Report: Warum eine Patientenverfügung nötig ist

Monika Schwarze* ließ ihre Mutter sterben. Weil es deren Wille war. Bis dieser erfüllt wurde, war es allerdings trotz Patientenverfügung ein langer Kampf. Denn für Ärzte gilt oft: Im Zweifelsfall “pro vita”.

Monika Schwarze* ließ ihre Mutter sterben. Das Herz der 66-Jährigen schlug zwar noch – doch das Gehirn war schon so schwer geschädigt, dass sie wohl nie wieder erwacht wäre. Doch bis es soweit war und die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet wurden, musste Monika Schwarze lange kämpfen. “Ihr letzte Wille wurde einfach ignoriert”, sagt sie bitter.

Oft sprach sie mit ihrer Mutter darüber, was geschehen solle, wenn sie nur noch durch Apparate am Leben gehalten würde. Nicht ohne Grund, denn ihre Mutter Helga litt unter einer Verengung der Herzkranzgefäße. Eine lebensbedrohliche Erkrankung, die aber eigentlich gut operiert werden kann.


Eigentlich ein Routineeingriff

Im Juni 2009 sollte ein Spezialist bei Helga Schwarze einen Bypass legen. Dieser umgeht die Verengung im Herzen und lässt das Blut wieder strömen. Ein Routineeingriff. Doch die Operation stand von Anfang an unter einem schlechten Vorzeichen. Auf dem Weg in die Hamburger Klinik kollabiert die Frau. “Das war wohl die Aufregung”, sagt Monika Schwarze, die ihre Mutter begleitete. Ein Krankenwagen brachte sie erst in eine Berliner Klinik. Doch der Mutter war ein Hamburger Chirurg empfohlen worden. Also fuhren sie dorthin weiter. Die Tochter drängte auf eine zügige Operation. Diese verlief zunächst auch ohne Komplikationen, schnell konnte ihre Mutter von der Intensivstation wieder verlegt werden – Helga Schwarze befand sich auf dem Weg der Besserung.

Vor ihrem Besuch im Krankenhaus wollte Monika mit ihrer Mutter telefonieren, um nichts von dem zu vergessen, was sie ihr mitbringen wollte. Doch ihre Mutter schliefe, sagte ihr die Schwester am Telefon. “Wahrscheinlich schlug da ihr Herz schon nicht mehr”, sagt die Tochter heute.


Lieber tot als hilflos im Koma

Sie fuhr in die Klinik. Angekommen am Empfang habe man sie gleich abgefangen, erinnert sie sich. Man sagte ihr, das Herz ihrer Mutter arbeite nicht mehr. Doch zum Glück habe man den Herzstillstand gleich bemerkt und die Mutter reanimieren können.

Doch der vorübergehende Ausfall des Kreislaufs hatte ihr Gehirn bereits schwer in Mitleidenschaft gezogen, diagnostizierten Neurologen später. Frau Schwarze lag im Koma. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde sie nicht mehr aufwachen – und wenn, dann nur mit schweren geistigen und körperlichen Behinderungen.

“Meine Mutter war hilflos. Wie ein Stück Fleisch wurde sie hin- und hergewälzt”, sagt Monika Schwarze. Ihr war klar, dass ihre Mutter so nicht hätte leben wollen, erinnert sie sich an die vorherigen Gespräche. “Lieber wäre ihr der Tod.”


Viel Widerstand, aber auch Beistand

Vor Monika Schwarze stand nun die Aufgabe, diesen Willen durchzusetzen. Denn die Patientenverfügung der Mutter benannte sie als Betreuerin. Eine schwere emotionale Verpflichtung, möglicherweise begleitet von sozialer Isolation und Vorwürfen. “Mord”, urteilte eine Krankenschwester. Und einige der behandelnden Ärzte ignorierten zunächst den in der Patientenverfügung formulierten Willen – riefen schließlich das Amtsgericht an, um der Tochter einen Betreuer für medizinische Belange an die Seite zu stellen.

Beistand fand Monika Schwarze bei der Deutschen Hospiz-Stiftung. Diese prüfte die Erklärung der Mutter und gab der Tochter Hinweise zum Umgang mit den Ärzten. Wichtig sei es, miteinander zu sprechen und Fragen zu stellen: Welches Ziel verfolgen die Ärzte? Gibt es Aussicht auf Genesung? Klingt banal – doch Monika Schwarze fand lange keinen Ansprechpartner für solche Fragen, “da war immer ein anderer Arzt”, klagt sie.

