Gesundheitslotse bei der BSR: Fürsorglichkeit für die Kollegen, damit der Job nicht krank macht

Sie ziehen Tonnen, fahren auf dem Tritt von Müllwagen, fegen fast acht Stunden am Tag die Straße: Die Müllwerker und Straßenreiniger Berlins. Ihr Job ist körperlich anstrengend und auch für die Psyche nicht immer einfach. Deshalb hat sich die Berliner Straßenreinigung ein ganzheitliches Gesundheitskonzept überlegt. Um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser zu erreichen, bildet sie seit 2007 so genannte Gesundheitslotsen aus: Beschäftigte, die ehrenamtlich Ansprechpartner für ihre Kollegen in Gesundheitsfragen sind.

Anstrengender Job und trotzdem gesund bleiben - wie das geht, das weiß der BSR-Gesundheitslotse Mario Barth. Und er teilt dieses Wissen gern mit seinen Kollegen.


Foto: Thilo Rückeis/Tsp

Manchmal ist Mario Bahr einfach nur Diätberater. „Du, was hältst du denn so von joggen gehen?“, fragte ihn vor zwei Jahren ein Kollege, während sie zusammen mit dem Auto zu ihrem Einsatzort fuhren. Bahr hatte schon gemerkt: der Kollege tut sich schwer beim Treppensteigen, auch das stundenlange Straßenkehren macht ihm zu schaffen. Falsche Ernährung und falsche Bewegung waren die Gründe für sein Übergewicht. „Erstmal lieber Power-Walking und Fahrrad fahren“, riet ihm Bahr. Und der Kollege nahm es sich zu Herzen. Immer wieder ergaben sich für Bahr solche Gespräche, im Auto, in der Kantine, bei der morgendlichen Einteilung der Routen. Über gesundes Essen zum Beispiel, oder darüber, wie wichtig Obst und Gemüse sind. Heute, zwei Jahre später, ist der Kollege mehr als 60 Kilo leichter. Ein Erfolg für Mario Bahr. Er ist Gesundheitslotse bei der Berliner Stadtreinigung (BSR), eine ehrenamtliche Tätigkeit, die er seit 2008 neben seinem Job als Straßenreiniger macht.

Wir treffen Bahr in der Kantine der BSR-Hauptverwaltung in Berlin Tempelhof. Die Kantine ist ein großer Raum mit Fensterfront und weißen Tischen. Zur Auswahl stehen Bratkartoffeln und Buletten, aber auch indisches Gemüse, Käsespätzle, und eine umfangreiche Salatbar. Es könnte auch die Kantine einer Rechtsanwaltskanzlei sein, säßen nicht an jedem Tisch Männer und Frauen in leuchtend orangener Uniform. Hier empfängt uns Mario Bahr, ebenfalls in Orange, und mit einem dunkelblauen Tuch um den Hals – obwohl er sonst ganz woanders stationiert ist.

Am Betriebshof Ilsenburger Straße im Bezirk Charlottenburg ist Bahr dafür zuständig, seine Kollegen über neue Gesundheitsangebote des Betriebs zu informieren: Er hängt Info-Zettel an die Magnetwand und macht morgendliche Ansagen, zum Beispiel, dass es wieder neue Rückenkurse gibt. Für 170 Leute ist Bahr Ansprechpartner in gesundheitlichen Fragen.

Die BSR ist eine von 16 Berliner Unterzeichnern der Luxemburger Deklaration. Mit der Unterschrift unter dieses EU-Dokument zur Betrieblichen Gesundheitsförderung bekennen sich Unternehmen dazu, die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter am Arbeitsplatz zu stärken. Dabei ist die Einbeziehung der Mitarbeiter in die jeweiligen Maßnahmen ein entscheidender Faktor.

