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Reportage: In Würde

 Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Foto: Kitty Kleist-Heinrich

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Dem Tod ruhig entgegen zu sehen und in Würde sterben zu dürfen: Diese Ziel verfolgt die Palliativpflege. In einer Gesellschaft, in der das Sterben tabuisiert wird und eine große Unsicherheit im Umgang mit dem Tod vorherrscht, geht die sie dabei neue Wege.

Wenn sich um Nase und Mund ein weißes Dreieck bildet, dann ist der Tod ganz nahe. Sandra Jancke deutet mit Daumen und Zeigefinger in ihrem Gesicht die Region an, die plötzlich ganz durchscheinend hell wird, wenn ein Mensch im Sterben liegt. Die Pflegedienstleiterin des Altenwohnheims Am Plänterwald weiß, wovon sie spricht. Die hochbetagten Bewohner sind gekommen, um zu sterben. Sie bleiben bis zu ihrem Lebensende, werden in der letzten Phase betreut und begleitet. Das Haus in der Neuen Krugallee ist eine von fünf Einrichtungen des Unionhilfswerks, die sich auf palliative Geriatrie spezialisiert hat.


So viel wie nötig, so wenig wie möglich


Palliativpflege verfolgt ein ganzheitliches Konzept, das die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Patienten in den Mittelpunkt rückt. Alte Menschen mit Multimorbidität sollen in Würde sterben dürfen. Dies setzt die Akzeptanz des Todes als Teil des Lebens voraus. In einer Gesellschaft, in der das Sterben tabuisiert wird und eine große Unsicherheit im Umgang mit dem Tod vorherrscht, geht die Palliativpflege mit ihren ethischen Prinzipien neue Wege. Davon ist Dirk Müller, Projektleiter des Kompetenzzentrums Palliative Geriatrie, überzeugt: „Oft genug passiert es, dass Hochbetagte kurz vor ihrem Tod noch mal in ein Krankenhaus verlegt werden. Am Ende sterben sie in der Aufnahme, das darf nicht sein.“

Im Pflegewohnheim „Am Plänterwald“ ist das anders: „Die Sterbebegleitung beginnt mit dem Einzug des Bewohners“, sagt Müller. Gegenüber den Betroffenen und ihren Angehörigen werden Fragen des Lebensendes offen angesprochen. Palliative Pflege heißt hier: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Damit soll verhindert werden, dass durch eine medizinische Überversorgung die Lebensqualität eingeschränkt wird. Es wird weder versucht das Leben künstlich zu verlängern, noch es zu verkürzen. Palliative Care versteht sich nicht als aktive Sterbehilfe. Es geht darum, bei alten Menschen körperliche Schmerzen und seelische Nöte zu lindern. Entscheidend ist dabei der Wille des Betroffenen. Ist er nicht mehr einwilligungsfähig, so ist der in einer Patientenverfügung festgelegte Wille verbindlich.


Unsicherheit, Ängste und Schuldgefühle


„Man muss die alten Menschen einbinden“, sagt Heimleiterin Daniela Ullmann. „Ihnen ist meist klar, dass es zu Ende geht, sie haben keine Angst, über den Tod zu reden.“ Durch den ständigen Umgang mit Hochbetagten hat Ullmann zudem die Erfahrung gemacht, dass die Bewohner oft nur sagen können, wie sie keinesfalls sterben wollen – nämlich alleine im Krankenhaus und unter Schmerzen.

Wenn es dann soweit ist und sich das weiße Dreieck zeigt, rufen die Pflegekräfte die Angehörigen an, damit sie in den letzten Stunden Abschied nehmen können. „Vor kurzem war es ganz schlimm, weil es die Tochter nicht mehr rechtzeitig geschafft hat“, sagt Jancke. „Das nimmt uns auch mit.“ Petra Stadler, die auf Station 7 arbeitet, pflichtet ihr bei: „Wir mögen unsere Bewohner. Wenn jemand stirbt, ist es immer traurig und geht uns nahe.“ Die examinierte Krankenschwester mit langjähriger Berufserfahrung kommt gerade von einer einwöchigen Fortbildung zum Thema Palliative Care zurück.

