Interview über den Antragsweg zur Pflegestufe: „Sprechen Sie uns an! Wir helfen“

Im Interview beantwortet Wolfgang Bauer, Geschäftsführer für Pflegeversicherung und häusliche Krankenpflege bei der AOK Berlin Brandenburg Fragen zu Pflegenoten, neuen Beratungsangeboten und dem richtigen Weg zur Pflegestufe

AOK_Wolfgang_Bauer.jpg
Wolfgang Bauer ist Geschäftsführer für Pflegeversicherung und häusliche Krankenpflege bei der AOK Berlin-Brandenburg. Foto: Promo


Herr Bauer, die von den Kassen veröffentlichten Pflegenoten stehen in der Kritik. Was haben Betroffene und Angehörigen von diesen Noten?

Zum Jahreswechsel haben die Pflegekassen im Internet die ersten Benotungen für Pflegeheime und ambulante Pflegedienste (Glossar: ambulante Pflege) in der Hauptstadt und in Brandenburg veröffentlicht. Grundlage dafür sind die Transparenzberichte, die der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) erstellt hat. Versicherte haben nun bessere Möglichkeiten, die Qualität von Einrichtungen miteinander zu vergleichen. Ich empfehle bei der Suche nach einer geeigneten Einrichtung aber ausdrücklich, sich zusätzlich eigene Eindrücke vor Ort zu verschaffen sowie die pflegerischen und ärztlichen Leistungen, die spezifische Ausstattung, aber auch das menschliche Miteinander im Heim genau unter die Lupe zu nehmen.


Wenn sich doch jeder selbst ein Bild machen muss, warum brauchen wir dann die Pflegenoten?

Die Pflegenoten sind ein wichtiger Schritt zu mehr Transparenz. Sie sollen die Qualität der Versorgung auch in der Tiefe leicht verständlich offen legen, dort, wo man nur mit einem professionellen Blick Klarheit schaffen kann. Gleichzeitig fordern wir eine weitere Verbesserung des Bewertungssystems. Das derzeitige System ist aber besser als keines. Denn die Benotungen führen dazu, dass sich die Pflegeheime und Pflegedienste im Wettbewerb sehen und noch mehr auf Qualität und gute Leistungen achten. Das kommt zum Schluss allen Pflegebedürftigen zu Gute.


Trotz der Pflegenoten fühlen sich viele Betroffene und Angehörige in der konkreten Situation allein gelassen. Die Pflegekassen gelten vielen nicht als neutrale Berater.

Unsere Beratung hat immer zum Ziel, für die Betroffenen eine möglichst optimale Betreuung zu organisieren. Mit diesem Anspruch bieten wir unseren Versicherten seit geraumer Zeit eine Pflegeberatung an. Mit den im vergangenen Jahr errichteten 26 Pflegestützpunkten in Berlin, bei denen die Pflegekassen eng mit der Senatsverwaltung zusammenarbeiten, haben wir Anlaufstellen für eine “Beratung aus einer Hand” geschaffen.


Welche Aufgaben haben die Pflegestützpunkte?

Das Ziel der Pflegestützpunkte ist eine wohnortnahe, neutrale und individuelle Beratung für Pflegebedürftige oder von Pflegebedürftigkeit bedrohte Personen und ihren Angehörigen zu Leistungen der Pflegeversicherung und sonstigen Hilfsangeboten – und zwar unabhängig von ihrer Kranken- und Pflegekassenzugehörigkeit. Pflegeberater oder Pflegeberaterinnen in Stützpunkten stellen zunächst den individuellen Hilfebedarf der Ratsuchenden fest. Sie erstellen einen individuellen Versorgungsplan. Das heißt auch, sie koordinieren und vernetzen die erforderlichen Hilfeleistungen für die Betroffene.


Die Genehmigung der Pflegeleistungen bleibt aber die Aufgabe der Pflegekassen?

Als Pflege- und als Krankenkasse sind und bleiben wir natürlich weiterhin der erste Ansprechpartner für unsere Versicherten. Wenn es um die Frage der Pflegebedürftigkeit geht, steht an erster Stelle die Begutachtung durch den MDK. Auf dessen Empfehlung stützen wir uns als Pflegekasse bei der Bewilligung von Pflege- und Krankenversicherungsleistungen. Die Pflegeberaterinnen und Pflegeberater stehen aber auch bei diesen Fragen für Betroffene bereit und helfen zum Beispiel beim Ausfüllen von Antragsformularen. Sie helfen aber eben auch bei allen Fragen jenseits der eigentlichen Pflegeleistungen, wie der Suche nach Pflegediensten oder Hilfsdiensten, etwa dem “Essen auf Rädern”.


In den vergangenen Jahren entstanden viele neue Betreuungsangebote, vor allem auch in Form von Wohngemeinschaften für Demenzerkrankte. Ein richtiger Weg?

Gemäß des Leitsatzes “ambulant vor stationär unterstützt die AOK Berlin-Brandenburg Angebote, die es pflegebedürftigen Menschen ermöglicht, möglichst lange ein weitestgehend eigenbestimmtes Leben in einer häuslichen Umgebung zu führen. Als Alternative und Ergänzung zu bestehenden ambulanten und stationären Pflege-Einrichtungen hat sich in Berlin in den vergangenen Jahren ein breites Angebot an ambulant betreuten Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz entwickelt. Einen vollständigen Überblick über betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz zu geben, ist allerdings kaum möglich, da gegenüber den Pflegekassen in Berlin beziehungsweise der Heimaufsicht derzeit keine gesetzliche Verpflichtung besteht, diese Einrichtungen zu melden. Insofern begrüßen wir das Berliner Wohnformen- und Teilhabegesetz, das eine derartige Meldepflicht vorsieht. Darüber ist es aus Sicht der AOK Berlin-Brandenburg wichtig, dass Schutz- und Sicherheitsinteressen der Bewohner gewahrt und eine angemessene Betreuung in den Wohngemeinschaften auch wirklich sichergestellt ist).


Mängel in der Pflege werden aber ein Thema bleiben. Was sollen Bewohner oder Angehörige in so einem Fall tun?

Probleme und Mängel kann es immer geben – auch in einer noch so gut bewerteten Einrichtung. Zuerst sollten die Bewohner oder die Angehörigen deshalb das Gespräch mit der Heimleitung suchen. Wenn das Problem nicht abgestellt wird, sind zum Beispiel die Heimaufsicht, aber auch die Pflegekassen Anlaufstelle. Sprechen Sie uns an, wir gehen den Fällen nach.


_Wolfgang Bauer ist Geschäftsführer für Pflegeversicherung und häusliche Krankenpflege bei der AOK Berlin-Brandenburg._



Artikelsuche ?

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet