Interview zur Kostenkalkulation der Heimbetreiber: „Heime legen die Preise nicht allein fest“

Stephan Baumann ist Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe, eines der bundesweit großen privaten Trägerverbände. Hier erklärt er, wie sich die Kosten für einen Pflegeheimplatz zusammensetzen und wie die Zuzahlungen zustande kommen.

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Stephan Baumann ist Volkswirt, Heimbetreiber und Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe, einer der bundesweit großen privaten Trägerverbände.

In Berlin muss ein Pflegeheimbewohner für die Pflegestufe III  im Schnitt 1600 Euro pro Monat zuzahlen – nach Abzug der Leistungen der Pflegekasse. Warum ist ein Heimplatz so teuer?

Das ist gar nicht so teuer, wenn Sie bedenken, dass dies die Kosten bei der notwendigen Rund-um-die-Uhr-Betreuung eines Pflegebedürftigen sind. Für dieses Geld erhalten die Bewohner die Sicherheit, dass Tag und Nacht jemand für sie zur Verfügung steht. Dieser Betrag schließt die Pflege und Betreuung, das Essen und die Getränke sowie den Wohnraum und dessen Reinigung mit ein. Pflege ist nun mal die personalintensivste Dienstleistung, die es gibt. Vergleichen Sie es mit einem Hotel: Dort wird ohne Murren ein Übernachtungspreis in ähnlicher Höhe akzeptiert, bei dem gerade noch ein Nachtportier und das Frühstück mit drin ist.

Wie setzt sich der Preis für einen Pflegeheimplatz zusammen?

Das Zustandekommen ihrer Kosten machen die Pflegeeinrichtungen nach folgendem Muster transparent: Zum einen sind das die mit den Kostenträgern vereinbarten Vergütungen für die einzelnen Pflegeleistungen, die Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie die Investitionskosten. Diese Kosten hängen in der Höhe sehr davon ab, um was für eine Pflegeeinrichtung es sich handelt – reden wir von großen Häusern oder kleinen? Wie ist die Ausstattung? Hinzu kommen noch Zuschläge, etwa für die aufwendigere Versorgung von demenzkranken Bewohnern und auch für die Ausbildung von Pflegekräften. Die Vergütung für die Pflegeleistungen in Berlin liegt im Durchschnitt aller Pflegestufen bei täglich mindestens 62  Euro. Das Entgelt für Unterkunft und Verpflegung liegt im Durchschnitt zwischen 23 bis 26 Euro. Damit liegt die Stadt im Vergleich zu anderen Bundesländern etwa im Bundesdurchschnitt. Hinzu kommen die Investitionskosten, die im Wesentlichen die Finanzierung von Gebäude und Ausstattung, die Ersatzbeschaffung der Ausstattung sowie Instandhaltung bzw. Instandhaltungsrücklagen  ermöglichen.  In Berlin betragen diese über Vereinbarungen mit dem Sozialhilfeträger durchschnittlich rund elf Euro pro Tag.

Können die Heime die Preise nach Marktlage, Nachfrage und Wartelisten selbst festlegen?

Nein. Die Preise werden in Berlin zwischen den Pflegekassen, der Senatssozialverwaltung und dem Heim ausgehandelt. Bei diesen Verhandlungen muss die Pflegeeinrichtung alle wirtschaftlichen Informationen und Kennzahlen des Hauses auf den Tisch legen. Allerdings gelten in Berlin für rund drei Viertel der Heime Gruppenvereinbarungen und keine individuell ausgehandelten Ergebnisse. Dabei wird auch die Mitarbeiterzahl und deren Qualifikationen – die Quote von drei Jahren ausgebildeten Fachpflegekräften soll wenigstens 50 Prozent betragen - vereinbart und die Einhaltung der verhandelten und vereinbarten Ausstattung von den Pflegekassen und auch der Heimaufsicht kontinuierlich überprüft.

Die Pflegekassen zahlen von den durchschnittlich 3200 Euro pro Monat und Heimplatz in der Pflegestufe III gerade mal 1612 Euro. Warum reichen die Leistungen der Pflegeversicherung eigentlich nicht aus, einen Heimplatz vollständig zu bezahlen?

Die Pflegeversicherung war von Anfang an nur als eine Art Teilkaskoversicherung konzipiert. Laut Pflegeversicherungsgesetz sollten  die Kosten für die Pflege finanziert werden. Die Finanzierung der üblichen Lebenshaltungskosten sollte bei den Pflegebedürftigen verbleiben. Dies ist aus einer gesamtgesellschaftlich finanzierten Sozialversicherung auch richtig. Allerdings haben die kontinuierlich steigenden Kosten dazu geführt, dass der Pflegebedürftige bzw. die Sozialhilfe auch immer mehr Pflegekosten finanzieren mussten. Dies wurde erst in den letzten Jahren durch Erhöhungen der Zuzahlung der Pflegeversicherung abgemildert.

Immer wieder ist von Personalmangel in den Pflegeeinrichtungen die Rede. Reicht das an das Heim gezahlte Geld nicht aus, um ausreichend Personal einzustellen?

