Hintergrund: Die Pflegenoten sind umstritten, weil sie einen Durchschnitt abbilden

Die Noten für die Pflegequalität sind umstritten. Weil am Ende eine Durchschnittsnote gebildet wird, sei das Ergebnis oft verfälscht, sagen Kritiker

Seit Juli 2009 erhalten Pflegeheime Zeugnisse vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) – und müssen sie auch noch jedem zeigen. Kein Wunder, dass die Schulnoten für die Qualität bei den Heimen umstritten sind. Immer wieder klagen einige gegen die Veröffentlichung der Noten, weil sie sich durch das Ergebnis falsch dargestellt sehen – und immer wieder auch erfolgreich. Aber nicht nur Heime machen gegen die Bewertung Stimmung. Die Front der Kritiker ist breiter. Der Münchner Autor Claus Fussek zum Beispiel, der seit Jahren für mehr Transparenz in der Pflege kämpft, kritisierte das Benotungssystem als wenig hilfreich. In der Branche tummelten sich bereits zahlreiche Berater, die Heimbetreiber “darin unterweisen, wie sie für schlechte Häuser gute Noten bekommen”, sagt er. “Da spielen selbst die Trägerverbände mit.” Der Erkenntnisgewinn durch diese Noten sei nicht groß, sagt Fussek. “Ich habe bei den vielen Beratungsgesprächen, die ich führe, die Angehörigen noch nicht nach Schulnoten fragen hören. Das interessiert sie nicht.”


Dass es keine k.o.-Kriterien gibt, die bei wichtigen Mängeln die Gesamtnote senken, nervt inzwischen auch die Prüfer

Dem Bewertungssystem merke man an, dass es unter Beteiligung der Anbieter entstanden ist. “Gute Heime erkennt man daran, dass sie Mängel haben und damit auch offen umgehen. Eine Einrichtung, die keine Mängel haben soll, also eine Note ,sehr gut‘ bekommt, das gibt es doch gar nicht. Die Hauptkrtitik nicht nur von Fussek, sondern auch von Politikern, Richtern und selbst Prüfern gilt den Durchschnittsnoten). Denn hier ließen sich viele Mängel verstecken. So lässt sich eine miese Note in einem wesentlichen Pflegebestandteil – etwa einer falschen oder ungenügenden Prophylaxe gegen Druckgeschwüre – tatsächlich durch ein einfach zu erreichendes “sehr gut” in einem eher unwichtigen Kriterium wie zum Beispiel dem Vorhandensein von schriftlichen Erste-Hilfe-Anleitungen gut ausbügeln. Dieser Umstand hat auch die Redaktion des “Pflegeheimführers Berlin” dazu gebracht, in der Rubrik der gut geprüften Heime die Kriterien zu ändern. Nicht nur ein “sehr gut” (also bis 1,4) muss erreicht worden sein, sondern in den Kriterien kein einziges “mangelhaft”. Dass es keine k.o.Kriterien gibt, nervt inzwischen auch die Prüfer selbst. Der MDK hat nun vorgeschlagen, bestimmte “Risikokriterien” besonders zu gewichten. Solche Risikokriterien sind zum Beispiel, ob die Flüssigkeits und Nahrungsversorgung im Heim angemessen ist. Wenn von diesen wichtigeren Parametern einige mit mangelhaft bewertet wurden, dann soll die Durchschnittsnote je nach Anzahl der Mängel auf bis zu 5,0 gesenkt werden können, egal, wie die reine Durchschnittsnote ausgesehen hätte. Bis dahin gilt für alle, die ein Pflegeheim suchen: Schauen Sie sich nicht nur die fünf Obernoten an, sondern auch die Noten für die einzelnen Kriterien!



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