Ratgeber: Das geeignete Heim

Wer schon mal eine neue Wohnung gesucht hat, der weiß, wie langwierig das sein kann. Aber immerhin kann man sich dabei Wochen oder Monate Zeit lassen. Ganz anders ist es, wenn es um einen Pflegeheimplatz geht. Denn die Pflegebedürftigkeit kommt in der Regel plötzlich – etwa nach einem schweren Sturz oder einer schweren Krankheit. Und dann muss binnen weniger Tage ein Heimplatz her. Viele Fragen stürzen dann auf die Angehörigen ein. Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Fragen und Antworten, die am Anfang der Suche nach einem passenden Heim stehen sollten – und wie Ihnen der “Pflegeheimführer Berlin und Brandenburg” bei den Antworten helfen kann.

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Bevor man sich entscheidet, sollte man das ausgewählte Pflegeheim besuchen, Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Kieznähe

Als ersten Schritt sollte man eine Vorauswahl von Heimen treffen, die man genauer unter die Lupe nehmen möchte. Die meisten Menschen gehen dabei nach lokalen Gesichtspunkten vor. Sie möchten auch nach dem Umzug in der Nähe zum eigenen Kiez bleiben, um die sozialen Kontakte nicht zu verlieren, oder aber die Nachbarschaft zu Verwandten, um Besuche zu erleichtern. Deshalb bieten die Tabellen im Pflegeheimführer die Übersicht nach den kleineren 26 alten Bezirken geordnet, bevor diese zu den größeren jetzigen Bezirken zusammengelegt wurden.

Platzzahl, Zimmerausstattung und Service

Ob man sich in einem größeren oder eher familiären kleineren Haus wohlfühlt, das ist Geschmackssache. Fragen Sie den Pflegebedürftigen danach, was er oder sie sich wünscht. Die Platzzahl, die Sie in den Vergleichstabellen finden, geben bereits einen guten Überblick über die Größe des Heimes. Die Spanne reicht dabei von weniger als 20 Plätzen bis hin zu weit über 500. Und selbstverständlich sagt der Anteil der Einbettzimmer etwas aus über die Chancen, für sich selbst ein Einzelzimmer zu erhalten. Denn auch, wenn manche Einrichtungen behaupten, Zwei- oder Mehr-Bettzimmer seien gut, um der Einsamkeit im Alter entgegenzuwirken, so ist es doch leicht verständlich, dass man als gestandener Erwachsener Wert auf eine gewisse Privatsphäre legt. Die Zeiten, in denen man sich in einer WG wohlfühlte, sind für die meisten Menschen jenseits der 80 lange vorbei. Anders ist das selbstverständlich für Ehepaare.

Gibt es Haustiere oder Möbelstücke, von denen sich der Betroffene vor dem Umzug ins Heim nicht trennen mag? Achten Sie darauf, ob die Einrichtung es erlaubt, Haustiere oder Möbel mitzubringen.

Und nutzen Sie die Möglichkeit, probeweise in einem Heim der engeren Wahl zu übernachten, falls dieses doch etwas anstrengendere Prozedere für den Pflegebedürftigen in Frage kommt. Wenn man sich für zwei oder drei Einrichtungen entschieden hat, kann das probeweise Dableiben den letzten Zweifel ausräumen – oder eben bestärken. Denn das, was nachts im Heim geschieht, etwa die Geräuschkulisse oder die Anzahl der auf den Stationen nachts tatsächlich tätigen Pflegekräfte, sagt viel aus über die Qualität.

Spezialisierungen

Manchmal aber ist die Kieznähe des Heimes das weniger wichtige Kriterium. Besonders dann, wenn ein sehr speziell ausgestattetes Haus gebraucht wird, von denen es nur wenige gibt, zum Beispiel zur Versorgung von Demenzerkrankten, Beatmungspflichtigen oder Wachkomapatienten. In den Tabellen des Pflegeheimvergleichs finden Sie unter der Rubrik Spezialisierung die entsprechenden Angaben.

