Pflegestützpunkte - Hilfe aus einer Hand

In Berlin gibt es 26 Pflegestützpunkte. Die Mitarbeiter beraten dort Pflegebedürftige und ihre Angehörigen über Hilfsangebote, Pflegeleistungen und finanzielle Ansprüche. Kostenfrei und kassenunabhängig


Plötzlich ging alles ganz schnell. Nachdem er in der Badewanne ausgerutscht und auf den Rücken gestürzt war, hatte Renate Krause* ihren Mann vor zwei Jahren ins Krankenhaus bringen lassen. Dort sagte man ihr, dass nicht nur ein paar Rippen gebrochen seien. Auch an Parkinson, Alzheimer und Tuberkulose sei ihr 80-jähriger Ehemann erkrankt. Seitdem kümmert sich die 73-Jährige in der gemeinsamen Wohnung um ihren Mann. Doch es fällt ihr immer schwerer. Renate Krause bekommt kaum noch Schlaf, das Heben und Wenden ihres Mannes bereitet ihr Probleme. Hinzu kommt die psychische Belastung, ihren zunehmend dementen Gatten permanent im Auge behalten zu müssen. “Der Familienrat hat gesagt: Mutter, du gehst dabei vor die Hunde”, berichtet Renate Krause schließlich und nippt an ihrer Tasse Kaffee.
Draußen hat der Herbst die Stadt in grau gehüllt, beim Blick aus dem Fenster sieht man Plattenbauten sich in den Himmel recken. Vor Renate Krause sitzt André Scholz und macht sich Notizen. Scholz arbeitet als Pflegeberater im Pflegestützpunkt Mitte in der Berliner Karl-Marx-Allee. Der Stützpunkt, keine 300 Meter Luftlinie vom Alexanderplatz entfernt und direkt neben dem Sitz der ehemaligen Stasi-Unterlagenbehörde untergebracht, ist einer von 26 Anlaufstellen dieser Art in Berlin.

Pflegestützpunkte sollen wohnortnah und neutral beraten

Seit September 2009 hat der Senat auf Grundlage des Pflegeweiterentwicklungsgesetzes die Pflegestützpunkte als wohnortnahe und neutrale Anlaufstellen für Pflegebedürftige und deren Angehörige aufgebaut. Zwei weitere Pflegestützpunkte sind geplant, zudem soll die Stelle in der Axel-Springer-Straße in Kreuzberg an einen besseren Standort umziehen. Die Anlaufstellen sind in gemeinsamer Trägerschaft aller Pflege- und Krankenkassen und des Landes Berlin, das ein Drittel der Kosten übernimmt, rund 1,65 Millionen Euro pro Jahr.
Früher mussten Ratsuchende ihre Informationen von verschiedenen Stellen wie dem Sozialamt, der Pflegekasse oder der Krankenkasse mühsam selbst zusammentragen. Unter dem Motto “Hilfe aus einer Hand” beraten die Stützpunkte dagegen gebündelt über Hilfsangebote, Pflegeleistungen und finanzielle Ansprüche. Kostenfrei und kassenunabhängig. Im Stützpunkt in Mitte suchen wöchentlich rund zehn Leute Rat. Eine Altersbeschränkung gibt es nicht. “Wir sind für alle Altersgruppen offen. Zu uns kommen beispielsweise auch Eltern von pflegebedürftigen Kindern”, sagt Claudia Gorny von der AOK Nordost, dem geschäftsführenden Träger des Pflegestützpunktes in der Karl-Marx-Allee. “Wir wollen, dass die Bürger die Pflegestützpunkte als kompetente Anlaufstelle kennen und schätzen lernen, in denen sie neutral und umfassend rund um die Pflege informiert werden.”