Am häufigsten sind Erkrankungen des Skeletts oder des Kreislaufs - aber auch psychische Belastungen

Die Leiterin der BSR-Gesundheits- und Sozialberatung, Angela Janecke, sagt, für das Unternehmen sei es wichtig gewesen, sich öffentlich zu den Richtlinien der Luxemburger Erklärung zu bekennen. Allerdings hätte sich der Betrieb unabhängig davon schon länger für die Gesundheit der Mitarbeiter eingesetzt. 1996 fing es mit einer Suchtberatungsstelle an, vor allem das Thema Alkohol sollte in den Griff bekommen werden. Heute hat sich das Konzept erweitert.

Das Durchschnittsalter der BSR-Beschäftigten liegt bei 47 Jahren, 85 Prozent der Beschäftigten sind Männer. Am häufigsten seien Muskelskelett- und Herzkreislauferkrankung, sagt Janecke. Andererseits sei der Job für viele auch psychisch belastend. Früher hätte man gesagt, „hier, die Straße kehrst du jetzt“. Aber nachdem die BSR Anfang der 2000er Jahre nochmal mehr als 1500 Stellen abbaute, seien auch die Anforderungen an die Mitarbeiter gestiegen. Die Verantwortung für die Organisation der Arbeit sei größer geworden, Winterdienst, Laubzeit, Straßen mit unterschiedlichen Reinigungsklassen, das alles muss von den Beschäftigten in den Teams mit organisiert werden. Damit das reibungslos klappt, müssen sich die Beschäftigten in ihren jeweiligen Teams wohl fühlen. Viele seien aber auch aus anderen Gründen emotional belastet, zum Beispiel, weil sie sich von ihrem Partner getrennt haben oder Angehörige pflegen müssen.

Janecke begreift Gesundheit und Prävention als etwas Ganzheitliches, wobei sowohl Köper als auch Seele berücksichtigt werden müssen. „Es ist erwiesen, dass unser seelisches Wohlbefinden Auswirkungen auf unseren Körper hat und andersrum“, sagt die 50-jährige. Deshalb sind bei der BSR die Gesundheits- und Sozialberatung eng mit der Arbeitssicherheit und dem Betriebsärztlichen Dienst verzahnt. Von Suchtprävention und Ernährungsberatung, über Rückenschule und Sportangebote, bis zu den jährlich Gesundheitstagen außerhalb der Stadt gibt es ein umfangreiches Angebot, um die BSR-Leute fit zu halten. Auch für soziale Probleme gibt es Ansprechpartner, zum Beispiel eine Schuldnerberatung und die psycho-soziale Beratung.

Um besser an die Mitarbeiter heran zu kommen, kam 2007 die Idee mit den Gesundheitslotsen auf. Deshalb entschied man sich, auch die gesundheitlichen Angebote über speziell fortgebildete Beschäftigte bekannt machen zu lassen. Deren Ausbildung zum Gesundheitslotsen umfasst sieben Module, die an siebenWochenenden gelehrt werden. Dabei geht es um Themen wie ausgewogene Ernährung, Bewegung und Alkoholprävention. Eine jüngst durchgeführte Mitarbeiterbefragung hat ergeben, dass die meisten Beschäftigten sich durch Kolleginnen und Kollegen über Betriebsangelegenheiten informieren. Diese Erkenntnisse bestätigen das Konzept der Gesundheitslotsen.

Bisher hat die BSR etwa 30 Gesundheitslotsen ausgebildet, für insgesamt 35 Standorte. Und das sind immer Personen, die schon ein gewisses Vertrauen in der Belegschaft genossen und denen eine Vorbildfunktion zugetraut wurde. So wie Mario Bahr.

„Man spürt so eine Zufriedenheit“

Vor mehr 30 Jahren, 1981, ist er zur BSR gekommen. Schon sein Vater hatte dort in bei der Müllabfuhr gearbeitet. Vom Straßenfeger arbeitete Bahr sich hoch in die Betriebsstellenleitung. Doch dann folgt etwas, was Bahr als persönliche Krise beschreibt, genauer geht möchte er darauf nicht eingehen. Er wechselt freiwillig zurück auf seinen alten Posten als Straßenreiniger und ist, wie er sagt, zufrieden damit. Es wirkt, als würden die eigenen Erfahrungen ihm helfen, auch die Sorgen der anderen besser zu verstehen.

