Interview "Pflegenoten sind nur ein erster Schritt"

Hans Joachim Fritzen von der AOK Nordost über Pflegestützpunkte und das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz

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Hans Joachim Fritzen, Geschäftsführer Pflege der AOK Nordost; Foto: Promo


Herr Fritzen, die Pflegenoten werden immer stärker kritisiert. Können diese Bewertungen Betroffenen und Angehörigen überhaupt helfen?

Die Ergebnisse der Qualitätsprüfungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), die so genannten Transparenzberichte der Heime und Pflegedienste, können lediglich eine erste Grundlage bilden, die den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen helfen, das richtige Angebot zu finden. Die Kriterien der Prüfungen müssten jedoch dringend weiterentwickelt werden. Hier wird auf Bundesebene zwischen den Vertragspartnern seit Jahren um eine Korrektur gerungen. Leider bisher ohne durchschlagenden Erfolg. Unsere Pflegenavigatoren im Internet beinhalten die MDK-Transparenzberichte. Die darin enthaltenen Noten bilden jedoch nur ein Kriterium der Auswahl, denn die Navigatoren bieten verschiedene Suchkriterien wie Wohnortnähe der Einrichtung, spezialisierte Betreuung von Demenzkranken und einen Kostenüberblick. Das Interesse der Öffentlichkeit an diesen Informationen ist sehr groß. All dies ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, sich persönlich vor Ort einen eigenen Eindruck zu verschaffen sowie die pflegerischen und ärztlichen Leistungen, die spezifische Ausstattung, aber auch die Atmosphäre im jeweiligen Heim in Augenschein zu nehmen.


Können Pflegekassen neutrale Hilfestellung leisten, etwa über die Pflegestützpunkte?

Die Beratung durch die Pflegekassen will den Betroffenen und ihren Angehörigen Hilfe und Orientierung geben, um gemeinsam mit ihnen die bestmögliche Pflege zu finden. Dazu gehört etwa die Unterstützung bei der Suche nach einer geeigneten Wohnform und welche zusätzlichen Betreuungsangebote in Anspruch genommen werden können. Darüber hinaus können die möglichen finanziellen Belastungen aufgezeigt werden.


Zu welchem Zeitpunkt wenden sich Betroffene und Angehörige an die Pflegestützpunkte?

Viele informieren sich bereits im Vorfeld, bevor sie in der Familie konkret betroffen sind, über die verschiedenen Pflegeangebote und Hilfsmöglichkeiten. Mit den 26 wohnortnahen und neutralen Pflegestützpunkten in Berlin und 19 Pflegestützpunkten in Brandenburg, bei denen die Pflegekassen eng mit der Senatsverwaltung und den Bezirksämtern in Berlin sowie den Kommunen und Landkreisen in Brandenburg zusammenarbeiten, wurden Anlaufstellen geschaffen und Kompetenzen gebündelt. Im Gespräch mit den Ratsuchenden haben die Pflegeberater in den Stützpunkten immer das Ziel, den individuellen Hilfebedarf festzustellen. Sie erstellen nicht nur einen Versorgungsplan, sondern koordinieren auch die erforderlichen Hilfeleistungen. Bei einem neuen Antrag auf Pflegeleistungen ist gesetzlich vorgeschrieben, dass die Pflegekassen binnen 14 Tagen eine Beratung anbieten.


Wie beantrage ich eine Pflegestufe?

Versicherte müssen aus rechtlichen Gründen bei ihrer jeweiligen Pflegekasse einen Antrag auf eine Pflegeleistung stellen, denn diese sind die Träger der sozialen Pflegeversicherung. Die Mitarbeiter der AOK Nordost helfen gerne beim Ausfüllen der notwendigen Formulare. Und sie informieren beispielsweise über Kurse für pflegende Angehörige oder Angebote wie “Essen auf Rädern”. Doch zurück zum Antrag: Nachdem die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen geprüft sind, leitet die Pflegekasse diesen an den MDK weiter. Der MDK vereinbart dann einen Termin für einen Hausbesuch, bei dem der Hilfebedarf festgestellt wird. Gegenwärtig wird noch nach drei Pflegestufen unterschieden. Durch das Pflegeneuausrichtungsgesetz gibt es einen eigenen Sachleistungsanspruch für Demenzkranke. Zukünftig soll mit Hilfe eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes die Versorgung der Pflege geordnet werden. Statt der drei Pflegestufen soll zukünftig nach Bedarfsgraden das Maß der Pflegebedürftigkeit eingeschätzt werden. Dabei steht das Ausmaß der vorhandenen Selbstständigkeit im Mittelpunkt und nicht mehr der Zeitaufwand für einzelne Tätigkeiten.


Seit einigen Jahren werden neue Angebote wie betreutes Wohnen/gemeinsames Wohnen von Pflegebedürftigen in Wohngemeinschaften immer stärker nachgefragt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Als Alternative und Ergänzung zu bestehenden ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen hat sich in Berlin in den vergangenen Jahren ein breites Angebot an ambulant betreuten Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen entwickelt. Wir stellen hier also einen starken Zuwachs fest. Das Pflegeneuausrichtungsgesetz unterstützt diese Entwicklung. So kann man eine gemeinsam genutzte Wohnung beispielsweise behindertengerecht umbauen, wofür ein Zuschuss von bis zu 10 000 Euro möglich ist. Damit das Zusammenleben in einer solchen Wohngemeinschaft besser organisiert wird, können darüber hinaus monatlich 200 Euro für eine so genannte Präsenzkraft zusätzlich zu Pflegeleistungen zur Verfügung gestellt werden. Allerdings ist es aus Sicht der AOK Nordost wichtig, dass Schutz- und Sicherheitsinteressen der Bewohner dauerhaft gewahrt werden, um eine angemessene Betreuung sicherzustellen. Hier hätten wir uns weitere bundesweite Regelungen gewünscht wie zum Beispiel die Möglichkeit, auch analog der entsprechenden Prüfungen ambulanter Pflegedienste oder stationärer Einrichtungen, Wohngemeinschaften durch den MDK, die Heimaufsicht oder auch durch die Pflegekassen selbst auf ihre Qualität prüfen zu lassen. Der Pflegemarkt ist breit gefächert und hart umkämpft, sodass er leider auch “Grauzonen” und “schwarze Schafe” umfasst. Daher ist es wichtig, bei den neuen Wohnformen genau hinzuschauen.


Was können Bewohner und ihre Angehörigen überhaupt gegen Mängel in der Pflege tun?

So individuell die Probleme sind, so individuell sind auch die möglichen Lösungsansätze. Die Bandbreite der Mängel reicht dabei von Kommunikationsproblemen zwischen den Angestellten in der Pflege, Bewohnern und Angehörigen bis hin zu mangelhafter Versorgung und Pflege. Der erste Weg sollte in der Regel ein Gespräch mit der jeweiligen Pflegeleitung sein. Führt dies nicht zum Erfolg, bieten Pflegekassen, Heimaufsicht und Organisationen wie “Pflege in Not” gerne und sofort Unterstützung an. Die Pflegekasse geht jeder Beschwerde nach.
www.pflegestuetzpunkteberlin.de

www.pflegestuetzpunkte-brandenburg.de




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