Erfahrungsbericht: Der letzte Umzug

Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Über die Schwierigkeit, ein gutes Pflegeheim für die Mutter zu finden, das auch noch bezahlbar ist. Ein persönlicher Erfahrungsbericht

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Das Angebot von diversen Aktivitäten zusammen mit anderen Bewohnern ist ein wichtiges Auswahlkriterium, Foto: Kitty Kleist Heinrich

Am Ende ging es nicht mehr. Es war immer ihr Wunsch gewesen, zu Hause zu sterben. Solche Dinge lassen sich jedoch kaum planen. Alle drei Kinder hat es in unterschiedliche Ecken Deutschlands verschlagen. Von uns war niemand in der Lage, sie direkt in ihrem Haus zu pflegen. Im Spätsommer 2011 war der Zeitpunkt dann gekommen, an dem es soweit war. Meine Mutter war gestürzt, glücklicherweise zwar ohne ernsthafte Verletzungen. Doch während der Kurzzeitpflege nach dem Krankenhausaufenthalt zeichnete sich ab, dass sie nicht mehr ohne Rollstuhl auskommen würde. Das war aber in ihrem Haus, ein typisches kleines Eigenheim aus den späten 1950er Jahren, nicht machbar. Eine Entscheidung, die ich schon lange fürchtete. Glücklicherweise sah meine Mutter, sie litt schon seit einigen Jahren an fortschreitender Alzheimer- Krankheit, die Notwendigkeit des Umzugs auch ein.
Ich hatte ihr das Versprechen gegeben, dass sie solange wie möglich zu Hause bleiben könnte. Gut zwölf Jahre habe ich mich um ihre Angelegenheiten gekümmert, war nach einem Schlaganfall seit 2009 ihr gesetzlicher Betreuer. Unsere gemeinsame Entscheidung, ihr ein Leben zu Hause zu ermöglichen, musste ich oft verteidigen. Verwandte und Bekannte redeten schon Jahre zuvor auf mich ein, dass sie doch in ein Heim müsse. Aber dank mobiler Pflegedienste konnte sie zu Hause bleiben. Sie dankte es mir oft und intensiv. Meine Mutter war in den Jahren zuvor des Öfteren nach Krankenhausaufenthalten zur Kurzzeitpflege in verschiedenen Heimen wieder auf die Beine gebracht worden. Aber gerne war sie in keinem der Häuser gewesen. Auch wenn durchaus schöne Einrichtungen dabei waren. Und ich hatte auch die eklatanten Unterschiede zwischen Pflegeheimen kennengelernt.
Das in ihrem Heimatort ansässige Heim schied daher aus. Eine reine Unterbringung, ohne dass sich jemand weiter mit den Bewohnern beschäftigt hätte. Meine Mutter weigerte sich bei ihrem einzigen Aufenthalt dort, in dem für sie vorgesehenen Bett zu schlafen, und verbrachte die gesamte Zeit in einem Sessel daneben. Ich war weniger über diesen Fakt erschüttert, als viel mehr über die Tatsache, dass das Heim mich nicht mal darüber informierte. Dass meine Mutter dort nicht bleiben wollte, konnte ich gut verstehen. Eine solche Pflegeeinrichtung ist kein Ort, an dem man seine letzten Tage verbringen möchte. Die Vereinsamung ist vorprogrammiert…

