Reportage: Kultur(un)sensibel

In Berlin lebe über 64 000 Menschen mit Migrationshintergrund, die älter sind als 65 Jahre. Viele von ihnen sind pflegebedürftig. Dennoch gibt es kaum Pflegeheime, die auf ihre Bedürfnisse vorbereitet sind und kultursensible Pflege anbieten.

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Sie kamen, blieben, wurden alt – und schließlich pflegebedürftig. Doch noch immer gibt es in Berlin nur wenige Pflegeheime, die sich direkt an die Einwanderer, Übersiedler, Asylbewerber oder ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter wenden und die auf deren Bedürfnisse zugeschnitten sind.


Altersleiden durch schwere körperliche Arbeit und psychische Belastungen


Derzeit leben in Deutschland circa 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, also Personen, die entweder selbst nach Deutschland eingewandert sind oder solche, deren Eltern oder Großeltern aus einem anderen Land hierher kamen. Und sie wurden hier alt: Mittlerweile leben in Berlin über 64 000 Menschen mit Migrationshintergrund, die älter sind als 65 Jahre. Häufig leiden sie bereits in jüngeren Jahren an sogenannten Altersleiden, da viele von ihnen körperlich anstrengende Jobs hatten: Schichtarbeit, zum Beispiel im Baugewerbe, in der Industrie oder in der Pflege. Fremdheitsgefühle haben sie zudem oft psychisch belastet. Nun sind viele von ihnen pflegebedürftig im Sinne der Pflegeversicherung. Das heißt: Sie benötigen Unterstützung bei der Körperpflege, beim Waschen, Duschen und Zähneputzen, bei der Ernährung, im Haushalt. Sie sind in ihrer Mobilität eingeschränkt, haben Schwierigkeiten beim Gehen und Treppensteigen, beim An- und Auskleiden.


Fehlende Informationen, kaum spezialisierte Pflegeheime


Dennoch leben in Berliner Pflegeheimen nur wenige Menschen mit Migrationshintergrund; die meisten werden zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: Zum einen ist häufig der Familienzusammenhalt bei Migranten enger als bei Einheimischen – wenngleich sich auch bei ihnen die traditionellen Familienstrukturen hier immer mehr auflösen. Zum anderen fehlen häufig schlicht die Informationen: “Oft wissen Menschen mit Migrationshintergrund nicht, welche Möglichkeiten es gibt, sowohl in pflegerischer Hinsicht als auch hinsichtlich der Finanzierung”, sagt Martina Jetschick, Qualitätsmanagerin des “Hauses der Betreuung und Pflege Biesdorf-Süd” der Alpenland Pflegeheime Berlin GmbH. Ihr Haus liegt in Marzahn-Hellersdorf und hat sich auf die Pflege von Aussiedlern spezialisiert. “Hier im Bezirk ist die höchste Dichte von Aussiedlern aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion in Berlin. Dennoch gab es 2005, als wir ein Konzept für unsere Spezialisierung entwickelten, kaum Pflegeeinrichtungen, die sich explizit an diese Bevölkerungsgruppe richteten.” Daran hat sich bis heute wenig geändert: Obwohl die Anzahl pflegebedürftiger Menschen mit Migrationshintergrund stetig steigt, gibt es in Berlin nur wenige Einrichtungen, die sich auf ihre Pflege spezialisiert haben. Neben dem “Haus der Betreuung und Pflege Biesdorf-Süd” sind das zum Beispiel auch das “Pflegezentrum St. Marienhaus” und das “Türk Bakim Evi” in Kreuzberg, die hier einen ihrer Schwerpunkte gesetzt haben.


Kulturelle und biografische Besonderheiten in der Pflege beachten


Aber stellen Menschen mit Migrationshintergrund tatsächlich andere Anforderungen an Heime? “Prinzipiell sind die pflegerischen Bedürfnisse von Menschen aus anderen Ländern die gleichen, dennoch sollte ihre Pflege kultursensibel sein”, sagt Jetschick. Das bedeutet, dass die Pflegekräfte die kulturellen und auch biografischen Besonderheiten dieser Menschen kennen und in der Pflege beachten. Spätaussiedler beispielsweise wurden in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion oft ausgegrenzt und diskriminiert; sie durften ihre deutsche Kultur nicht leben, die deutsche Sprache nicht sprechen, wurden zum Teil zwangsumgesiedelt oder sogar verfolgt. Diese Erfahrungen haben sie geprägt und führen manchmal zu Verhaltensweisen, die ohne das Wissen um ihren biografischen Kontext nur schwer zu verstehen sind.


