Reportage: Aufgefangen

Chronische Erkrankungen oder schwere Unfälle können alte Menschen schnell in die Pflegebedürftigkeit katapultieren. Die Geriatrische Reha soll den Menschen befähigen, sein Leben wieder allein meistern zu können

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es war nur ein kleiner Schritt für Johanna Welke*, trotzdem veränderte er ihr Leben. Am Sonnabendvormittag war sie auf dem Rückweg vom Einkaufen in Britz, als sie an einer Haltestelle beim Einsteigen in den Bus das Gleichgewicht verlor. Sie stürzte. Erst aufs Knie, dann zur Seite. Das Hüftgelenk hielt dem nicht stand – es brach.

Passanten kümmerten sich um sie, bis der Notarzt kam und sie ins Vivantes Klinikum Neukölln brachte. “Viel habe ich von dem ganzen Zirkus gar nicht mitbekommen”, sagt sie heute. “Ich war ja noch ganz im Dschumm.”


Das Ziel: Das Leben wieder alleine meistern zu können


Jetzt, etwas länger als zwei Wochen nach dem Unfall, sitzt die 78-Jährige mit den kurzen Haaren, den hellen Jeans und dem bunten Pulli in einem Untersuchungszimmer im AWO Ida-Wolff-Geriatriezentrum in Neukölln.

Eine Woche nach der Operation, bei der der Knochen wieder repariert wurde, ist sie hier eingezogen. Den Eingriff hat sie gut überstanden. Inzwischen braucht sie als Gehhilfe nur noch einen Stock. “Beim Treppensteigen muss ich allerdings noch die Zähne zusammenbeißen”, sagt sie. Insgesamt eine Wochen wird sie voraussichtlich noch in dem Zentrum verbringen, dann darf sie wieder in ihr Zuhause, das sie seit dem Unfall nicht mehr gesehen hat.

“Die Patienten nach Hause zu entlassen, ist immer das Ziel der Geriatrie”, sagt Herrmann Tölle, Oberarzt am Ida-Wolff-Zentrum, der kürzlich in den Ruhestand wechselte, aber noch regelmäßig in dem Krankenhaus tätig ist. Das Ida-Wolff-Zentrum ist gleichzeitig Klinik und Pflegewohnheim. “Wir wollen die Menschen, die zu uns kommen, in die Lage versetzen, ihr Leben wieder alleine meistern zu können.” Die Zahl der Patienten, die wieder für zu Hause alltagsfit gemacht werden, liege seit rund 20 Jahren konstant bei etwa zwei Dritteln.


Gleiche Krankheit, unterschiedliche Symptome


Die Geriatrie ist der Bereich der Medizin, der sich mit den chronischen Krankheiten und den sich daraus ergebenen Behinderungen von alten Menschen beschäftigt. Anders als beispielsweise die Gastroenterologie, also die Innere Medizin im Magen-Darm-Bereich, oder die Kardiologie ist sie jedoch eine fächerübergreifende Disziplin. “Das liegt daran, dass alte Menschen häufig multimorbid sind – also mehr als eine Krankheit gleichzeitig haben”, erklärt Tölle. Auch Johanna Welke leidet nicht nur an ihrer kaputten Hüfte, sondern zusätzlich auch noch an Gelenkverschleiß, hohem Blutdruck und psychischer Instabilität.

In der Klinik werden die Geriater bei ihrer Arbeit mit Krankheiten konfrontiert, die auch jüngere Menschen treffen können. Trotzdem gibt es Unterschiede. “Die gleichen Erkrankungen haben bei alten Menschen mitunter ganz andere Symptome als bei jüngeren”, sagt Herrmann Tölle, während er zu einem Rundgang durch das Geriatrie-Zentrum startet. Er meint damit von außen erkennbare Ausprägungen von Krankheitsbildern. Bei einem jungen Menschen äußert sich zum Beispiel eine Lungenentzündung in der Regel durch Fieber und Atemnot. Ein alter Mensch zeigt diese Symptome mitunter gar nicht, sondern hört stattdessen auf zu essen oder zu trinken.