“Eigenhilfe stärken”

Renate Krause hat ein paar Broschüren und einen Zettel mit Fragen mitgebracht. Sie fragt sich, ob sie ihren Mann in ein Pflegeheim geben soll. Der Gedanke gefällt Renate Krause allerdings überhaupt nicht. Über ihr Gesicht läuft ein kurzer Schauer. “Wir sind 54 Jahre verheiratet. Da gibt man seinen Mann nicht weg. Das geht nicht”, sagt sie und macht eine kurze Pause. “Zumindest nicht vor Weihnachten”, schiebt sie traurig hinterher.
André Scholz hört aufmerksam zu. Immer wieder unterbricht er Renate Krause höflich. Die Frau redet gerne. Man merkt, dass sie gut informiert ist und trotz der belastenden Situation ihren Humor nicht verloren hat. Statt “zum Beispiel” sagt sie “zum Bleistift”, ihre Enkel nennt sie liebevoll “meine Sklaven”. Scholz hat einen Zeitstrahl auf sein Papier gemalt, versucht, durch gezielte Fragen Renate Krauses Alltag zu rekonstruieren und so die Probleme herauszufinden. Trotz Aufzug muss ihr Mann “zum Bleistift” 15 Stufen bewältigen, findet Scholz heraus. Der Pflegedienst kommt nur einmal wöchentlich zum Duschen vorbei, der Hausarzt ist aber durchaus bereit, auch mal zu Hause bei den Krauses vorbeizuschauen. Und dann hat Renate Krause ja noch familiäre Unterstützung von ihren beiden Kindern und den Enkelkindern erfährt Scholz. “Es geht auch darum, herauszufinden, wie man die Eigenhilfe der Leute stärken kann”, beschreibt er seine Aufgabe.

Berliner Senat zögert beim Aufbau weiterer Stützpunkte

Bis auf Sachsen und Sachsen- Anhalt haben alle Bundesländer bereits Pflegestützpunkte etabliert, Rheinland- Pfalz hat mit seinen 135 Stützpunkten das dichteste Netz gewebt. In anderen Ländern gibt es dagegen noch Luft nach oben. Nach Auskunft der Bundesregierung haben die Länder die zur Verfügung gestellten Bundesmittel für eine Anschubfinanzierung, die im Juni 2011 auslief, kaum ausgenutzt und lediglich elf der 60 Millionen Euro abgerufen.
Auch in Berlin bleibt man vorsichtig. Das Land will erst nach einer Evaluierung 2014 entscheiden, ob man die zehn weiteren vorgesehenen Pflegestützpunkte aufbaut. Eine Skepsis, die berechtigt erscheint. Bei einem bundesweiten Test der Stiftung Warentest vor zwei Jahren schnitt mit dem Pilotpflegestützpunkt Friedrichshain-Kreuzberg zwar eine Berliner Anlaufstelle am besten ab. Allerdings wurde nur jeder dritte Pflegestützpunkt mit “gut” bewertet. Die Verbraucherorganisation hatte 15 Stützpunkte getestet, zehn bekamen die Gesamtnote “befriedigend”, einer ein “ausreichend”. Zu häufig bliebe die Ausgangssituation der zu pflegenden Person ungeklärt, vor allem das Wohn- und soziale Umfeld, hatte Stiftung Warentest kritisiert. Diesen Vorwurf kann man André Scholz nicht machen. Er klärt diese Fragen gleich zu Beginn. Erst danach geht er zu den weiteren Themen über.

Pflegestützpunkte unterstützen die Zusammenarbeit mit Ämtern, Behörden und den medizinischen Institutionen

