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Erlebnisse im Pflegeheim: Momentaufnahmen

Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Foto: Kitty Kleist-Heinrich

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Wochenlang waren Mitarbeiter des Tagesspiegel für den Pflegeheimführer unterwegs. Es wäre doch schade, die kleinen Geschichten am Rande nicht zu erzählen

Rund 290 Pflegeheime gibt es in Berlin – 250 davon haben sich am Pflegeheimvergleich des Tagesspiegel beteiligt: Das sind fast 86 Prozent der Einrichtungen. Gut 70 Pflegeheime haben die beteiligten Mitarbeiter des Tagesspiegels während der Recherchen für die Artikel und Tabellen des Pflegeheimvergleichs besucht. Was sie dabei erlebt haben, findet sich in den folgenden kleinen Geschichten.
Lärmpegel. Das Heim ist nagelneu, von der Kirche finanziert. Die Infrastruktur auf den Stationen sieht tipp, topp aus – Gemeinschaftsräume, alles sauber geputzt und barrierefrei. Einziges Manko: Das Haus liegt direkt an einer großen und lauten Straße im Herzens Berlins. In den Fluren und Zimmern nahe der Straßenseite und hinter dem Gebäude im Garten ist das Brummen der Autos deutlich zu hören. Frage an die Pflegedienstleiterin: „Stört der Straßenlärm nicht die Bewohner?“ Antwort: „Ach, unsere Bewohner sind ja schon sehr alt und hören nicht mehr so gut.“

Mittagszeit. Ein wenig erschrocken sieht er aus, schaut mit verschlafenen Augen unter seiner Bettdecke hervor, die er sich bis ans Kinn hochgezogen hat. Die Heimleiterin hat den 83-Jährigen aus seinem Nickerchen geweckt, „um mal sein schönes Zimmer zu zeigen“. Der Mann schläft nicht allein in seinem Bett. Neben seinem Kopf liegt ein handgroßer Teddybär auf dem Kissen. Er trägt einen kleinen gestreiften Pyjama. Alle Pfleger hier im Wohnbereich kennen den kleinen Kerl, sagt die Heimleiterin. Er ist der ständige Begleiter des alleinstehenden Senioren und heißt „Teddy Karl“.

Der Flur ist beklemmend eng, die Treppe steil, die Wände fleckig. Im ersten Stock öffnet sich eine Tür in einen Aufenthaltsraum, in dem offenbar schon lange der Zigarettenqualm steht. Ein Dutzend Menschen sitzt um einen großen Pressholztisch herum. Einige sind über ein Brettspiel gebeugt, andere reden mit sich selbst, wieder andere starren nur leer vor sich hin. Allen gemein ist ihr etwas verwahrloster Eindruck. „Guten Tag, wir suchen die Heimleitung.“ 24 fragende Augen blicken uns an. Keine Antwort, kein Pfleger weit und breit.

Kaffeetafel, kurz nach 16 Uhr. Die Bewohner werden etwas unruhig. „Das gibt es doch nicht“, stachelt eine Frau ihre Tischnachbarin im Rollstuhl an. „Guck mal, da hinten in der Küche steht doch schon der Kuchen. Warum verteilen die den nicht? Der vergammelt doch nur. Los, sag mal was!“

Anfang November, eine Demenzstation in Berlin. Eine Bewohnerin, die lange im Rotlichtmilieu gearbeitet hat, glaubt, in einer Besucherin eine alte Bekannte wiedererkannt zu haben. Sie geht auf sie zu. „Du bist doch die Yvonne. Stehst du immer noch an der Gedächtniskirche?“ – ein Altberliner Straßenstrich. Das blanke Erstaunen der „Wiedererkannten“ deutet sie als Zustimmung. Dann beginnt sie aus einer bunten Zeitschrift Werbeanzeigen auszureißen, auf denen sie Verwandte, Bekannte und Freunde zu erkennen glaubt. „Hier, mein Mann“, sagt sie und trennt eine Anzeige für ein Wellnesshotel aus der Zeitschrift heraus.

