Demenz: Selbstvergessen im Pflegeheim

Demenzkranke Menschen sind schwierige Mitbewohner. Deswegen leben sie in Heimen häufig in speziellen Demenzstationen. Dort werden sie rund um die Uhr betreut: Eine schwierige, aber auch lohnende Arbeit.

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Lila schimmern die Fingernägel ihrer Hand an der Gehhilfe. "Hier im Heim habe ich endlich mal Zeit, mich darum zu kümmern", sagt Klara Wündisch*. In der Stimme der 82-Jährigen mit den langen grauen Haaren und den schwarzen Leggins schwingt ein wenig Stolz mit, als sie ihre frisch lackierten Nägel präsentiert. Dann verfinstert sich ihr Gesicht.


Die sind hier doch alle...

Sie mache sich schlimme Sorgen, sagt die Frau mit feierlichem Ernst. Eines ihrer Kleider sei heute nicht mehr aus der Wäscherei zurückgekehrt. Den Versicherungen des Personals, das Kleidungsstück werde bestimmt wieder auftauchen, traut sie nicht. Und auch von ihren Mitbewohnern verspricht sie sich wenig Hilfe bei der Suche. "Hier brauche ich doch keinen fragen", sagt sie, "die sind doch alle ..." Das letzte Wort verschluckt sie, als sie Hans Leibnitz* bemerkt, der wie jeden Tag die warmgelben Flure auf- und abmarschiert und dabei gelegentlich die Stabilität der Geländer überprüft. Stattdessen wedelt sie nur mit der rechten Hand vor ihrem Gesicht. Dann verschwindet sie, aufgestützt auf ihren Rollator, im Gemeinschaftsraum der Demenzstation des Seniorenzentrums Zur Brücke im Köpenicker Süden. Eine andere Bewohnerin, die die Szene beobachtet hat, scheint Frau Wündischs Auffassung vom Geisteszustand ihrer Mitbewohner zu teilen. Als diese durch die Tür verschwunden ist, zeigt sie ihr hinterher, streckt die Zunge heraus, verdreht die Augen und tippt sich an die Stirn. Dann muss sie kichern. "All das muss man mit Humor nehmen", sagt Pflegedienstleiter Sven Dietrich über seine Arbeit mit den Demenzpatienten. 56 von ihnen beherbergt das Heim auf zwei abgetrennten Etagen, aufgeteilt in vier Gruppen à 14 Leute. Bis zu fünf Pfleger sind in den arbeitsreichsten Tagesphasen, etwa nach dem Aufstehen der Bewohner, für jede Gruppe im Einsatz.


Betreuung rund um die Uhr

Der spezielle Bereich für demenzkranke Bewohner wurde kurz nach der Wiedervereinigung eingerichtet. "Wir haben alle Modelle durchprobiert", sagt Heimleiterin Helga Brauer. "Nach unserer Erfahrung ist es das Beste, die demenzkranken Menschen getrennt von den übrigen Bewohnern unterzubringen." Auch andere Pflegeheime sind inzwischen zu dieser Praxis übergegangen. Schließlich benötigen Demenzkranke rund um die Uhr Aufsicht. Viele entwickeln durch die Krankheit einen Bewegungsdrang, so dass die Gefahr besteht, dass sie das Heim verlassen und sich dann verlaufen. "Außerdem müssen wir berücksichtigen, dass die übrigen Bewohner sich oft von Demenzkranken gestört fühlen", sagt Brauer. Wie etwa von Regina Kunze*. Eine Pflegerin hat die kleine Frau mit dem Bubikopf gerade erst auf ihrem Zimmer zum zweiten Mal eingekleidet und geduscht – es gab einen kleinen Unfall beim Toilettengang. Nun führt die Pflegekraft sie am Arm in den Gemeinschaftsraum, wo ihre Mitbewohner mit einer Hauswirtschafterin gerade Apfelkuchen backen. Als Frau Kunze den Pflegedienstleiter Dietrich sieht, bleibt sie stehen, zupft an seinem Ärmel und ruft mit einem Grinsen im Gesicht "dreimal, viermal, fünfmal!". Dietrich lacht. "Die Krankheit ist ein wenig wie ein Zurückfallen ins Kindesalter", sagt er sachlich. Dinge, wie gerade geschehen, seien allerdings noch harmlos. Manche Demenzkranken gehen in fremde Zimmer, legen sich in die Betten von Mitbewohnern, andere werden ausfallend – verbal wie körperlich. "Manchmal ist es Wahnsinn", sagt Dietrich. In Einzelfällen müsse man dann Zimmergenossen trennen. Besonders bei Ehepartnern, die sich nach Jahren des Zusammenlebens nicht mehr erkennen, ist das tragisch.


Antrengende, aber auch lohnende Arbeit

Trotzdem sei die Arbeit mit den Demenzkranken lohnend, sagt Altenpflegerin Christine Pohl. "Die Demenzpatienten sind oft sehr anhänglich und irgendwo ersetzen wir einigen von ihnen ja auch die Familie." Dass vielen Kollegen die Arbeit trotzdem zu anstrengend sei, dafür hat sie Verständnis. "Die psychische Belastung hier ist größer als im übrigen Haus", sagt sie. Ursache dafür seien nicht nur die Bewohner selbst. Auch die Angehörigen würden Demenz mit weniger Verständnis begegnen, als etwa einem Schlaganfall. "Viele Menschen denken, die Krankheit sei heilbar", sagt Pohl. "Oft ist es dann sehr schwierig, zu vermitteln, dass das nicht so ist." Die größte Herausforderung bei der Arbeit mit Demenzkranken sei jedoch, dass diese ihre Bedürfnisse nicht mehr artikulieren könnten. Nicht nur Namen und Gesichter, auch Hunger- und Durstgefühl verschwinden irgendwann fast ganz aus dem Bewusstsein, sagt Pflegerin Pohl. Besonders wichtig ist deshalb, sich mit der Biografie der Bewohner zu beschäftigen. Was ihnen früher Spaß gemacht habe, freue sie auch heute noch, glauben Pflegeexperten. Denn das Langzeitgedächtnis bleibt oft länger intakt als das Kurzzeitgedächtnis.


Singen und Wandern

Dass dem wirklich so ist, kann man wenig später im vierten Stock erleben. Ein gutes Dutzend Bewohner sitzt im Gemeinschaftsraum im Kreis. Menschen, die sich nicht mehr an die Namen ihrer Kinder erinnern können und vergessen haben, was es zum Frühstück gab, schmettern lauthals "Das Wandern ist des Müllers Lust". Sie singen ziemlich laut und sie singen ziemlich falsch – doch die Gruppe hat sichtlich Spaß: Allen voran ein etwas rundlicher Bewohner mit Brillengläsern dick wie Panzerglas und bunten Hosenträgern, der begeistert mit beiden Händen mitdirigiert. Auch draußen auf dem Flur kann man die Stimmen noch hören. Hans Leibnitz, der immer noch auf Wanderschaft durch die Flure ist, interessiert sich dafür jedoch nicht. Er will nicht singen, sagt er. Lieber betrachtet er die vier alten Fotografien von Berliner Bahnhöfen an den Wänden. "Innenstadtbereich", sagt er bedeutend und deutet auf ein Bild von der Haltestelle an der Friedrichstraße. Dann entschuldigt er sich. Er müsse weiter. Die Frage nach dem Wohin lässt er offen und verschwindet gemächlich hinter eine Biegung des Flures. Zwanzig Minuten später steht er wieder vor den Fotos, studiert sie intensiv wie zum ersten Mal. 

*Namen von der Redaktion geändert.



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