Report: Architektonisch durchdacht

In der Rüsternallee in Berlin-Westend ist ein Pflegeheim der neuesten Generation fertiggestellt worden

Seite_66_architektonishc_durchdacht_foto_promo.jpg
Foto: promo

Diesen Wunsch haben die allermeisten Menschen: in den eigenen vier Wänden alt zu werden und nicht ins Heim gehen zu müssen. 67 Prozent der Menschen in Deutschland, das ergab unlängst eine Befragung von über 50-Jährigendurchdas Meinungsforschungsinstitut TNSEmnid, würden den Lebensabend am liebsten ohne fremde Hilfe in der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus verbringen. Nur 15 Prozent nannten die Seniorenresidenz oder das Pflegeheim als bevorzugte Wohnform.

Doch die Realität ist eine andere. Zurzeit gibt es in Deutschland rund 800 000 stationäre Pflegeplätze und 2,25 Millionen pflegebedürftige Menschen. ImJahr2050könnten es einer Untersuchung von Deutsche Bank Research zufolge sogar über vier Millionen Pflegebedürftige sein. Da die Betreuung durch Familienangehörige als Folge gesellschaftlicher Veränderungen künftig einen geringeren Stellenwert einnehmen dürfte, rechnen manche Experten deshalb mit einer deutlichen Zunahme der Plätze in der stationären Pflege.

Allerdings werden die künftigen Heime wenig zu tun haben mit den Altenverwahranstaltenfrüherer Zeiten. Das zeigt ein Rundgang durch das Haus Rüsternallee in Berlin, das an Stelle eines nicht mehr zeitgemäßen Heims entstanden und am 2. September 2011 eingeweiht worden ist. “Wir wollten hier ein Gebäude schaffen, das sich abhebt von normalen Funktionsbauten, die allein dem Kostendiktat folgen”, sagt der Berliner Architekt Roman Lichtl, der das Pflegeheim im Auftrag des Theodor Wenzel Werks entworfen hat.

Schon äußerlich ist das Haus etwas Besonderes. Das Theodor Wenzel Werk, das in Berlin mehrere Krankenhäuser und Pflegeheime betreibt, führte einen Wettbewerb unter sechs Architekten durch. “Wir wollen architektonisch dokumentieren, was wir leisten”, begründet dies Geschäftsführer Ronald Wehner. Zudem ergebe sich der hohe Anspruch daraus, dass das neue Heim in der Rüsternallee und damit im gediegenen Wohnviertel Westend liege. Architekt Lichtl löste die Aufgabe, in dem er ein Gebäude in Ellipsenform entwarf, das sich in zwei- bis viergeschossiger Abstufung in die Umgebung einfügt. Neben ästhetischen hat diese Form auch funktionale Vorteile: “Dadurch ist das Gebäude lichtdurchflutet”, sagt Lichtl. Insbesondere sind auch die Flure natürlich belichtet – anders als bei einer traditionellen Aufteilung mit Zimmern links und rechts des Gangs. Einweiterer Vorteil: Durch die Ellipsenformentsteht ein Innenbereich, in dem sich auf unterschiedlichen Ebenen großzügige Terrassengärten mit einer Fläche von insgesamt tausend Quadratmetern erstrecken. Diese ermöglichen es den Bewohnern, sich im Freien aufzuhalten. Gleichzeitig wird verhindert, dass sie unbeaufsichtigt das Areal verlassen– ein wichtiger Aspekt, weil ein Großteil der Bewohner an Demenz erkrankt ist.

Denn Pflegeheime wie das an der Rüsternallee sind keine Anlagen des betreuten Wohnens, in denen rüstige Rentner sich mal eben kurz zwischen Kreuzfahrt und Gleitschirmkurs aufhalten. “Die Leute kommen sehr spät ins Heim”, sagt Heimleiterin Simone Steffen. Die Verweildauer werde immer kürzer – im Klartext: Die Bewohner sterben in vielen Fällen nach wenigen Monaten. Um ihnen diese letzten Monate so angenehm wie möglich zu machen, setzt die Einrichtung in der Rüsternallee auf das Hausgemeinschaftsmodell. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) bezeichnet dieses auch als vierte Generation des Altenheimbaus. Kennzeichnend dafür ist, dass das Heim nicht zentral versorgt wird, sondern sich am Alltagsleben orientiert. “Das ist ähnlich wie in einer Familie”, sagt Ronald Wehner. In der Rüsternallee gibt es auf jeder Ebene zwei Wohngruppen für jeweils etwa 15 Bewohner, die weitgehend autark funktionieren und beispielsweise eine eigene Küche haben.

Insgesamt verfügt die Einrichtung über 90 Betten in 60 Einbett- und 15 Zweibettzimmern. Aber geht die Tendenz nicht ausschließlich zu Einzelzimmern? "Wir bieten ganz bewusst auch Zweibettzimmer an", antwortet Bauherr und Betreiber Wehner. "Denn gerade bei Demenzkranken ist es sinnvoll, dass sie Kontakt zu anderen Menschen haben." Außerdem sei die zukünftige Entwicklung schwer vorherzusagen. Hier hat Architekt Lichtl vorgesorgt: Drei Einbettzimmer lassen sich ohne großen Aufwand so umgestalten, dass daraus zwei Zweibettzimmer werden.  Diese durchdachte und hochwertige Architektur hat allerdings ihren Preis: "Die Baukosten liegen ein Drittel über dem Standard für öffentlich geförderte Einrichtungen", sagt Ronald Wehner. Das bedeute jedoch nicht, dass als Bewohner nur Selbstzahler willkommen seien: "Wir nehmen auch Sozialhilfeempfänger auf."

Für den Geschäftsführer des Theodor Wenzel Werks zeigt sein neues Heim, “dass wirtschaftliche Notwendigkeiten nicht dazu führen müssen, auf Kreativität zu verzichten”. Und darüber hinaus habe die architektonische und funktionale Qualität einen weiteren Vorteil: Sie erleichtere es, gute Mitarbeiter zu finden – ein wichtiges Argument in einer Branche, die immer wieder über Personalmangel klagt.



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet