Reportage: Das fremde Zuhause

Am Anfang fällt es vielen neuen Bewohnern schwer, sich in den Alltag eines Pflegeheims hineinzufinden. Dann braucht es einfühlsame Pflegekräfte.

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Sie hätte nie gedacht, dass sie in ihrem Leben einmal so krank werden würde. Erika Thiele* war noch keine 70 Jahre alt, als ihre Schwester sie in der Wohnung zwischen Toilettenschüssel und Waschmaschine bewusstlos fand. Ein Aneurysma im Kopf veränderte von einem Tag auf den anderen alles. Erna Thiele wurde mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht und konnte anschließend nicht mehr in ihre Wohnung zurück. Da sie weder sprechen noch sich selbstständig bewegen konnte, kam sie schließlich in die Pro Seniore Residenz am Märchenbrunnen. Dank zahlreicher Therapiesitzungen bei einem Logopäden hat sie ihre Sprache wieder erlangt. Zum Laufen benötigt sie einen Rollator, an schlimmen Tagen sitzt sie im Rollstuhl. Die Arthrose in den Knien ist äußerst schmerzhaft, ob sie sich zur Linderung noch einmal eine Operation antun will, hat sie noch nicht entschieden.


“Ich habe meine ganze Familie verloren, nicht aber meine Heimat.”


Die Pro Seniore Residenz liegt mitten im Wohngebiet unweit des Volksparks Friedrichshain. Das gefällt Erika Thiele: “Ich habe meine ganze Familie verloren, nicht aber meine Heimat.” Seit 1968 lebt sie in ihrem Kiez. Es fiel ihr schwer, ihre hübsche Zwei-Zimmerwohnung aufzugeben. Doch wenn sie die Terrasse vor ihrem Zimmer betritt, fühlt sie sich heimisch. Ihr Ehemann hat sich 1986 von ihr scheiden lassen und ist mittlerweile verstorben. Die größere Tochter hat den Kontakt zu ihr abgebrochen und die “Kleene” nahm sich mit 30 Jahren das Leben. Nur der Sohn, der in Holland lebt, kommt sie ab und zu besuchen. Den Suizid der Tochter vor knapp zehn Jahren hat Erna Thiele bis heute nicht verkraftet: “Ab diesem Moment ging es mir immer schlechter.” Sie gehört zu den wenigen Bewohnern in dem riesigen Pflegeheim mit über 200 Betten, die ein Einzelzimmer bewohnt. Am Anfang, als sie noch bettlägerig war, teilte sie sich mit einer anderen Frau ein Doppelzimmer, was sie auf Dauer nicht ertragen konnte. Heimleiter Ronald Jahnke sieht in der Doppelzimmerbelegung auch Vorteile: “Besonders in einer Großstadt vereinsamen viele Menschen. Was ihnen fehlt, ist Nähe und das Gefühl, sich um jemanden zu kümmern und Vertrauen aufzubauen.” Bei Demenzkranken sei das besonders wichtig, sie brauchen Gemeinschaft und Orientierung. Doch gerade die vielen an Demenz erkrankten Hochaltrigen in ihrem Umfeld deprimieren Erika Thiele: “Wenn sie so im Speisesaal in ihren Rollstühlen sitzen und nicht mehr in der Lage sind, ordentlich zu essen – fürchterlich.” Dieser Anblick ist für sie kaum auszuhalten. Andererseits betont sie mehrfach, wie schön es in diesem Haus sei und wie freundlich und professionell die Pflegekräfte mit ihr umgehen. Djamila Mellem ist eine von ihnen. Als stellvertretende Wohnbereichsleiterin kümmert sich die Altenpflegerin um 36 Bewohner. Sie hat häufig erlebt, wie schwer es den Bewohnern besonders am Anfang fällt, sich in den Pflegeheimalltag einzufinden. “Mit der Zeit öffnen sie sich und fassen Vertrauen”, sagt Mellem. Kollegin Ute Heyn sieht das ähnlich. Sie leitet einen Wohnbereich mit ausschließlich Demenzerkrankten. “Es ist wichtig, die biografischen Daten zu kennen, damit wir besser auf die Wünsche der Bewohner eingehen können.” Die 31-jährige Altenpflegerin kennt das Geduldsspiel bei Demenz: “Jeder Tag ist ein neuer Tag, manchmal sind die Bewohner gut drauf und dann schlägt das ganz schnell um. Dann werden sie aggressiv, beginnen zu spucken oder zu krallen.”


Alte Menschen haben ein hohes Schamgefühl – Doppelzimmer sind problematisch


Aus pflegerischer Sicht sind die Doppelzimmer vor allem problematisch in Bezug auf die Intimsphäre, da alte Menschen ein hohes Schamgefühl besitzen. Andererseits sei es faszinierend zu beobachten, wie sich die Zimmergenossen arrangieren und mit der Zeit doch gut zusammenpassen: “Es haben sich schon einige Pärchen im Haus gefunden”, sagt Ute Heyn, “Sexualität spielt auch im hohen Alter eine Rolle. Das gehört dazu.” Ortswechsel. Im Gegensatz zu Erika Thiele ist Hans-Peter Knaust* körperlich fit und keinesfalls pflegebedürftig. Doch er war ungefähr im gleichen Alter, als er sich zusammen mit seiner Frau entschied, in ein Pflegeheim oder besser in eine Seniorenresidenz umzuziehen. Der große Unterschied: Er ging mit Mitte 60 aus freien Stücken, Erika Thiele hatte keine Wahl. Als ehemaliger Strafverteidiger kann er es sich leisten und hat sich im Tertianum in der Nähe des Ku‘damms einquartiert. Das Ehepaar lebt in einem Appartement mit Wintergarten, Marmorbad und Fußbodenheizung. Er hat sich ebenfalls verkleinert – auf hohem Niveau: “Wir lebten in einem großen Anwesen, unser Wohnzimmer hatte 140 Quadratmeter. Da passt unsere jetzige Drei-Zimmer-Wohnung locker rein.” Wenn man Hans-Peter Knaust reden hört, hat man den Eindruck, in einem Hotel zu sein, nicht in einem Senioren- oder Pflegeheim. Wäre da nicht plötzlich dieses unüberhörbare schwere Atmen einer alten Dame mit kurzem weißem Haar, die sich über ihrem Rollator gebückt mit neugierigem Blick in den Clubraum bewegt. Hans-Peter Knaust grüßt die Dame freundlich, man kennt sich, auch sie ist eine der 85 Bewohnerinnen, die offenbar mehr auf Hilfe angewiesen ist als Knaust. Auf der Pflegestation des Tertianums erinnert nicht mehr viel an den Hotelcharakter. In 25 Einzelzimmern jeweils mit begrüntem Balkon liegen die Bewohner, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Der Anteil an Demenzkranken ist gering: “Wir haben derzeit fünf Bewohner, die demenziell erkrankt sind”, sagt Franziska Rahmel. Die Direktorin des Tertianums wird nicht müde zu betonen, wie wichtig es sei, die Selbstbestimmtheit der Bewohner zu fördern. Oft höre sie den Vorwurf, das Tertianum mit seiner Luxusausstattung sei nur etwas für Reiche. Schließlich kostet eine Wohnung je nach Größe zwischen 3000 und 4000 Euro pro Monat. Doch das Konzept sei entscheidend: Die überschaubare Größe des Hauses ermögliche dem Personal, alle Bewohner im Blick zu behalten. Und die Übergänge von selbstständigem Wohnen, ambulanter Pflege und Pflegestation seien fließend und durchlässig. Das sei keine Frage des Geldes.




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