Interview: „Die Heime stehen doch nicht im Kongo“

Der profilierte Pflegekritiker Claus Fussek kritisiert die Missstände in den Heimen, mangelnde Transparenz und Dumpinglöhne bei Pflegekräften

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Claus Fussek ist Sozialpädagoge und Buchautor in München („Im Netz der Pflegemafia“, Goldmann 2009, 9,95 Euro), Foto: Promo

Herr Fussek, Sie begleiten schon seit mehr als 20 Jahren die Pflegebranche. Wie ist es heute um die Pflegeheime Deutschlands bestellt?

Seit zehn, 20 Jahren leiden die pflegebedürftigen Menschen unter dem gleichen Problem – Personalmangel! Natürlich ist die Pflegequalität sehr unterschiedlich. Es gibt Pflegeheime, die leisten sehr gute, engagierte Arbeit, obwohl es ihnen an finanziellen Mitteln fehlt. Andere Heime hingegen müssten sofort geschlossen werden, weil es an den einfachsten Dingen mangelt, an Atmosphäre, Blümchen auf dem Tisch oder Handschuhen für die Pflegekräfte. Kein Mensch würde dort freiwillig bleiben, aber mit den Alten kann man es machen, weil sie keine Lobby haben und die Gesellschaft wegschaut – und damit meine ich ausdrücklich auch die Kinder der Pflegebedürftigen. Die Heime stehen doch nicht im Kongo. Jeder, der wissen will, wie es um die Pflege seiner Eltern steht, braucht sie doch nur zu besuchen!

Was sind die größten Missstände?

Wenn zwei Pflegekräfte 30 demente Bewohner versorgen sollen, von denen einige eine halbe Stunde benötigen, um ihr Essen einzunehmen, dann können Sie sich ausrechnen, dass das nicht funktionieren kann. Um die Bewohner ruhig zu stellen, werden mehr Psychopharmaka verabreicht, als nötig wären. Wenn wir die Kriterien von Amnesty International auch in Pflegeheimen anwenden würden, müssten wir bei vielen Missständen von Folter sprechen. Magensonden und Dauerkatheter nur zu legen, weil sie die Pflege erleichtern, ist Körperverletzung! Doch in vielen deutschen Heimen ist das Alltag. Seit Jahren fordern alle Experten eine Verbesserung des Personalschlüssels, passiert ist jedoch kaum etwas. 120 000 Menschen werden täglich zwangsfixiert – elf Prozent davon ohne Einverständnis oder Genehmigung. Diesen Skandal müsste Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger eigentlich zur Chefsache erklären. In der Sicherheitsverwahrung genießen die Menschen mehr Rechte als im Pflegeheim. Während jeder Straftäter das Anrecht auf eine Stunde Freigang im Gefängnishof hat, bleiben die Alten im Heim bei Sonnenschein oft einfach im Bett liegen – weil keine Pflegekraft Zeit hat sie zu begleiten. Das Schlimme ist ja, dass seit Jahren allen Beteiligten, also den Ärzten, Kontrolleuren, Pflegekräften, der Heimaufsicht, Besuchern und Angehörigen die Situation bekannt ist, doch niemand schreit auf. Das Frühwarnsystem versagt. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. 

Warum wird das Problem nicht entschieden angegangen?

Die Branche ist ein Milliardengeschäft. Und mit schlechter Pflege macht man Geld: In den Heimen liegen über Magensonden ernährt am Leben gehaltene Menschen, denen Magensonden und Windeln verpasst werden, damit man sich möglichst wenig kümmern muss – dafür kassieren sie dann 3500 Euro im Monat. Gleichzeitig zahlen viele Einrichtungen ihren Pflegekräften Dumpinglöhne. Niemand weiß, wo die auf den Rücken der Bewohner, Pflegekräfte und Angehörigen verdienten Milliarden genau hinfließen. Es fehlt an Transparenz und die Heime verdienen sehr gut daran, wenn sich nichts ändert. Aber auch das Pflege-System belohnt schlechte Pflege: Wenn es das Personal zum Beispiel schafft, dank guter Pflege einen Bewohner wieder selbstständiger zu machen, dann kann es passieren, dass er eine Pflegestufe zurückgestuft wird und das Heim weniger Geld bekommt.

Nun kann es ja durchaus auch gute Gründe geben, warum Menschen zeitweise fixiert oder mit Magensonden ernährt werden. Halten Sie solche Pflegemaßnahmen generell für falsch?

Nein, man muss natürlich zwischen sinnvollen, notwendigen Maßnahmen differenzieren und solchen, die lediglich die Pflege erleichtern sollen. Doch es sollte die absolute Ausnahme sein. Fixierungen sind zeit- und personalintensiv, da ein Pfleger permanent über den fixierten Menschen Wache halten sollte, um diesem im Notfall schnell helfen zu können. Schon heute gibt es fixierungsfreie Heime, die auch Magensonden soweit wie möglich vermeiden.