Das ist nicht nur eine  Frage des Geldes, sondern zunehmend eine Frage der tatsächlichen Verfügbarkeit von Personal. Die Pflege hat es mit einem eklatanten Personalmangel zu tun. Zusätzlich zu den heute rund 870 000 in der Pflege Arbeitenden brauchen wir im Jahr 2030 rund 370 000 Kräfte mehr – das sind 42 Prozent. Hinzu kommt, dass die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen weiterhin stark zunehmen wird. Die Herausforderung ist also, den Pflegeberuf insgesamt attraktiver zu machen, denn er steht auch im Wettbewerb zu anderen Berufsbildern. Die Rahmenbedingungen der Pflege spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Was kann man und was können speziell die Heime tun, um diesen Mangel zu beheben?

Wir müssen konstatieren, dass der Pflegeberuf vor allem von Frauen ausgeübt wird. Und es ist erwiesen, dass in keinem anderen Beruf die durchschnittliche Verweildauer im Beruf derart gering ist. Unsere Gesellschaft muss es schaffen, für die Pflege eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicher zu stellen. Dann können nicht nur neue Mitarbeiter für die Pflege gewonnen werden, sondern auch ein enormes Potenzial an Rückkehrern in den Beruf. Als Arbeitgeber sind da natürlich alle Heimbetreiber gefordert, für Arbeitnehmer ein attraktives Gesamtpaket zu schnüren. Dies reicht von Teilzeitmodellen über Rückkehrerprogramme bis hin zur Gesundheitsvorsorge.

Die Zuzahlungen zu einem Heimplatz in der Hauptstadt schwanken enorm: Sie reichen von wenigen Euro bis zu mehr als 100 Euro pro Tag in der Pflegestufe III. Wieso ist die Spannbreite so groß?

Der Preis eines Pflegeheims ist immer ein Spiegel der Kosten, die für den Betrieb entstehen und deshalb sozusagen immer ein Unikat. Die Schwankungen der Zuzahlung begründen sich also einerseits aus der Tatsache unterschiedlich hoher Kosten und zum anderen daraus, dass die Pflegeversicherung immer nur eine in der Höhe feststehende Zuzahlung anhand der Pflegestufe leistet.

Früher galt: Die Heime, die ihre Bewohner wieder auf die Beine bringen, so dass sie weniger Hilfe benötigen, erhalten dann auch weniger Geld von den Pflegekassen – werden also quasi für eine erfolgreiche Rehabilitation bestraft. Kein Wunder, dass so wenige in eine Rehabilitation investierten. Hat das seit 2008 geltende neue Pflegestufenmodell daran etwas geändert?

Pflegeheime sind keine Reha-Kliniken. Generell gilt der gesetzliche Grundsatz “Rehabilitation vor Pflege”. Gerade im Bereich der geriatrischen Rehabilitation wird zu wenig getan. Dies liegt aber am fehlenden Engagement der Krankenkassen und ist nicht originäre Aufgabe eines Pflegeheims. Pflegeheime investieren in aktivierende Pflege und werden dafür seit der letzten Pflegereform auch belohnt. Einrichtungen, denen es durch aktivierende Pflege gelingt, Pflegebedürftige so weit wieder herzustellen, dass sie einer niedrigeren Pflegestufe zugeordnet werden können, erhalten einen einmaligen Anerkennungsbetrag in Höhe von 1597 Euro.

Lohnt es sich denn angesichts der von Ihnen genannten Probleme, privat ein Pflegeheim zu betreiben?

Professionelle Pflege muss sich lohnen und das darf auch kein moralischer Makel sein. Denn wirtschaftliche Stabilität bringt auch Versorgungsstabilität.  Fakt ist: Die privaten Pflegeheime stellen mittlerweile die Mehrheit am Markt und tragen somit in Zeiten des demografischen Wandels gesellschaftliche Verantwortung. Privaten Betreibern ist es in den letzten Jahren gelungen, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu vereinbaren. Sie spielen deshalb zu Recht eine immer bedeutendere Rolle in der Pflegelandschaft.

Noch einmal zurück zu den Heimpreisen: Bedeutet teuer denn auch, dass das Haus gut ist?

Der Preis eines Pflegeheims sagt wenig über die Qualität der Pflege aus. Er spiegelt vielmehr eine eventuell vorhandene Spezialisierung, bauliche Standards oder räumliche Gegebenheiten, wie die Größe der Zimmer wider. Diese Infrastruktur einer Einrichtung ist für den einen Bewohner wichtig, für den anderen weniger. Für den hilfebedürftigen Menschen und seine Angehörigen zählt letztlich, ob der zu zahlende Preis mit den Vorstellungen der Pflege und Betreuung übereinstimmt.

Seit 2009 vergibt der Medizinische Dienst der Krankenkassen, der die Heime prüft, Noten für das Prüfergebnis. Diese müssen auch veröffentlicht werden. Erspart eine gute Note den Besuch des Heime, um das beste auszuwählen?

Generell gilt: Der persönliche Eindruck ist ausschlaggebend. Deshalb sollte man sich von den Einrichtungen, die man in die engere Wahl gezogen hat, einen persönlichen Eindruck machen: Möglichst mehrfach ansehen, Augen aufmachen, die Sinne einschalten und vor allem viele Fragen stellen. Dies kann weitaus mehr verraten als die Note des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, die im Auftrag der Pflegekassen die Heime prüft.


Der Volkswirt und Heimbetreiber Stephan Baumann ist Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe, eines der großen privaten Trägerverbände.



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