Besonders geschultes Personal ist Voraussetzung für den hospizlichen und palliativen Ansatz. In der Fortbildung beschäftigte sie sich unter anderem mit der Frage des Tun und Lassens innerhalb der ethischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen. Denn auch beim Pflegepersonal herrscht oft Unsicherheit, es gibt Ängste und Schuldgefühle im Umgang mit den Patienten. „Manchmal ist es vielleicht wichtiger, einem Patienten zuzuhören statt ihn zu waschen“, sagt Jancke.


Die Grenzen palliativer Pflege: Demenz


Auf dem Stationsgang sitzt Prof. Dr. Anton Huber*. Er hat aufgehört zu sprechen, nimmt aber mit Blicken zu anderen Menschen Kontakt auf und reagiert auf Berührungen. Der einst hochgebildete Mann weiß nicht mehr, wer er ist und wo er sich befindet. Die Demenz hat ihn fest im Griff. Da ist es manchmal schwierig für das Pflegepersonal herauszufinden, ob und welche körperlichen Schmerzen ihn plagen, welches Leid er empfindet. Da kommt auch die palliative Pflege an ihre Grenzen.

60 Prozent der Bewohner im Pflegewohnheim „Am Plänterwald“ sind von Demenz betroffen. „Da ist es wichtig, für diese Menschen eine Struktur zu schaffen, in der sie Orientierung finden“, sagt Dirk Müller. „Die Grundpflege am Morgen kann zum absoluten Horror werden oder zu einem Highlight.“ Dazu braucht man geschulte Fachkräfte, so wie Petra Stadler. Und zwar immer mehr von ihnen.


Dem Tod ruhig entgegensehen


Die Krankenschwester zieht eine Akte hervor, in der die Schmerzsymptomatik einer Patientin detailliert dokumentiert ist. Erna Wagner* lebt seit drei Jahren auf Station 7. Das ist ungewöhnlich lange. Nachdem die hochbetagte Dame mehrfach in ihrer Wohnung gestürzt ist, gab es keine andere Möglichkeit, als ins Heim zu ziehen. Sie wollte das auch: Wegen des Grünen Stars bekam sie Medikamente verschrieben, die als Nebenwirkung Ohnmachtsanfälle zur Folge hatten.

Erna Wagner tut alles weh, sie kann kaum mehr etwas sehen – die 96-Jährige sitzt in ihrem Einzelzimmer. Frische Blumen stehen auf dem Tisch. „Manchmal staune ich, wie alt ich geworden bin“, sagt sie. Nun sieht Frau Wagner ihrem Tod ruhig entgegen.

Aber bis dahin nimmt sie noch an gesellschaftlichen Themen teil, schimpft über den Euro und die derzeitige Staatsverschuldung, schließlich hat sie schon dreimal eine Währungsreform erlebt. Dann greift sie zu einer Lupe und studiert den Spielplan für die anstehende Fußball-WM in Südafrika. Auch wenn sie viel von ihrer Selbstständigkeit aufgeben musste, versucht sie das Beste aus ihrer momentanen Lebenssituation zu machen. Sie kann einige Angebote des Wohnheims noch wahrnehmen. „So etwas wie Gedächtnistraining, Gymnastik, Kinoabende oder im Garten Blumen pflanzen, das macht mir Spaß“, sagt sie. Bis zum Tod müsse man ja noch irgendwie weiterleben, trotz fortschreitender Osteoporose und zunehmender Blindheit: „Ist ja nicht zu ändern.“


*Namen von der Readktion geändert

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Heike Gläser

Artikel zuletzt aktualisiert am: 20.01.2012

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