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MD K) vergibt seit 2009 Schulnoten für die Qualität in Pflegeheimen und immer mehr H äuser erhalten von ihm die Bestnote …

Ich halte diese Notendiskussion für skurril. Sagen Sie mir, wo es Menschen gibt, die zu 100 Prozent zufrieden sind? So etwas gibt es nur in Nordkorea! Wer möchte schon freiwillig in einem Doppelzimmer neben einer wildfremden Person liegen? Trotzdem erhalten solche Heime regelmäßig Bestwerte bei den Bewohnerbefragungen. Ich würde mich für solche Noten schämen, aber wir wollen doch getäuscht werden, damit wir ruhig schlafen können – das ist die eigentliche Aufgabe des "Pflege- TÜV". Selbstverständlich sind Kontrollen wichtig, aber wenn Geld und Pflegekräfte fehlen, kann man doch Qualität nicht hinein prüfen. Dabei verschwendet die Benotung durch den MDK Riesensummen, die sinnvoller für die Pflege eingesetzt werden könnten. Denn ich sage, wie es ist: Die Noten können sie in die Tonne treten. Es gibt Schulungen für die Pflegeheime mit Titeln wie " Keine Angst vor dem MDK", in denen die Pflegekräfte lernen, wie man am besten die Pflegedokumentation frisiert – denn die MDKPrüfer beurteilen hauptsächlich die Dokumentationslage.

Sie sagen, die MD K-Benotung ist wertlos. Wie sonst können Angehörige ein gutes Heim erkennen?

Diese Aufgabe können wir nicht einfach anderen überlassen. Dort leben doch unsere Eltern, für die zuerst wir die Verantwortung tragen. Gehen Sie ins Pflegeheim, wenn etwas nicht stimmt, dann werden Sie es hören, sehen und riechen. Wenn zu wenige Pflegekräfte arbeiten, können Sie sich darauf einstellen, abends nach der Arbeit ins Heim zu ihren Eltern kommen zu müssen, damit diese etwas zum Abendbrot bekommen. Sprechen Sie mit den Pflegekräften und der Heimleitung! Ein Pflegeheim kann nicht ohne Mängel sein. Worauf es ankommt, ist, wie wir mit den Fehlern umgehen. Wenn die Heimleitung sagt, es gibt keine Probleme, dann können Sie sich umdrehen und gehen. Der Fisch stinkt vom Kopfe her. Die Qualität eines Hauses hängt von der Leitung ab.

Im September wurde auch vom Bundesrat das Pflegeneuausrichtungs- Gesetz (PNG) beschlossen. Immerhin werden bei den Beitragszahlern nun rund eine Milliarde Euro mehr eingesammelt, die 500 000 Demenzerkrankten und ihren pflegenden A ngehörigen zugute kommen sollen. Wird das die Lage verbessern?

Das PNG gleicht dem Versuch, mit einer Wasserpistole einen Waldbrand zu löschen. Wenn Sie die Milliarde herunterrechnen auf die einzelne Person, dann bleiben vier Euro pro Tag übrig. Davon können Sie sich einen Cappuccino kaufen, aber keine Rund-um-die-Uhr-Pflege finanzieren. Ich finde das nur noch peinlich und beschämend. Experten schätzen, dass wenn der Pflegebegriff um diejenigen erweitert würde, die zwar körperlich noch fit, aber geistig pflegebedürftig sind – Demenzpatienten etwa –, kostete das vier Milliarden Euro. Die waren aber nicht drin. Während wir hunderte Milliarden für Banken und Griechenland ausgeben, lautet das Motto in der Sozialpolitik wie auch in den vergangenen 30 Jahren "besser als gar nichts".


Die Gewerkschaft Verdi fürchtet, dass durch die private Pflegezusatzversicherung Deutschlands Alterspflege eine Mehr-Klassen-Pflege wird. Wie sehen Sie die Zukunft für Deutschlands Pflege?

Schwarz! Tiergnadenhöfe ermöglichen ihren "Gästen" einen würdevolleren Lebensabend, als das in vielen Heimen der Fall ist. Ohne eine intakte Familie ist eine würdevolle Pflege in Deutschland schon heute nicht mehr möglich. Und mit der "Pflegereform" haben wir abermals eine Chance vertan, das zu ändern. Wir kaschieren nur den Pflege-GAU, den wir bereits erleben. Angehörige und Pflegekräfte müssen sich endlich solidarisieren. Verbündet euch, betrachtet euch nicht als Gegner! Kämpft gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und eine würdevollere Pflege. Es gibt etliche Vorzeigeheime, die beweisen, dass es selbstverständlich auch anders geht



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