Die gleiche Sprache und eine ähnliche Herkunft


Zudem sprechen sie teilweise nur wenig Deutsch. Zum einen, weil sie die Sprache in ihren Herkunftsländern nur unzureichend lernen konnten, zum anderen aber auch, weil sie in Deutschland durch erneute Ausgrenzungs- und Fremdheitserfahrungen wieder begonnen haben, mit anderen Aussiedlern Russisch zu sprechen. Vor allem bei an Demenzerkrankten Menschen kann dies dazu führen, dass sie die deutsche Sprache wieder verlernen. Gerade in der Pflege ist es jedoch wichtig, dass sich die Pflegebedürftigen und die Pflegepersonen verstehen, da sie viele persönliche und auch intime Bereiche und Bedürfnisse betrifft. Daher arbeitet im “Haus der Betreuung und Pflege Biesdorf-Süd” in jeder Schicht mindestens eine Person mit Russischkenntnissen. Häufig stammen diese Personen auch selbst aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion, was ihnen den Zugang zu den Aussiedlern erleichtert: “Wir sind häufig ähnlich aufgewachsen, haben als Kinder dieselben Spiele gespielt”, sagt Sozialbetreuerin Nadja Lebsack, die aus Kirgistan nach Deutschland kam und seit acht Jahren im “Haus der Betreuung und Pflege Biesdorf-Süd” arbeitet. “Darüber können sich die Bewohner mit uns unterhalten, das schafft Vertrauen.” Manchmal backt Nadja Lebsack mit den Bewohnern des Pflegeheims auch nach traditionellen Rezepten oder kocht mit ihnen Pelmeni. “Das kommt auch bei den anderen Bewohnern gut an”, ist sie sich sicher.


Religöse Feiertage, Speisen ohne Schweinefleisch


Die Besonderheiten einer anderen Kultur in die Pflege miteinzubringen, das ist auch das Ziel des “Pflegezentrums St. Marienhaus” der Marien-Gruppe und des “Türk Bakim Evi”, das von den Marseille-Kliniken zusammen mit dem Türkischen Verein zu Berlin e.V. gegründet wurde. Aufgrund ihrer Lage in Kreuzberg sind sie vor allem auf die Betreuung von Senioren aus der Türkei spezialisiert. Das bedeutet unter anderem, dass muslimische Feiertage begangen werden, dass die Küche traditionelle Gerichte – vor allem solche ohne Schweinefleisch und Schweinefett – kocht und dass die Pflege von Menschen gleichen Geschlechts und mit Sprachkenntnissen durchgeführt wird.


Unzureichendes Beratungsangbot und größere Vorbehalte


Trotz allem ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Pflegeheimen häufig sehr gering. So sind es im “Haus der Betreuung und Pflege Biesdorf-Süd” nur circa drei Prozent der Bewohner, die aus dem Ausland nach Deutschland einwanderten. Das liegt jedoch nicht daran, dass diese Menschen weniger pflegebedürftig wären, sondern vielmehr an dem unzureichenden Beratungsangebot. Die Pflegegesetzgebung ist für viele schwer verständlich; Informationsmaterial ist bisher nicht flächendeckend in Fremdsprachen verfügbar. Zudem haben Menschen mit Migrationshintergrund noch stärkere Vorbehalte gegen Pflegeheime als Einheimische. “Häufig kennen sie nur die Einrichtungen in ihrem Herkunftsland, und zwar zu der Zeit, als sie das Land verließen. Dort herrschten oft andere Zustände als hier und jetzt”, sagt Qualitätsmanagerin Jetschick. Doch wenn sie heute ein Pflegeheim besuchten, seien sie häufig positiv überrascht und würden die Entscheidung für ein Pflegeheim weniger kritisch sehen. Um die Menschen auf die Möglichkeiten und Angebote der kultursensiblen Pflege aufmerksam zu machen, sei es wichtig, “dass in Kulturzentren oder anderen Treffpunkten von Menschen mit Migrationshintergrund, wie zum Beispiel Cafés, Beratungen in der Muttersprache durchgeführt werden und auch muttersprachliches Informationsmaterial ausliegt”.


Brachliegende Zukunftsbranche


Leider ist das bis heute immer noch selten der Fall, obwohl der Pflegebedarf von aus dem Ausland zugezogenen Menschen stetig steigt, ebenso wie es in längst nicht allen Pflegeheimen Konzepte zur kultursensiblen Pflege gibt. Bis 2006 wurde die Entwicklung solcher Konzepte von der Bundesregierung gefördert; verschiedene Institutionen, Verbände und Einzelpersonen, die mit Migrations- und Integrationsfragen sowie mit Fragen der Altenhilfe befasst sind, schlossen sich im “Forum für eine kultursensible Altenhilfe” zusammen und erarbeiteten unter anderem eine “Charta für kultursensible Altenpflege” sowie ein “Memorandum für kultursensible Altenhilfe”, die die Kernpunkte der Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund beinhalten. Seitdem die Fördergelder des Bundes ausgelaufen sind, ist allerdings auch das Interesse vieler Pflegeanbieter wieder abgeflacht. Dabei ist in einem faktischen Einwanderungs- und aufgrund der demografischen Entwicklung immer älter werdenden Land die kultursensible Pflege nicht nur eine Frage des Respekts gegenüber anderen Kulturen, sondern eben auch eine Zukunftsbranche.



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