Report: Gepflegte Armut

Die Betreuung älterer und kranker Menschen verschlingt immer riesigere Summen. Die Pflegekassen bezahlen davon jedoch nur einen kleinen Teil. Wer kein Vermögen hat und nur eine kleine Rente bezieht, wird im Pflegefall abhängig vom Staat.

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es fehlt ihr an nichts in dem Pflegeheim in Friedrichshain. Nachmittags bringt die Schwester ein Stück Kuchen mit Schlagsahne. Es gibt Turnstunden, Gedächtnistraining, Modenschauen und Ausflüge. Einmal im Monat schaut der Hausarzt vorbei. "Rundumversorgung" nennt sich das. Und doch sagt Marie Walther, 70 Jahre, gehbehindert: "Ich habe 40 Jahre lang gearbeitet und drei Kinder großgezogen. Für was bin ich so bestraft worden?"

 

Auch ein eigenes Haus plus Lebensversicherung schützt langfristig nicht vor dem Sozialamt

Das Angewiesensein auf Hilfe hat sich wie ein schwarzer Schleier auf ihre Seele gelegt. Frau Walther fühlt sich arm und ohnmächtig, auch wenn sie alles hat, was sie so braucht. Die Rente – rund 600 Euro – deckt weniger als ein Drittel der Pflege- und Betreuungskosten. Den Rest zahlt das Sozialamt. Für Frau Walther bleibt ein monatliches Taschengeld von etwas mehr als 90 Euro im Monat. Davon gehen Zuzahlungen für Medikamente ab, Friseur, Pediküre und Hygieneartikel. Dann ist das Geld fast schon alle. Die Betreuung älterer und kranker Menschen verschlingt immer riesigere Summen. Die Pflegekassen bezahlen davon nur einen Teil, der meistens unter 50 Prozent liegt – eine Teilkaskoversicherung, die das Armutsrisiko bestenfalls lindern kann. Wer kein Vermögen hat und nur eine kleine Rente bezieht, wird im Pflegefall abhängig vom Staat. Aber auch das eigene Häuschen plus Lebensversicherung schützt langfristig nicht vor dem Sozialamt. Nach einigen Jahren Intensivpflege im Heim sind Rücklagen aufgezehrt. Für die Betroffenen ist ein Schock, möglicherweise auch für die Angehörigen. Einem Ehegatten bleibt nur noch der Sozialhilfesatz von 359 Euro plus "Schonvermögen" von 2600 Euro fürs eigene Leben. Der Rest geht für die Pflegekosten des Partners drauf.

 

Nach Jahren der Selbstständigkeit plötzlich wieder abhängig

In dem Friedrichshainer Pflegeheim sind 60 Prozent der rund 200 Bewohner auf Sozialleistungen angewiesen. Das liege an den oft niedrigeren Renten im Ostteil und den geringeren Ersparnissen, sagt der Heimleiter. In der Hauptstadt brauchen insgesamt etwa 20 Prozent der Pflegebedürftigen unterstützende Leistungen vom Staat, das sind jährlich mehr als 23 000 Menschen. Umgerechnet gibt der Senat jährlich etwa 285 Millionen Euro für Pflegekosten aus. "Angesichts niedriger Löhne drohen immer mehr Menschen im Alter auf das Sozialamt angewiesen zu sein. Und Frauen sind davon besonders betroffen", sagt Sozialsenatorin Carola Blum (Linke). In der Regel hätten Frauen kleinere Renten. Fachleute empfehlen Angehörigen, es den Pflegebedürftigen gar nicht erst zu sagen, dass sie auf Sozialhilfe angewiesen sind. Denn nach Jahren der Selbstständigkeit könnten sich viele nicht leicht damit arrangieren, plötzlich abhängig zu sein, vom Heim, vom Staat, von den Angehörigen... Manchmal aber stellt sich diese Frage sowieso nicht – wenn die Pflegebedürftigen unter Demenz leiden und gar nicht wissen, wie es um ihre Finanzen steht. Die Verhandlungen mit dem Sozialamt übernehmen dann Angehörige oder Sozialarbeiter im Pflegeheim.

 

Gleichgestellt bei der Wahl des Pflegeheims - prinzipiell 

Bis das erste Geld dann fließt, könne es schon mal ein halbes Jahr dauern, so die Erfahrungen Berliner Heimleiter. Dann übernimmt erst mal das Heim selbst die anfallenden Kosten. In der Praxis werde zwischen Selbstzahlern und Leistungsempfängern kein Unterschied gemacht, betonen Heimleiter. Das gesamte Freizeitprogramm des Friedrichshainer Pflegeheimes ist in den Preisen eingerechnet, alle können teilnehmen. Aber mal was Besonderes zum Anziehen oder Restaurantbesuche können sich nur die leisten, die noch eigene Geldreserven haben. Auch der Wechsel in ein Einbettzimmer – das kostet einen Zuschlag – oder betreutes Wohnen kämen für Frau Walther nicht in Frage. "Das zahlt das Sozialamt nicht." Gleichgestellt sind "arme" und vermögende Pflegebedürftige aber bei der Wahl des Pflegeheims. Das Sozialamt zahlt auch teurere Häuser. "Es gibt ein uneingeschränktes Wahlrecht", heißt es in der zuständigen Senatsverwaltung, allerdings nur innerhalb Berlins. Aus Heimen selbst ist aber zu hören, dass die zuständigen Sozialämter schon mal die Frage nach der Angemessenheit stellen. Schwierig wird es, wenn im ehemaligen Wohnviertel die "günstigen" Heime keinen Platz anbieten. In der Regel möchten die älteren Menschen in ihrem Wohnumfeld bleiben. In Charlottenburg-Wilmersdorf beispielsweise gibt es aber besonders viele teure Heime.

 

Alternative ambulante Pflege

Die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Das ist billiger, aber für viele Betroffenen immer noch zu teuer. Das Sozialamt von Friedrichshain-Kreuzberg hat nach den aktuellsten vorliegenden Zahlen 2006 rund acht Millionen Euro für die Heimpflege ausgegeben, mit 18 Millionen Euro aber mehr als doppelt so viel für die ambulante Pflege. Auch hier zahlen die Kassen oft nur ein Drittel der tatsächlichen Kosten. Dennoch hat die ambulante Pflege einen wichtigen psychologischen Vorteil. Die eigene Rente wird erst ab einem Betrag von gut 700 Euro zur Finanzierung der Pflegekosten herangezogen. Die Miete wird zu diesem Freibetrag addiert. Liegt die Rente immer noch über diesem Betrag, wird die Differenz nur zu 80 Prozent angerechnet. So bleibt das erniedrigende Gefühl, der Fürsorge zur Last zu fallen, auch denen erspart, die tatsächlich Fürsorge brauchen. Die Zusammenarbeit mit dem Sozialamt wird von vielen Pflegediensten als gut bezeichnet. In Neukölln zum Beispiel kooperiere das Sozialamt eng mit den Pflegediensten, sagt Elisabeth Kronseder vom Pflegestützpunkt Neukölln. Zu Konflikten komme es selten. Mit Angehörigen, die selbst pflegen und dafür Geld von den Pflegekassen erhalten, gibt es schon eher Reibereien.

Name von der Redaktion geändert.



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