Im Pflegestützpunkt sollen die Ratsuchenden Antworten auf viele Fragen bekommen. Wo gibt es Hilfe, wie kann ich die Pflege organisieren und finanzieren, welche Leistungen gibt es überhaupt? Welche Lösungen existieren, um solange wie möglich zu Hause wohnen zu können? Oder ist doch ein Heim die bessere Alternative? “Unsere Aufgabe ist es, Lotse zu sein, zu vermitteln und Wege abzunehmen”, sagt Claudia Gorny. Denn während die Leute früher schon mal von Pontius zu Pilatus laufen mussten, unterstützt der Pflegestützpunkt die Zusammenarbeit mit Ämtern, Behörden und den medizinischen Institutionen. Auch bei der Frage zur Finanzierung könne man weiterhelfen und etwa bei Widersprüchen beraten. Rund ein Drittel aller Anträge auf eine Pflegestufe lehnt der Medizinische Dienst der Krankenkassen ab, sagt Claudia Gorny. “Viele Antragsteller kennen die Voraussetzungen nicht, sodass auch ein Antrag gestellt wird, wenn Hilfestellungen im Haushalt gebraucht werden.”
Aber auch Kontakte zu Selbsthilfegruppen und Sozialvereinen werden hergestellt. “Wir vermitteln auch in den Chor”, sagt Gorny. Denn auch das psychische Wohlbefinden sei beim Thema Pflege sehr wichtig. In Pankow hatte eine Pflegeberaterin zum Beispiel eine pflegende Person, die immer gerne gesungen hatte, dann aber aus Zeitmangel darauf verzichtete. Also organisierte man die Betreuung der Pflegebedürftigen für diese Zeit. “Das hilft manchmal bei der Bewältigung des Lebens viel mehr”, sagt Gorny. Bei einer Ratsuchenden in Steglitz wiederum habe man eine Epileptikerin dazu ermuntert, an den wöchentlichen Angeboten einer Kreativwerkstatt teilzunehmen. Inzwischen ist sie festes Mitglied in einer Theatergruppe und hat durch die Anerkennung ihrer Fähigkeiten viel Selbstbewusstsein gewonnen.
André Scholz geht mit Renate Krause in den Flur. Dort hat er zwei große Tafeln an die Wand gehängt. Zu sehen sind einige Kreise und viele Begriffe. Scholz beginnt zu erklären: “Es gibt zwei Alternativen zur Versorgung im Pflegeheim. Sie können sich entweder Unterstützung zu Hause organisieren oder sich für betreutes Wohnen entscheiden.” Er könne ihr dabei helfen, die Vor- und Nachteile abzuwägen.
Renate Krause stützt sich auf ihren Gehstock, überlegt nicht lange. Immer wenn Fremde nach Hause kommen, werde ihr Mann unruhig und abwehrend, berichtet sie. In ein Heim zu ziehen, käme wiederum für sie nicht in Frage. “Ich bin keine indische Witwe. Ich bin noch nicht so weit.” Deswegen habe sie überlegt, dass ihr Mann in ein Heim in ihrer Nähe zieht und sie ihn dort täglich besucht. “In der Nacht habe ich dann aber meine Ruhe.”
Ein Problem ist für Renate Krause jedoch die Finanzierung. Ihr Mann hat zwar eine gute Rente. Allerdings wird es für die 1.500 Euro, die ein Platz im Pflegeheim an Zuzahlung monatlich ungefähr kostet, nicht reichen. Also müsste sie etwas von ihrer Rente hinzugeben – schließlich sind Ehegatten und Kinder unterhaltspflichtig.

Keine Rechtsberatung durch Pflegestützpunkte

André Scholz, gelernter Altenpfleger, sagt, dass er seinen Beruf mit Überzeugung ausübe. Als Pflegeberater arbeitet der 46-Jährige seit drei Jahren. Die häufigsten Probleme seien die fehlende Barrierefreiheit, eingeschränkte Mobilität, die ärztliche Versorgung und die Koordinierung der Helferpersonen. Bei der Finanzierung könne er nur grundsätzliche Informationen vermitteln. Verbindliche individuelle Berechnungen können die Pflegestützpunkte nicht anbieten. Die Pflegestützpunkte machen keine Rechtsberatung. “Wir rechnen nicht”, sagt Scholz dazu. Also hat er Renate Krause einen Kontakt beim Sozialhilfeträger aufgeschrieben, an den sie sich wenden soll.
Nicht die einzige konkrete Hilfe, die Scholz für die Rentnerin parat hat. Er sagt zu, ihr eine Broschüre über das barrierefreie Spazierengehen in Berlin- Mitte zu schicken und klärt sie über das Angebot des so genannten Telebusses auf, einem Mobilitätshilfedienst für Menschen im Rollstuhl. Er könne sie beim nächsten Mal auch gerne zu Hause besuchen, bietet er Renate Krause an. Dann gibt er ihr noch drei “Symbolkarten” mit. Darauf sind die Ergebnisse des Gespräches zusammengetragen. Diese sollen helfen, im Familienrat eine Entscheidung zu treffen.
Nach Weihnachten will sich Renate Krause entscheiden und dann wieder in den Pflegestützpunkt kommen. “Es ist einfach ganz schön viel, was da auf einen einstürzt”, sagt sie beim Gehen. “Wenn man dann hier herkommen kann und gesagt bekommt, so und so ist das, dann ist das schon eine große Hilfe.”



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