Reportage: Heimärzte vermeiden oft die Überweisung ins Krankenhaus

Manche Heime haben eigene Ärzte. Das zahlt sich für die Bewohner und die Krankenkassen aus. Unnötige Behandlungen im Krankenhaus können vermieden werden

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Erna Schmidtholz* klagt über heftige Bauchschmerzen. Die 86-jährige Bewohnerin des Wohnpflegezentrums Heimstatt Wilmersdorf hat das Mittagessen wohl etwas zu hastig hinuntergeschluckt und jetzt grummelt es in ihrem Magen. Wegen so einer Lappalie ins Krankenhaus? In vielen Pflegeheimen Berlins wäre das wahrscheinlich, vor allem, wenn ein ins Heim gerufener niedergelassener Arzt die Patientin zum ersten Mal zu Gesicht bekäme. “Die Auslöser für Bauchschmerzen sind schwierig zu diagnostizieren”, sagt der Internist und Heimarzt Hans-Jürgen Meyer. Da könnte alles Mögliche dahinterstecken, auch etwas Ernstes, eine Blinddarmentzündung womöglich. Um sicherzugehen, würden wohl viele Mediziner in diesem Falle die Option Krankenhaus wählen. Doch die für einen 86-jährigen schwer pflegebedürftigen Menschen belastende Verlegung in eine Klinik bleibt Frau Schmidtholz erspart. Die Heimstatt Wilmersdorf ist eines von 38 Berliner Pflegeheimen, die einen eigenen Mediziner haben, der nur für die Bewohner zuständig ist: Hans-Jürgen Meyer arbeitet seit 1985 in der Einrichtung. Der 55-Jährige mit dem schlanken vertrauenerweckenden Gesicht und der Nickelbrille kennt Erna Schmidtholz schon einige Zeit, sie wohnt seit zwei Jahren in der Pflegeeinrichtung. Der Heimarzt weiß, dass seine Patientin öfter mal von Bauchschmerzen geplagt wird. Er weiß aber auch, dass die Ursache harmlos ist und die Beschwerden mit einem Medikament gelindert werden können.


Das Berliner Modell gilt als Vorzeigeprojekt – Kliniküberweisungen der Heimbewohner werden seltener

Seit 1998 gibt es das Berliner Modell, dem derzeit 34 der insgesamt 290 vollstationäre Pflegeeinrichtungen der Stadt angeschlossen sind. In diesem bundesweiten Vorzeigeprojekt sind Mediziner direkt im Heim angestellt, oder aber sie sind als niedergelassene Kollegen vertraglich mit ihm verbunden. Und die Erfahrungen belegen, dass die Bewohner seltener in ein Krankenhaus überwiesen werden, weil rund um die Uhr eine medizinische Betreuung gewährleistet ist. Während die Pflegekassen in einem typischen Berliner Heim 2005 im Schnitt 78 Kliniküberweisungen pro 100 Bewohner registrierten, lag diese Quote in dem Projekt bei durchschnittlich 35. Hans-Jürgen Meyer hat im Vivantes-Pflegeheim Hauptstadtpflege Wilmersdorf rund 80 Bewohner zu versorgen. Meist besucht er sie in ihren Zimmern, die sich auf drei Etagen des 1931 als Altersheim der Jüdischen Gemeinde errichteten Gebäudes verteilen. Mindestens einmal wöchentlich sieht er sich jeden Bewohner an, fragt, ob alles in Ordnung ist. Diese Visiten könnten manchmal auch etwas länger dauern, sagt der Facharzt für Allgemeinmedizin. “Manche wollen einfach nur mal mit jemandem reden.” Dann hört er eben nur zu. Bis November 2009 musste Meyer zwölf der 80 Bewohner in ein Krankenhaus überweisen, noch weniger als die ohnehin schon niedrige Quote in den Vorjahren. Viele Probleme könne er eben auch selbst erledigen, sagt Meyer: etwa wenn es um Hals-Nasen-Ohren-Beschwerden gehe oder um kleinere ambulante Operationen. Und das ist durchaus auch im Interesse der Kranken. “Die Verlegung in die Klinik kann gerade für schwer Pflegebedürftige eine gesundheitliche Belastung sein. Wenn wir ihnen das ersparen können, umso besser.” Meyer und vier weitere Kollegen organisieren einen gemeinsamen Bereitschaftsdienst für insgesamt drei Vivantes-Pflegeheime – das heißt, rund um die Uhr steht ein Arzt zur Verfügung. Aber da man die Bewohner persönlich kenne und auch den Pflegekräften vertraue, bespreche er viele Behandlungsanweisungen am Telefon, sagt Meyer. Allerdings haben die vier Vivantes-Pflegeeinrichtungen, die bisher im Berliner Projekt integriert waren, dieses zum 1. Januar 2011 verlassen. Auch eine Umfrage der Senatssozialverwaltung unter allen Pflegeheimen, die 2007 veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Qualität der hausärztlichen Versorgung in den Einrichtungen des Berliner Projektes höher ist. In diesen Einrichtungen werden derzeit rund 3000 Menschen versorgt. 34 von 37 befragten Projektheimen antworteten, mit der hausärztlichen Betreuung zufrieden zu sein. Von den übrigen gut 230 Pflegeeinrichtungen, in denen zum Teil 30 und mehr verschiedene Hausärzte die Bewohner behandeln, sagten das nur 53 Prozent. Die Unzufriedenen beklagten etwa, dass sie zu lange auf den Besuch eines niedergelassenen Mediziners warten müssten, dass deren Untersuchungen zu oberflächlich erfolgten oder dass die verschriebenen Arzneien nicht bis zum nächsten Besuch des Doktors ausreichten. Im Durchschnitt leben 95 Bewohner in einer der vom Senat befragten Pflegeeinrichtungen – das bedeutet, dass rund 10 000 Menschen in einem Heim untergebracht sind, deren hausärztliche Versorgung nicht optimal ist.


Die Qualität der ärztlichen Betreuung steigt, die Kosten sinken

All das ist kein Wunder bei der Pauschale von nur wenigen Euros, die die Ärzte pro Heimbesuch extra abrechnen dürfen. Deshalb nehmen viele Mediziner keine neuen Kranken mehr auf, die in einem Heim leben, sondern betreuen gerade noch ihre langjährigen Patienten weiter, die dorthin umziehen mussten. Experten, wie der Berliner Notfallmediziner Michael de Ridder oder der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek schütteln den Kopf darüber, dass es Heimärzte nicht schon längst flächendeckend gibt. Und darüber hinaus rechnet sich das Projekt auch noch. In den vier Jahren seit Beginn des Projektes 2005 sparten die beteiligten Kassen rund 8,8 Millionen Euro ein. Dies waren die AOK Berlin, die Innungskrankenkasse Berlin-Brandenburg und die Bahn-Betriebskrankenkasse (BKK). Seit 2007 ist auch die Siemens-BKK dabei. Inzwischen wächst auch der Druck auf die nicht beteiligten Krankenversicherungen, sich einzubringen. Zwar behandeln die Heimärzte natürlich auch die Bewohner mit, die bei diesen Kassen versichert sind. Aber weil sie sich nicht an dem Projekt beteiligen, fallen die Behandlung und auch die Rezepte nicht unter die vereinbarte Projektpauschale. So muss auch Hans-Jürgen Meyer die Versorgung dieser Versicherten extra abrechnen. “Es gab schon Kassen, die aus Budgetgründen am Ende eines Quartals die Verschreibung von Windeln an Inkontinenzpatienten abgelehnt haben”, sagt er.


*Name geändert




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