Nach vier Wochen urteilte das Gericht: Die Verfügung ist korrekt verfasst. Monika Schwarze ist der gesetzliche Vormund, ihr steht es zu, die Patientenverfügung umzusetzen. “Damals sah ich den Chefarzt zum ersten Mal – einen Tag vor dem Tod meiner Mutter.”


Ein langsames Wegdämmern

Nun ging alles sehr schnell – zu schnell für Monika Schwarze. Wochenlang hatten Maschinen den Körper ihrer Mutter am Leben gehalten. Als die Tochter schließlich zum vereinbarten Termin an das Krankenbett ihrer Mutter trat, ruhten die Geräte schon für eine halbe Stunde. Weder Nahrung noch Flüssigkeit wurden ihrem Körper eingeflößt. Da ein Komapatient jedoch nicht empfinden kann, verhungert oder verdurstet er auch nicht qualvoll. Das Gehirn ist so schwer geschädigt, dass selbst stärkste Reize keine Reaktion hervorrufen.

Pfleger saugten Schleim aus ihrem Rachen, der sich durch das Liegen dort sammelte. Sie bekam immer weiniger Luft. Herz und Atmung wurden langsamer. “Dann ist sie langsam weggedämmert.” Das EKG begann zu fiepen. Der Arzt notiert Uhrzeit und bekundet sein Beileid – Helga Schwarze ist tot. Dafür hatte ihre Tochter lange kämpfen müssen, auch gegen Ärzte.


Das Dilemma: Falsche Vorstellungen und unsichere Prognosen

"Ich würde den Willen des Patienten nie missachten", sagt Walter Schaffartzik, Leiter der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie des Unfallkrankenhauses Berlin. Patientenverfügungen seien wünschenswert, signalisierten sie doch, dass der Betroffene sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Stehe der Wille des Patienten fest und sei die Prognose aussichtslos – im Medizinerjargon infaust genannt – sei es natürlich auch die Aufgabe von Ärzten, Menschen beim Sterben zu begleiten.

Meist gebe es jedoch falsche Vorstellungen vom Zustand eines Komapatienten, etwa dass der Patient nur noch durch Pumpen und Tropf am Leben gehalten werde. “Gehen Sie doch mal auf eine Intensivstation”, sagt Schaffartzik. “Sie werden dort keinen Patienten leiden sehen.”

Und auch Prognosen über den Krankheitsverlauf seien manchmal unsicher. “Wir hatten schon Patienten, deren lebenserhaltende Apparate abgeschaltet werden sollten, und die später aus der Klinik gelaufen sind.” Fraglich sei, ob der Verfasser einer Patientenverfügung zu Lebzeiten über eine Situation entscheiden kann, die er sich wohl meist nur schwer vorstellen kann. Und dann werde eine Verfügung ohne die dafür eigentlich notwendige medizinische Beratung verfasst. Der Hausarzt ist da oftmals auch keine große Hilfe: “Viele Hausärzte haben seit ihrem Studium keine Intensivstation mehr gesehen”, sagt der Mediziner.


“Niemand kann mich zwingen, einen Menschen streben zu lassen.”

Menschen, die eine solche Verfügung verfassen wollen, werde oft eine falsche Sicherheit vorgegaukelt, meint Chefarzt Schaffartzik. Denn die Textentwürfe vermittelten juristische Verbindlichkeit – sind in ihren Formulierungen aber oft uneindeutig. “Niemand in der Bundesrepublik Deutschland kann mich zwingen, einen Menschen sterben zu lassen, wenn ich nicht dessen Willen wirklich kenne”, sagt Schaffartzik. Aus ethischen Gründe, aber auch aus Gründen der beruflichen Existenz. Schließlich riskierten Mediziner bei solchen Entscheidungen auch ihre ärztliche Zulassung, könnten der unterlassenen Hilfeleistung bezichtigt werden oder sogar der aktiven Sterbehilfe, die in Deutschland ganz klar verboten ist.

Das sieht auch Klaus Ulsenheimer, Anwalt für Medizinrecht in München, so: “Jede Willenserklärung ist auslegbar”. Und im Zweifelsfalle müsse sich der Arzt “pro vita”, also für die Lebenserhaltung entscheiden. Zwar sei das seit September 2009 geltende deutsche Gesetz zur Patientenverfügung ein Anfang. Es lasse aber noch viel Spielraum für Interpretationen.

Monika Schwarze hat eine Patientenverfügung, ebenso wie ihr Mann und die drei volljährigen Söhne. Solch einen Kampf um den Tod, wie ihn Monika Schwarze für ihre Mutter führte, wollen sie ihren Angehörigen nicht aufbürden.


* Namen von der Redaktion geändert



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