Das auffälligste in seinem Gesicht sind seine hellen Augen, offen und freundlich.

Fast jeden Tag kommt jemand mit einer Frage zu ihm. Meistens ist er morgens schon vor dem Schichtbeginn in der Kantine, um Rat zu geben und bleibt auch nach Feierabend manchmal länger. Bahr sagt, dass viele psychisch belastet seien. Mit der Familie, mit dem Partner, mit dem Leben läuft es nicht immer rund. Manchmal würde er es den Leuten auch ansehen, dass es ihnen nicht gut gehe. Dann spricht er sie direkt an. Früher hätte er es mit seiner Fürsorglichkeit manchmal übertrieben. Einige fingen schon an, ihre Zigaretten vor ihm zu verstecken. „Da hab ich mir gesagt, jetzt musst du dich mal ein bisschen bremsen“.

Wenn Bahr von der Arbeit als Gesundheitslotse erzählt, tut er das voller Überzeugung von der Wichtigkeit seiner Aufgabe. Gefragt nach seiner Motivation, sagt er: „Man spürt bei den Kollegen so eine Zufriedenheit“.

Außerdem sei er gerne Vorbild. Der 53-jährige macht auch selber viel Sport: mindestens dreimal die Woche joggen, Fahrrad fahren und regelmäßig meditieren.

Oft erzählen ihm die Kollegen sehr ausführlich, was ihr Problem sei, auch wenn sie das gar nicht müssten. Bahr ist vor allem Vermittler: zwischen seinen Leuten und den gesundheitlichen und sozialen Abteilungen innerhalb der BSR, zum Beispiel der Gesundheits- und Sozialberatung. Wenn ihn jemand fragt, wo er sich zum Thema Sucht informieren kann, gibt er ihnen die richtige Durchwahl. Einen Mittwoch im Monat setzten sich außerdem alle Gesundheitslotsen und die Mitarbeiter der Gesundheits- und Sozialberatung zusammen. Die Lotsen erfahren dann von den neuesten Gesundheitsprojekten. Zum Beispiel wurde kürzlich der „grüne Apfel“ als Kennzeichnung in der Kantine eingeführt, für Gerichte, die besonders ausgewogen sind. Und die Lotsen haben selbst Gelegenheit, Feedback zu geben, wie solche Aktionen in der Belegschaft ankommen oder welche Probleme es gibt. Die Zusammenarbeit funktioniere „super“, sagt Bahr.

Psychisches und körperliches Wohlbefinden – beides ist wichtig für die Gesundheit

Warum engagiert sich die BSR so für die Gesundheit der Belegschaft? Von Mitarbeitern hat BSR-Sozialberaterin Angela Janecke manchmal gehört: „Ihr wollt ja nur, dass wir noch mehr arbeiten“. Sie verneint nicht, dass es auch für die wirtschaftliche Bilanz besser ist, wenn die Quote der Krankschreibungen niedrig ist, wenn die Belegschaft fit ist. Andererseits betont sie, dass Gesundheit für alle Lebensbereiche wichtig ist. Auch in der Freizeit und im Rentenalter wolle man noch gesund sein, also ist es auch außerhalb der Arbeitszeit für den Einzelnen wichtig, sich körperlich und geistig wohl zu fühlen. Wenn der Betrieb dies fördere, sei es doch umso besser.

Der Gesundheitslose Mario Bahr muss jetzt los. Um 6:00 Uhr morgens hat er angefangen, aber der Bereich, den er und sein Kollegen abdecken müssen, ist groß. Vom Café am Neuen See über die Straße des 17. Juni und Potsdamer Straße bis zur Budapester Straße. Heute muss das Laub zusammengekehrt werden. Trotz der körperlichen Belastung mag er seinen Job gern. Und er weiß ja auch ganz genau, wie man dabei gesund bleibt.



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