Entscheidend: Das Alter des Körpers und ob die Selbständigkeit bedroht ist


Ob jemand ein Geriatriepatient ist oder nicht, darüber entscheidet das Geburtsdatum. Jedoch nicht das Alter, das im Pass steht, sondern das des Körpers. “Je älter die Menschen werden, desto größer kann da die Abweichung sein”, sagt Hermann Tölle. “Jemand, der 80 Jahre alt ist, kann, je nachdem wie er gelebt hat und wie seine Veranlagungen sind, den Körper eines 65-Jährigen oder eines 90-Jährigen haben.”

Von offizieller Seite her gilt als Geriatriepatient, wer im hohen Alter durch mehrere Erkrankungen gleichzeitig behindert oder in seiner Selbstständigkeit bedroht ist. Das Durchschnittsalter der stationären Abteilung im Klinikbereich im AWO-Geriatriezentrum ist 83 Jahre, in der Tagesklinik im obersten Stock des benachbarten Bettengebäudes liegt es zehn Jahre darunter.

Das Haus betritt der Mediziner über den Eingang vom begrünten Innenhof, den die Patienten zum Laufen lernen nutzen. “Das Gehen auf unebenem Grund ist etwas anderes als auf Klinikfluren”, sagt Tölle. Ein schmaler Aufzug führt vom Erdgeschoss des Gebäudes in den siebten Stock, in dem die Tagesklinik untergebracht ist.

“Hier kommen die Leute her, die sich noch selbst versorgen können, oder die sich zu Hause auf die Hilfe von Angehörigen verlassen können”, sagt Manfred Strohmaier, verantwortlich für den teilstationären Pflegebereich. “Dass die Patienten zu Hause leben, hilft außerdem bei ihrer Therapie, weil im alltäglichen Leben die Probleme viel deutlicher auftreten, an denen man dann arbeiten kann.”


Ein vielfältiges therapeutisches Angebot und kurze Wege


Ansonsten gibt es hier alles, was auch für die Bewohner der stationären Einrichtung im Angebot ist: Ergotherapie, Sprachtherapie, neuropsychologische Betreuung, Gedächtnistraining. “Ich mache alles mit, was hier angeboten wird”, sagt Johanna Welke und wirkt voller Tatendrang. Ihr Optimismus hat etwas Ansteckendes. Morgens war sie beim Gedächtnistraining, nach dem Mittagessen hat sie noch Physiotherapie. “Die nehmen mich dabei immer ganz schön ran”, sagt sie und lacht, als sie ihren Kopf in den Nacken wirft.

An ein paar Tagen in der Woche macht sie auch Übungen in einem Schwimmbad. Unter Wasser ist der Körper leichter, die Bewegungen sind für behinderte Menschen dann nicht so schwer auszuführen. Das Becken liegt im Keller des AWO-Klinikgebäudes, der über einen breiten unterirdischen Verbindungsgang mit dem Bettenhaus verbunden ist. “Es ist bei alten Patienten wichtig, dass sie nicht mehr viel hin und her transportiert werden”, sagt Hermann Tölle, während er einen Mann beobachtet, der gerade mit zwei Therapeutinnen in dem Becken trainiert. “Das tut der Heilung nicht gut.”

Das Ida-Wolff-Geriatriezentrum ist ein Basiskrankenhaus. “Neben den Therapiemaßnahmen machen wir eigene Diagnostik durch Röntgen und Ultraschall, einfache Herz-Kreislaufuntersuchungen und Magen-Darmspiegelungen”, sagt Tölle. Für alles weitere würde man mit dem benachbarten Vivantes Krankenhaus Neukölln kooperieren. Von dort stammen auch viele der Patienten des Geriatrie-Zentrums.”40 Prozent bekommen wir von Rettungsstellen, 55 Prozent aus Krankenhäusern und nur fünf Prozent aus Arztpraxen.”


Ein direktes Miteinander der Geriatrie mit anderen Abteilungen


Auch Rolf Funke kam über die Erste-Hilfe-Station in die Geriatrie, allerdings nicht in eine eigenständige Fachklinik, wie das Ida-Wolff-Geriatriezentrum, sondern auf eine Abteilung in einer ganz normalen Klinik, dem Dominikus-Krankenhaus in Hermsdorf.