Thema Geld beherrscht die Pflegebranche in jeder Hinsicht

Das erste Heim, in das meine Mutter zur Kurzzeitpflege nach ihrem Sturz kam, war ein schönes Haus im Nachbarort. Die Gespräche mit der Pflegedienstleiterin waren sehr vielversprechend. Und tatsächlich waren dort die Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, für die Bewohner recht umfangreich. Meine Mutter würde hier also nicht unbeachtet bleiben und ohne Beschäftigung vor sich hin warten müssen. Und so wurde aus der Kurzzeitpflege ein dauerhafter Aufenthalt.
Nun ist das Thema Geld eines, das die Pflegebranche in jeder Hinsicht beherrscht. Nur spricht man nicht gerne darüber. Das gilt vor allem für die Angehörigen, für die das Thema heikel ist. Allzu schnell steht der Verdacht im Raum, eine billige Lösung zu suchen, möglicherweise gar das Erbe für sich selbst aufsparen zu wollen. Genau damit spielen wiederum die Verwaltungen der Pflegeeinrichtungen, die wahrscheinlich aus diesem Grund ebenfalls eher verhalten über die Kosten sprechen. Es ist eine Art perfider Druck, für den die meisten anständigen Angehörigen empfänglich sind.
Die Kosten für das schöne Heim meiner Mutter wuchsen von Monat zu Monat. Da wurde plötzlich eine Inkontinenzpauschale fällig, dort ein erhöhter Beitrag für die Demenzverpflegung und schließlich eine satte Erhöhung der Investitionspauschale, also der Umlage für Modernisierungen . Meine Mutter war durch eine Beamtenpension und zwei kleine Zusatzrenten eigentlich finanziell nicht schlecht gestellt. Doch schon bald wurde deutlich, dass die reinen monatlichen Heimkosten davon nicht zu tragen waren. Die Kosten waren mittlerweile auf gut 3300 Euro monatlich gestiegen. Von der Kasse gibt es aber nur den festen Satz von 1279 Euro. Dazu kam noch der Eigenanteil für Medikamente oder Arztkosten. Bei anderen springt in solchen Fällen die Sozialbehörde. Meine Mutter wollte aber unbedingt ihr Haus behalten. Und in solchen Fällen gibt es keine Unterstützung. Das Ersparte schmolz von Monat zu Monat. Es wurde Zeit für eine Krisensitzung mit meinen Geschwistern.
Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Diese Weisheit ist so banal, wie sie wahr ist. Meine Mutter hatte sich in dem Heim eingelebt, entgegen aller Befürchtungen. Aber die Kosten stiegen immer weiter. Unsere Krisensitzung ergab, dass wir ein anderes Heim suchen würden, das langfristig finanzierbar sei. Nur schweren Herzens trafen wir diese Entscheidung, denn wie sollten wir ihr die Tatsache, dass ihr Platz hier schlicht nicht zu bezahlen ist, nur beibringen?
Im Verlauf der Jahre hatte ich so einige schwere Gespräche mit meiner Mutter zu führen. Aber als ich ihr den Wechsel des Heimes erklären musste, war ich selbst den Tränen nahe. Sie wurde sehr traurig, als ich ihr erklärte, dass wir ein anderes Heim suchen müssten. Sie vertraute mir, aber es war für sie nur schwer zu verstehen. Mein Verstand und mein Kopf sagten mir, dass es die richtige Entscheidung war. Sie akzeptierte auch den Weg, den wir gehen mussten, schweren Herzens. Ich fühlte mich unglaublich schlecht, geradezu schäbig. Eine Wahl hatten wir, ich und meine Geschwister, dabei zwar nicht. Nach dem Gespräch saß ich im Auto, mir war zum Heulen zumute. Im gesamten Zeitraum, in dem ich mich um sie gekümmert habe, war dies wohl der schwerste Moment.

