander Schirp. Die Gewerkschaft erhofft sich einen Schub für mehr Mitbestimmung in den Betrieben. „Denn für Gesundheitsförderung braucht man Vereinbarungen und Tarifverträge“, sagt Christian Hoßbach, stellvertretender DGB-Chef von Berlin-Brandenburg. „Und dafür wiederum braucht man Betriebsräte und Gewerkschaften.“

In dem Netzwerk sind das Land, die AOK, der Gewerkschaftsbund und die Unternehmerverbände vertreten

Die AOK schließlich will den Krankenstand drücken, der in Berlin und Brandenburg in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Im Schnitt war in der Hauptstadtregion 2011 jeder Beschäftigte 18 Tage lang krankgeschrieben. Insgesamt gingen so 25 Millionen Arbeitstage verloren. Den Schaden bezifferte der jüngste Gesundheitsbericht der Länder Berlin und Brandenburg auf fünf Milliarden Euro.

Projekte wie das „Netzwerk KMU“ hat die AOK bereits in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern aufgelegt. „Wichtig ist ein niederschwelliges Angebot für die kleineren Unternehmen, denen es schwerfällt, etwas beim Thema Gesundheit zu machen“, sagt Werner Mall von der AOK. Niederschwellig seien zum Beispiel Informationsveranstaltungen wie die in Bernau, wo es am Mittwoch um altersgerechtes Arbeiten geht: Wie halte ich ältere Mitarbeiter im Betrieb? Neben diesem Arbeitskreis gibt es weitere zu den Themen „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „Psychische Gesundheit in Veränderungsprozessen“ sowie „Mitarbeiterorientierung“. Da kommt die Führungs- und Firmenkultur ins Spiel.

„Betriebliches Gesundheitsmanagement muss von oben nach unten gewollt sein und von unten nach oben gestaltet werden“, sagt Mall, der bei der AOK für Prävention zuständig ist. Ein „Wechselspiel von Partizipation“ sei erforderlich, bei dem durchaus ein Gesundheitscoach hilfreich sei. In vier Tagen bildet die AOK dazu aus – vorzugsweise Mitarbeiter der Personalabteilung der beteiligten Firmen oder Betriebsräte. Die Teilnehmer gehen dabei vom Grundsätzlichen ins Spezielle: Was alles beeinflusst die Gesundheit? Was kann man von den Gesunden lernen? In welchen Bereichen im Betrieb gibt es viele und wenige Kranke – und sind Ursachen dafür erkennbar? Welche Rolle spielt das Führungverhalten für das Wohlbefinden? Wie geht man mit Stress und überhaupt psychischen Belastungen bei der Arbeit um?

Bis zu 40 Unternehmen sollen sich in dem brandenburgischen Netzwerk zusammenfinden und Erfahrungen für gesunde Arbeitsumstände austauschen. Gastgeber Blanda kann darüber am Mittwoch schon einiges erzählen. In seinem Pflegeheim in Bernau gibt es während der Arbeitszeit kostenlos Präventionskurse, Theraband- und Rückentraining sowie Physiotherapie. „Ich selbst fahre jeden Tag 25 Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit und hoffe auf viele Nachahmer unter den Mitarbeitern“, sagt Blanda und macht ein bisschen Druck: Demnächst werden Diensträder für die Pflegerinnen und Pfleger angeschafft.

 

Alfons Frese



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Berlin hat ein ähnliches Projekt, die "Berliner Initiative Gesunde Arbeit" (BIGA), an dem sich 17 Unternehmen beteiligen. 

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