Kniestrümpfe, Lederhosen, ein Hut mit Gamsbart auf dem Kopf. Der Alleinunterhalter aus Wittenberge hat sich für seine musikalische Darbietung von „In München steht ein Hofbräuhaus“ in Schale geworfen. Sein Publikum: vier Dutzend Heimbewohner. Das Lied passt zum Anlass: „Bockbierfest im Speisesaal“ steht auf dem Programm. Wer will, kann aber auch Sekt oder Wein haben. Der Stimmung hilft’s. Kurze Zeit später wird zu „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ getanzt – und wer nicht tanzen kann, der schunkelt mit.

8 Uhr früh, die Leiterin des Hauses ist hilfsbereit und auskunftsfreudig. Beeindruckender als ihre zuvorkommende Art ist nur ihre Alkoholfahne.
Der Blick des Rollstuhlfahrers ist starr auf seine Füße gerichtet. Stückchen für Stückchen arbeitet er sich mit ihnen durch den engen Flur vorwärts. Die Frau, die im Gang steht und ein Bild an der Wand betrachtet, sieht er nicht. Vielleicht will er sie auch nicht sehen. Dann knallt er mit seinem Rollstuhl in ihre Beine. Erschrocken springt die Frau zur Seite. „Entschuldigung“, ruft sie. Keine Reaktion. Eine Pflegerin kommt hinzu: „Herr Wuppke, wo wollen Sie denn hin?“ – „Wonach sieht’s denn aus? Spazieren gehen will ich!“ Aha: „Aber doch nicht in Ihren Hausschuhen.“ Dann packt sie den Rollstuhl, dreht ihn auf der Stelle herum und schiebt ihn zurück in den Gemeinschaftsraum.

Tabu: Sex im Alter. Auch Hochbetagte wollen Liebe, Zärtlichkeit und Sex. Und es passiert auch, dass sich Paare erst im Heim zusammenfinden. Doch in einem Pflegeheim – besonders im Mehrbettzimmer – fehlt es an der dafür notwendigen Privatsphäre, für den Rest des Lebens. Manche Pflegekräfte sind überfordert, wenn sie einen Bewohner beim Masturbieren „erwischen“. Die wenigsten Heime haben Konzepte, um auf solche menschlichen Grundbedürfnisse einzugehen. In einem Charlottenburger Pflegeheim jedoch hat die Heimleiterin keine Angst, darüber nachzudenken. „Ich würde gern einen Begegnungsraum für solche Gelegenheiten einrichten“, erzählt die 40-jährige Berlinerin. „Ich hätte auch nichts gegen eine Art Regel, die es Bewohnern ermöglichen würde, sich eine Prostituierte hierher einzuladen – natürlich müssen sie dann selber zahlen.“ Noch fehle es beim Heimbetreiber aber an der Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. „Die Zeit ist wohl nicht reif für so viel Toleranz.“

Schweigsam sitzt sie da, die alte Dame. Eine Pflegerin nährt sich, sie will die demenzkranke Frau in den Speisesaal begleiten, richtet sanft das Wort an sie. „Hau ab, du dumme Schlampe“, ist alles was die alte Dame sagt.

Durststrecke. Besuchstermin am Rande Berlins. Nach einer dreiviertel Stunde S-Bahnfahrt von Mitte an den Stadtrand macht sich der Durst bemerkbar. Es ist Frühling und die Sonne brennt ungewöhnlich heiß. Doch weit und breit findet sich keine Imbissbude, geschweige denn ein Getränkeautomat. Noch 20 Minuten Fußweg zum Pflegeheim, denn der Linienbus der BVG verkehrt nur alle halbe Stunde.


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Ingo Bach, Hannes Heine, Moritz Honert und Matthias Lehmphul

Artikel zuletzt aktualisiert am: 01.07.2011

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