Interview über die Unsichtbarkeit des Todes: "Zum Störfall degradiert"

Die Sozialwirtin Sandra Joachim-Meyer spricht über den Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft und über das Sterben in Pflegeheimen.

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Sandra Joachim-Meyer ist Sozialwirtin und Autorin des Buches „Sinnbilder von Leben und Tod“. Foto: Promo

Der Tod ist unsichtbar. Gestorben wird heutzutage in Krankenhäusern, Hospizen und Pflegeheimen, vor den Augen der Mitmenschen verborgen. Warum?

Die Abwendung von einer sichtbaren Auseinandersetzung mit dem Tod ist eine Folge des Glaubens an die Machbarkeit aller Dinge. In unserem modernen Leben herrscht aus naturwissenschaftlichem Verständnis heraus die Ansicht, alles sei möglich, das Leben sei in Gänze kalkulierbar. Im Alltag gilt der Tod als berechenbares Ende allen Lebens. Diese trügerische Beherrschbarkeit der Dinge fordert die Verdrängung des Sterbens hinter verschlossene Türen ein. Dass Menschen in Krankenhäusern und Altenheimen sterben, ist aber nicht nur Ausdruck dieses Realitätsverlusts, der den Tod zum Störfall degradiert. Dadurch will man auch dem Wunsch nach einer Beherrschbarkeit der Natur gerecht werden. Nach dem Motto: Was nicht sichtbar ist, existiert nicht. Das steht jedoch einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Sterben im Weg.

In 20 Jahren werden bundesweit drei Millionen Menschen Pflege brauchen. Wird es spätestens dann in Deutschland einen anderen Umgang mit dem Tod geben?

Dazu müssen neue gesellschaftliche Voraussetzungen geschaffen werden. Wir leben medizinisch in einer Zweiklassengesellschaft. Der letzte selbstbestimmte Atemzug findet für die meisten nicht im liebevollen Hospiz oder im Kreis der Angehörigen statt, sondern im Mehrbettzimmer eines Krankenhauses. Nicht nur gute Pflege kostet Geld, auch das menschenwürdige Sterben. Die Auseinandersetzung mit dem Tod birgt insofern eine Menge gesellschaftskritisches Potenzial. In der derzeitigen Debatte liegt also auch eine Chance, sich dem Tabu Tod positiv anzunähern.

Wer den Tod nicht verstehen will, begreife auch das Leben nicht, hat Sigmund Freud einmal gesagt. Hat er recht?

Das Verständnis vom Tod sagt viel über das Leben des Einzelnen aus. Sigmund Freuds Aussage kann als Aufforderung zu mehr Lebensmut interpretiert werden. Wer sein Leben im Hier und Jetzt begreift, muss den Tod nicht fürchten, sondern sieht ihn als natürliches Ende aller persönlichen Bestrebungen. Dieser Blick auf die Realität macht den Menschen in den Grenzen gesellschaftlicher Verpflichtungen unabhängiger. Doch so weit scheinen wir nicht zu sein: Nicht umsonst finden esoterische Produkte eine derartige Nachfrage. Hier werden Sinnbilder formuliert und vermarktet, die die menschliche Sehnsucht nach Erklärbarkeit erfüllen.

Gerade in Pflegeheimen könnte der Tod eines Nachbarn die Bewohner verängstigen. Ist kollektives Trauern der bessere Weg?

Trauern ist ein wichtiger Prozess, den jeder Mensch für sich erlebt und gestaltet. In der Vergangenheit war das gemeinsame Trauern selbstverständlich, der Tod im Leben präsenter. Das hat den Zusammenhalt der Gemeinschaft gestärkt und eine wichtige soziale Funktion erfüllt. Darüber hinaus bot der Glaube festen Halt, der weitgehend aus unserer säkularisierten Welt verschwunden ist. Heute wird kaum noch zu Hause gestorben, der moderne Alltag in Pflegeheimen sieht anders aus: Alte sterben ihren eigenen Tod, fernab der Blicke der anderen. Ein angemessenes Trauern ist unter diesen Umständen schwer. Ein Grund für dieses unpersönliche Abschiednehmen ist möglicherweise, dass man die anderen Bewohner nicht verängstigen will. Zum anderen spielen ökonomische Aspekte eine Rolle: Um das Heim auszulasten, werden Betten so schnell wie möglich wiederbesetzt, manchmal selbst dann, wenn der Mitbewohner im Zweibettzimmer der Ehepartner ist.

 

Sandra Joachim-Meyer ist Sozialwirtin und hat jahrelang zum Thema Tod geforscht.

Das Buch von Sandra Joachim-Meyer hat den Titel “Sinnbilder von Leben und Tod. Die Verdrängung des Todes in der modernen Gesellschaft”, Tectum-Verlag, Marburg 2004, 110 Seiten broschiert, 24,90 Euro.



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