Hintergrund:Anleitung für eine gute Pflege

Es gibt Richtlinien für den Umgang mit Stürzen, Inkontinenz und Druckgeschwüren. Angehörige sollten darauf achten, dass diese Empfehlungen befolgt werden

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Technische Hilfsmittel wie die Dekubitusmatratze unterstützen die Prophylaxe gegen Druckgeschwüre, Foto: Mike Wolff

Bei der Versorgung von Pflegeheimbewohnern müssen sich die Pflegekräfte immer wieder mit Problemen auseinandersetzen, die für die Patienten zur Gefahr werden können: Druckgeschwüre zum Beispiel, Inkontinenz oder Stürze. Seit 2007 beobachtet das Charité-Institut für Pflegewissenschaft in einer Stichprobe von acht Berliner und drei Brandenburger Pflegeheimen die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Bewohner. In die Auswertung für den ersten Zwischenbericht dieser Langzeitbeobachtung flossen die Ergebnisse von rund 550 Bewohnern ein.
Dekubitus Ein Dekubitus genanntes Druckgeschwür entsteht durch die einseitige Belastung einer Körperpartie, wenn ein bettlägeriger Mensch nicht häufig genug bewegt wird. Der ständige Druck verursacht eine mangelnde Durchblutung, die auf Dauer zum Absterben des darunter liegenden Gewebes führt. Ein Druckgeschwür wird in vier Grade eingeteilt: von Grad 1, das ist eine Hautrötung, bis Grad 4, sprich tiefgehender Haut- und Gewebedefekt, bei dem auch Muskeln und Knochen angegriffen sein können.
Insgesamt erlitten in den elf Heimen der Stichprobe 39 neu aufgenommene Bewohner binnen zwölf Wochen nach der Aufnahme ein Druckgeschwür, das sind knapp 13 Prozent. Dabei schwankt die Häufigkeit zwischen null Prozent in einem Heim sowie 21 und 30 Prozent in zwei anderen. Da diese beiden Einrichtungen so deutlich über dem Durchschnitt lagen, sollte man dort die Maßnahmen zu Prophylaxe von Druckgeschwüren auf den Prüfstand stellen, schreiben die Autoren der Studie.

Stürze Immer wieder stürzen Bewohner in Pflegeheimen und verletzten sich dabei schwer. In großen Analysen kamen Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass im Durchschnitt ein Drittel bis die Hälfte der Pflegeheimbewohner einmal pro Jahr stürzt. Bei jedem vierten der Betroffenen führt dies zu Knochenbrüchen oder größeren Wunden. In den Stichprobe-Heimen der Charité-Studie stürzten 40 Prozent der Bewohner innerhalb von zwölf Wochen nach der Aufnahme mindestens einmal. Viele von ihnen traf es mehrmals. In einem Heim stürzte ein Mann insgesamt 13 Mal.
Und bei den registrierten Stürzen blieb nur gut die Hälfte ohne Verletzungen. Solche Folgen können erheblich sein. Oberschenkelhalsbrüche zum Beispiel sind für betagte Menschen sehr gefährlich, weil sie nur langsam verheilen und die Menschen auf Dauer bettlägerig machen können.
Die Ursachen für Stürze können dabei sehr unterschiedlich sein. So erhöhen bestimmte Arzneien wie Psychopharmaka oder Beruhigungsmittel die Sturzanfälligkeit. Ebenso können Demenz- Erkrankungen oder die Abhängigkeit von Gehhilfen zu solchen Unfällen führen.
Harninkontinenz Als harninkontinent werden Menschen bezeichnet, die unwillkürlich Urin verlieren, weil sie keine Kontrolle mehr über die Blase haben. Dies kann zum Beispiel durch neurologische Erkrankungen, durch falsche Belastung des Beckenbodens oder durch Entzündungen verursacht werden. Laut der Auswertung der Charité sind fast zwei Drittel der Bewohner der Einrichtungen bereits bei der Aufnahme harninkontinent. In einem Pflegeheim lag die Quote bei 100 Prozent. Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer. Das heißt, die Mitarbeiter jedes Pflegeheimes sind in ihrem Arbeitsalltag ständig mit dem Problem Inkontinenz konfrontiert.

Wie reagieren die Heime auf diese Probleme? Um mit der Gefahr von Druckgeschwüren, Stürzen oder mit Harninkontinenz bei Bewohnern richtig umzugehen, richten sich die meisten Pflegeheime nach sogenannten Leitlinien, also Handlungsempfehlungen. Diese werden auf der Grundlage pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse in der Fachhochschule Osnabrück entwickelt. Solche Standards benennen zum Beispiel Verhaltensregeln für die Pflegekräfte, um die Entstehung eines Druckgeschwürs bei Bewohnern zu vermeiden. In der Praxis heißt das, man solle die Betroffenen regelmäßig bewegen oder ihre Haut mit durchblutungsfördernden Salben einreiben. Dazu gehört auch der Einsatz von Hilfsmitteln wie Spezialkissen oder Dekubitusmatratzen, die mit wechselndem Luftdruck die Gefahr eines Druckgeschwürs verringern können.
Um Stürze zu vermeiden, raten die Fachleute, eine Einrichtung baulich von Stolperfallen wie Türschwellen und ähnlichem frei zu halten. Außerdem sollten die gefährdeten Bewohner spezielle rutschfeste Schuhe tragen oder möglichst nur gestützt auf Angehörige oder Pflegekräfte die Toilette aufsuchen. Darüber hinaus sollte das Heim die Bewohner selbst gegen eine Sturzanfälligkeit schützen. Dazu zählen Kurse für die Pflegebedürftigen zur Förderung von Kraft und Balance.
Der Umgang mit Inkontinenz erfordere vom Personal wegen der Schamgrenzen der Betroffenen großes Feingefühl, heißt es im Expertenstandard zur Förderung der Harnkontinenz, also der Vermeidung von Inkontinenz. Auch darin müssten die Pflegekräfte geschult sein. Außerdem habe die Einrichtung für ein kontinenzförderndes Umfeld zu sorgen. Das heißt: Die Toiletten müssen leicht zugänglich und Hilfsmittel wie Einlagen oder Windeln ausreichend vorhanden sein.


Ein Heim ist allerdings nicht verpflichtet, für seine eigenen Handlungsanweisungen an das Personal oder für die Ausstattung die dafür geltenden wissenschaftlichen Empfehlungen (den sogenannten Expertenstandard) eins zu eins zu übernehmen. Es kann die Vorgaben den eigenen Bedürfnissen anpassen. Angehörige von Bewohnern, die für bestimmte Pflegeprobleme anfällig sind, sollten deshalb danach fragen, ob die Einrichtung den entsprechenden Expertenstandard anwendet und wie sie das tut.




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