Es gibt oft lange Wartelisten

Die Suche nach einer geeigneten Einrichtung gestaltete sich schwierig. Durch ihre Aufenthalte zuvor kannte ich schon die meisten Häuser in der Umgebung. In der Zwischenzeit waren aber noch einige neue hinzugekommen, wie ich den Anzeigenblättchen und dem Branchenverzeichnis entnehmen konnte. Pflegeheime sind, vor allem im ländlichen Bereich, eine Boombranche. Während sich die kleinen Dörfer entvölkern, sprießen überall neue Heime aus dem Boden. Zumindest für die Betreiber ist das Geschäft offenbar ausgesprochen lukrativ, für das Personal eher weniger. Die Bezahlung ist sehr mäßig, die Arbeit aber belastend für Körper und Psyche.
In vielen Einrichtungen gibt es lange Wartelisten. Diese Erfahrung hatte ich bereits damals machen müssen, als es richtig schwierig wurde, einen Platz für eine Kurzzeitpflege zu bekommen. Durch die Neubauten war diese Situation in der Gegend aber relativ entspannt und es war in allen in Frage kommenden Heimen auch tatsächlich ein Platz frei.
Der erste Besuch führte mich in ein etabliertes Haus in einer Kleinstadt. Das ganze Gebäude war eingerüstet und wurde gerade saniert. Das Haus war schön gelegen, in einer kleinen Fußgängerzone. Zufällig traf ich direkt den Geschäftsführer, der mich durch eine Station des Heimes führte. Viele Doppel-, wenige Einzelzimmer, ein Stationszimmer, aber nur ein winziger Gemeinschaftsraum, der bei meinem Besuch völlig leer war. Die Bewohner saßen alleine in ihren Räumen, größtenteils schauten sie fern. Einige starrten auch nur aus dem Fenster. Nur eine Pflegekraft war anzutreffen.
“Aufbewahrung”, dieser Gedanke schoss mir schnell in den Kopf, fast die gleichen Umstände also wie in dem Heim, in dem sich meine Mutter nicht einmal ins Bett legen wollte. Wortreich trug mir der Geschäftsführer die Vorzüge seines Hauses vor und was sich noch alles verbessern würde, wenn der gerade laufende Umbau erst mal abgeschlossen sei. Ich kann nicht umhin zu sagen, dass mir der Geschäftsführer nicht sonderlich sympathisch war. Das Haus jedenfalls kam auf keinen Fall in Frage, auch wenn die Kosten deutlich niedriger lagen als beim derzeitigen Heim.
Der zweite Besuch brachte mich in die naheliegende Kreisstadt. Eine geradezu riesige Residenz mit fünf Stockwerken, die Lobby geschmackvoll eingerichtet und die Lage zentral. Eine Dame aus der Verwaltung zeigte mir die hauseigene Küche, die Wäscherei und eine Station im vierten Stock. Der Zugang funktionierte nur mit Karte oder nach Klingeln und direkt am einzigen Ausgang lag das Stationszimmer, in dem die Pflegekräfte den Zugang überwachen konnten. Die Station vermittelte irgendwie nicht den Eindruck, dass die Bewohner hier ihre Wege frei wählen konnten. Auch wenn das für meine Mutter nicht relevant war, weil sie ohnehin an den Pflegerollstuhl gebunden war, erschien mir die Freizügigkeit eines Heims ein wichtiges Kriterium zu sein.
Auch das Haus kam also letztlich nicht Frage. Zwar lagen die Kosten im Bereich des Machbaren, aber mein Bauchgefühl war irgendwie dagegen. Allerdings wurde nun langsam die Auswahl knapp, denn ich wollte meine Mutter in der Nähe ihres Heimatortes unterbringen. Hier konnten sie Verwandte und Bekannte besuchen. Es gab zwei, drei weitere Häuser in der Umgebung, die allesamt indiskutabel waren. Entweder gab es zu wenig Beschäftigung oder manchmal einfach ein schlechtes Bauchgefühl. Wegen der Kosten schied letzten Endes keines der Häuser aus, andere Kriterien hatten Priorität.
Kurz darauf bekam ich den Hinweis auf eine Einrichtung, die gerade neu eröffnet hatte. Ich vereinbarte gleich für den nächsten Tag einen Termin. Das Haus war schön gelegen, direkt an einem weitläufigen Park und modern eingerichtet. Eine offenes Foyer, keine Zugangsbarrieren und sehr schöne Einzelzimmer. Vor allem aber überzeugte mich das Programm für die Bewohner. Jeden Vormittag und jeden Nachmittag gab es ein Angebot verschiedener Betätigungen für die Bewohner.
Die Kosten lagen unterhalb des derzeitigen Heimes, aber immer noch über dem von uns gesetzten Rahmen. Letztendlich stellten wir dieses Argument hintenan. Denn das Wichtigste ist, meiner Mutter die letzten Jahre so angenehm wie möglich zu gestalten. Das war die Quintessenz dieser Suche, die gut fünf Monate gedauert hatte. Ein günstiges Pflegeheim ist eben auch kein gutes. Das Alter mit all seinen Beschwerden ist schon schwer genug. Da sollte wenigstens die Umgebung, soweit in einem Heim möglich, ihr noch etwas Freude bereiten.
Leider waren meiner Mutter nur sechs weitere Monate in ihrem neuen Zuhause vergönnt, bevor sie schließlich verstarb. Bis heute beschäftigen mich viele Fragen aus dieser Zeit. Zumindest hat sie mir in ihren letzten Tagen mehrmals Dank und Zuneigung signalisiert. Sprechen konnte sie da schon kaum mehr. Mir bleibt nur zu hoffen, dass die Entscheidung richtig war.




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