Der 70-Jährige hatte einen Schlaganfall erlitten, bereits seinen zweiten. Plötzlich, an einem sonnigen Nachmittag Ende Juni war seine rechte Gesichtshälfte gelähmt, das Sprechen funktionierte nicht mehr, Schlucken ging auch nicht mehr. Seine Frau brachte ihn in das Krankenhaus direkt um die Ecke. Dorthin, wo vor Jahrzehnten schon seine beiden Töchter das Licht der Welt erblickten.

Von Anfang an waren die Fachärzte der Geriatrie mit in die Behandlung eingebunden. “Schon am Tag nach der Notaufnahme haben wir im Team die Rehabilitation geplant”, sagt Ulrike Dietrich, Chefärztin der Geriatrie am Dominikus-Krankenhaus. Logopäden fingen mit den Sprach- und Schluckübungen an, noch während Funke auf der Inneren Station intensiv behandelt wurde. Das direkte Miteinander der Geriatrie mit den anderen Abteilungen unter einem Dach hat noch einen anderen Vorteil, sagt Ulrike Dietrich. “Wir können deren Medizintechnik zur Behandlung und Diagnostik nutzen.”


Ein Regenbogen zeigt, wo man Hilfe bekommen kann


Nach einer Woche verlegte man Rolf Funke in die Geriatrie – weil die Ärzte trotz seines schweren Schlaganfalls eine gute Prognose für seine Rehabilitation stellten. “Jeder Patient, der die Selbstständigkeit im Alltag zurückerlangen könnte, gehört in eine Geriatrie”, sagt Chefärztin Dietrich. Doch bei manchen Patienten ist die Prognose schlechter – und zum Beispiel ein Pflegeheim für die Weiterversorgung besser geeignet. “Manchmal müssen wir Patienten auch aus Kapazitätsgründen ablehnen”, sagt Dietrich.

Die Geriatrie ist in einem 100 Jahre alten Gebäude auf dem Gelände des Dominikus-Krankenhauses untergebracht. Der Bau aus roten Ziegelsteinen sei als letztes auf dem Krankenhausareal saniert worden, sagt Ulrike Dietrich. Ihre Abteilung ist auf zwei Etagen verteilt. Sie sind zur besseren Orientierung für die manchmal etwas hinfälligen Patienten in verschiedenen Farben gestrichen: in der ersten Etage ein helles Gelb, darüber Grün und ganz oben schließlich Blau. Direkt vor den Schwesternzimmern befindet sich im Boden ein Regenbogen. Damit die Patienten sehen, wo sie Hilfe bekommen.


Der Barthelindex: Selbstständigkeit messen


Rolf Funke braucht jetzt schon weniger Unterstützung, als noch bei seiner Aufnahme. Da hatte er nur 45 Punkte nach dem Barthelindex, mit dem man die Selbstständigkeit eines Menschen im Alltag messen kann. Das bedeutet, dass Funke bei vielen Verrichtungen, wie bei der Körperhygiene, dem Essen oder dem Gehen auf fremde Hilfe angewiesen ist. Das Ziel von Therapeuten und Pflegern sind 80 Punkte, dann könnte Rolf Funke wieder bei seiner Frau zu Hause leben.

Insgesamt vier Wochen wird die Behandlung wohl dauern. Rolf Funke geht es jetzt schon wieder besser, auch wenn ihm das Sprechen noch sehr schwer fällt. Mühsam formt er mit seinem noch immer etwas schief stehenden Mund die Worte. “Ich möchte wieder selbstständig sein, ich will keine Pflegestufe.”

Die will auch Johanna Welke nicht. Doch allzu viele Sorgen muss sie sich nicht machen. Die Chancen, dass sie bald wieder ihr gewohntes Leben führen kann, stehen gut. Zumindest theoretisch. Wie viele alte Patienten hat die Dame nach ihrem Unfall, der sie in die Geriatrie brachte, etwas von ihrem Selbstvertrauen verloren. “Es wird sicher noch eine Weile dauern, bis ich mich wieder traue, alleine in den Bus zu steigen”, sagt sie ein wenig vorsichtig.




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