Qualitätsprüfungen

Seit 2009 müssen die Pflegeheime die Ergebnisse der Qualitätsprüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen (MDK) in Form von Schulnoten veröffentlichen. Doch das System ist umstritten, weil die im „Zeugnis” stehenden fünf Teilnoten nur den Durchschnitt von fast 80 sehr unterschiedlich aussagekräftigen Kriterien abbilden. So kann man ein „mangelhaft” in der Nahrungsversorgung mit einem „sehr gut” für gedruckte Essenspläne schon in ein “befriedigend” insgesamt korrigieren. Schauen Sie sich also die Qualitätszeugnisse genau an, inklusive aller Einzelkriterien. Seit 2014 gelten leicht überarbeitete Regeln für die Prüfungen. Auf der zweiten Seite des Prüfberichtes werden seitdem die Ergebnisse für 20 Kriterien fettgedruckt präsentiert, die als besonders aussagefähig für die Pflegequalität gelten, wie zum Beispiel die Vorsorge gegen Stürze und gegen eine unzureichende Ernährung.

Neben den MDK-Berichten bieten auch die Prüfungen der Heimaufsicht wichtige Anhaltspunkte, etwa wenn es um die Ausstattung des Heimes mit Fachpersonal geht. In Berlin werden seit Mitte 2012 – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – die Berichte dieser Kontrollbehörde im Internet veröffentlicht.

Kosten

Selbstverständlich spielt es auch eine Rolle, welches Budget zur Verfügung steht. Denn trotz der Leistungen der Pflegeversicherung bleibt in Pflegeheimen noch ein erheblicher Eigenanteil, den die Bewohner aufbringen müssen – und wenn sie dies nicht können, müssen die Angehörigen oder, wenn auch von dort keine Unterstützung möglich ist, die Sozialhilfe einspringen. Im Schnitt kostet ein Pflegeheimplatz der Pflegestufen III in Berlin insgesamt um die 3000 Euro im Monat. Im Einzelfall kann der tatsächliche Preis erheblich höher sein. Je nach Ausstattung verlangen Heime auch schon mal 4000 Euro und mehr im Monat. Die Pflegekasse zahlt für dieses Rechenbeispiel der Pflegestufe III nur 1612 Euro. Die so erforderliche durchschnittliche Zuzahlung von knapp 1400 Euro kann also leicht auf 2400 Euro im Monat steigen. Die Vergleichstabellen des Pflegeheimführers zeigen zur Orientierung jeweils die monatlichen Zuzahlungen für alle Pflegestufen – ohne Einzelzimmerzuschlag.

Achtung! Die Rechnung „teuer gleich gut“ geht übrigens in der Pflege nicht auf, sagen Fachleute. Die Qualitätsunterschiede in den Pflegeheimen sind zum Teil erheblich – unabhängig vom Preis, der verlangt wird.

Architektur

Viel hänge beim ersten Eindruck im Heim vom persönlichen Geschmack ab: “Manch einer bevorzugt ein architektonisch modernes Haus, andere wollen es altmodisch gediegen und gemütlich”, sagt Martina Wilcke-Kros vom MDK Berlin-Brandenburg.

Hausbesuch

An einem Besuch in den ausgewählten Pflegeheimen führe also trotz aller Vorbereitungen kein Weg vorbei, sagt Wilcke-Kros. „Vor der Entscheidung sollte auch die sinnliche Erfahrung vor Ort stehen.” Das gelte etwa für den Geruch. Riecht es längere Zeit nach Urin – kurzzeitige Gerüche lassen sich nicht vermeiden, etwa wenn gerade Inkontinenzeinlagen oder auch Windeln gewechselt werden –, kann das ein Hinweis auf Qualitätsmängel sein. Möglicherweise müssen dann nämlich die Bewohner die Inkontinenzhilfen zu lange am Körper tragen oder die Toiletten werden nicht ausreichend gereinigt.

Beratung

Haben Sie keine Hemmung, im Heim eine ausführliche Beratung zu fordern. Dies wird man in der Regel auch nicht verweigern – wenn doch, ist auch das ein Qualitätskriterium. Noch besser sei es, wenn das Heim eine Referenzperson für Auskünfte benenne, die kein eigenes Interesse daran habe, einen Platz zu belegen, sagt Wilcke-Kros – entweder einen Bewohner oder einen ehrenamtlichen Mitarbeiter.



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