Hintergrund: In einem Berliner Modellprojekt wird die Pflegequalität exakt gemessen

Stürze, Gewichtsverlust, Druckgeschwüre – im Berliner Projekt wird detailliert Buch geführt

Pflegeheime, die über einen festen Arzt verfügen, müssen ihre Bewohner seltener in ein Krankenhaus überweisen als andere Einrichtungen, da rund um die Uhr eine intensive medizinische Betreuung gegeben ist. Das zeigen die Erfahrungen mit dem sogenannten Berliner Projekt, an dem seit dem Jahr 1998 insgesamt 32 der rund 290 stationären Pflegeeinrichtungen der Stadt beteiligt sind. In diesem bundesweiten Vorreiterprojekt sind Mediziner direkt im Heim angestellt, oder aber sie sind als niedergelassene Ärzte vertraglich mit ihm verbunden. Während die Pflegekassen in einem typischen Berliner Heim pro Jahr im Schnitt knapp 80 Kliniküberweisungen pro 100 Bewohner registrierten, liegt diese Quote in dem Projekt bei durchschnittlich halb so vielen. Das Projekt wird jedoch nicht von allen Krankenkassen getragen, sondern derzeit nur von AOK Nordost (Berlin-Brandenburg-Mecklenburg-Vorpommern), der IKK Berlin-Brandenburg und der Bahn BKK. Seit 2007 ist auch die Siemens BKK mit dabei. Knapp zehn Prozent der insgesamt rund 28 000 Bewohner von Berliner Pflegeheimen werden in den Projekteinrichtungen betreut. Für den höheren Aufwand erhalten die beteiligten Vertragsärzte maximal 200 Euro pro Quartal und Patient zusätzlich. Dafür müssen diese Ärzte zum Beispiel mindestens einmal pro Woche in dem Heim für eine Visite anwesend sein, regelmäßige Fallbesprechungen durchführen und 24 Stunden am Tag eine Rufbereitschaft für die Heimpatienten sicherstellen. Neu sind in dem Berliner Projekt aber nicht nur die Heimärzte, sondern auch die regelmäßig Erhebung von Qualitätsdaten nach internationalem Standard: die so genannten Resident Assessment Instruments (RAI – siehe Interview). Diese werden von der Berliner Consulting-Firma Arbuma ausgewertet und unter anderem auch zu anonymisierten Ranglisten zusammengeführt. Ein namentlicher Qualitätsvergleich ist also nicht möglich. Hier zeigen wir Ihnen eine Auswahl der Ergebnisse aus dem 3. Quartal 2010:


Indikator Stürze:

Dabei wird der Anteil der Bewohner erfasst, die binnen 30 Tagen vor der Datenerhebung stürzten – ein durchaus häufiges Problem im Heim und wegen der dadurch drohenden Schäden, etwa einem Oberschenkelhalsbruch, für die Bewohner sehr gefährlich. Im besten Haus im Berliner Projekt gab es keinen Sturz, im schlechtesten waren knapp 17 Prozent der Bewohner gestürzt. Der Durchschnitt aller Heime lag bei 6,2 Prozent (2006 waren das noch 7 Prozent).


Indikator Gewichtsverlust:

Hierbei wird gezählt, wie viele Bewohner binnen 30 Tagen über fünf Prozent an Gewicht verloren oder mehr als zehn Prozent innerhalb von sechs Monaten. Mögliche Ursachen können Erkrankungen sein, aber eben auch Qualitätsmängel in der Pflege. Während es im bestplatzierten Heim keinen Bewohner betraf, war das im schlechtestplatzierten 39 Prozent der Pflegebedürftigen. Der Mittelwert für alle Einrichtungen lag bei rund 19 Prozent (2006: 20 Prozent). Die Werte schwanken stark: So hatte man im mit Null Fällen besten Heim 2006 im Vorjahreszeitraum noch rund 25 Prozent Bewohner registriert, die einen Gewichtsverlust erlitten hatten.


Indikator Dekubitus:

Mit dem Qualitätsindikator Dekubitus werden die Pflegebedürftigen erfasst, bei denen ein hohes Risiko für ein Druckgeschwür besteht (zum Beispiel, weil sie bettlägerig sind) und bei denen dann tatsächlich eines auftrat. In sechs Pflegeheimen betraf dies keinen Bewohner, im schlechtestplatzierten dagegen war rund jeder vierte Bewohner betroffen. Der Projektdurchschnitt betrug 13 Prozent. Auch hier sind zum Teil starke Veränderungen gegenüber 2005 festzustellen. So registrierte ein Heim 2006 keinen Fall, ein Jahr zuvor jedoch bei der Hälfte der in die Erfassung einbezogenen Bewohner.


Bundesweit sehen Experten in dem Berliner Projekt ein nachahmenswertes Modell, die Möglichkeit, Heimärzte anzustellen, wurde sogar in der Pflegereform von 2008 festgeschrieben. Doch auch 2010 waren immer noch nur 37 Berliner Pflegeheime dabei – obwohl sich weitere Einrichtungen dem Projekt anschließen wollen. Doch ein Streit zwischen Krankenkassen und Kassenärztevereinigung (KV) um die Arzthonorare blockierte bisher eine Ausweitung. Zum 1. Januar 2011 verließen nun auch die vier zum landeseigenen Klinikkonzern Vivantes gehörende Pflegeheime das Projekt, so das derzeit nur noch 33 Einrichtungen übrig sind. Diese langwierigen Verhandlungen konnten nun doch zum 1. Juli 2011 abgeschlossen werden. Das Berliner Projekt kann fortgeführt werden – aber weiterhin nur im Rahmen der bisherigen im Projekt noch verbliebenen 32 teilnehmenden Heime. Gleichzeitig haben die AOK und einige andere Pflegekassen das Projekt “care plus ins Leben gerufen, mit dem unter Umgehung der KV ähnliche Heimarzt-Verträge mit bisher 35 weiteren Berliner Pflegeheimen geschlossen wurden“)




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