Reportage: Mangel an Kräften

Schwerstarbeit, Schichtbetrieb, schlaflose Nächte – der Alltag im Pflegeheim ist ein harter Job. Doch von Pflegekräften wird erwartet, dass sie diese Arbeit aus Menschenliebe tun.

Kapitel_HELFENDE_HAENDE.jpg
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Annelie Winter* müsste sich eigentlich einen anderen Job suchen. Bandscheibenvorfall, OP, chronische Schmerzen. So kann sie nicht mehr arbeiten. “Berufskrankheit”, sagt die kleine Frau trocken. “Manche bekommen das schon mit 30. Die müssen umschulen.” Annelie ist mit 62 Jahren für eine Umschulung zu alt. Sie wird bald, nach 20 Jahren als Pflegerin, in Frührente gehen.

Knapp 66 Kilogramm bringt sie selbst auf die Waage. Ihre Bewohner waren meist schwerer als sie. Schätzungen zufolge wiegt jeder zehnte Altenheimbewohner 90 Kilo. Trotzdem musste Annelie Winter ihre Schützlinge Tag für Tag umdrehen und vom Bett in den Rollstuhl hieven.

Die körperliche Belastung steigt

Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigt, dass Pfleger mehr schleppen als Bauarbeiter. “Die warten sehenden Auges, bis sie berufsunfähig werden”, sagt Peter Tackenberg vom Pflegeberufsverband DBfK. Die körperliche Belastung im Job steigt. Die Alten kommen kränker in die Heime, benötigen folglich mehr Pflege. In der Ausbildung erlernt man zwar schonende Hebetechniken. Und: Einen schweren Bewohner sollte man zu zweit heben, heißt es in der Berufsschule.

Im Pflegeheim dann aber, so Annelie Winter, sieht die Praxis anders aus. “Wenn gerade keine Kollegin zur Stelle war, musste ich auch einen 80-Kilo-Mann allein drehen”, berichtet sie aus ihrem Heim, dessen richtigen Namen sie wie ihren eigenen nicht nennen will.

Nicht mehr als das Minimum

Und dabei hält sich ihr Arbeitgeber sogar an den gesetzlich vorgeschrieben Pflegeschlüssel, stellt also genügend Pfleger pro Bewohner ein. Aber mehr als das Minimum tut er eben nicht. “Er bewegt sich immer ganz knapp an der Grenze zur Legalität. Würde er den Pflegeschlüssel erhöhen, müsste er mehr Personal bezahlen, würde also weniger Profit machen.” Das Heim wurde vor einiger Zeit von einem privaten Anbieter gekauft. “Schon in der Vorstellungsrunde hat die neue Leitung angekündigt, dass es darum gehe, Gewinne zu machen.” Seitdem habe jeder Angst vor Entlassungen. Das spüre man im Pausenraum.

Annelie Winter grübelt. Ihre neuen Chefs seien eigentlich ein bisschen wie die viel gescholtenen Heuschrecken. Zwar gibt es einen Betriebsrat, doch auch der konnte nicht verhindern, dass nur die Hälfte des Personals für die Pflege von Alten ausgebildet ist. Die anderen sind Helfer, Azubis, Praktikanten und Leute, die eigentlich Hartz IV bekommen, aber von den Jobcentern in die Heime vermittelt werden. Für 1,50 Euro pro Stunde schieben sie als Betreuungsassistenten Rollstuhlfahrer von A nach B.

“Wenn eine Kollegin krank wird, ist das der Supergau”

Richtig Pflegen, waschen, füttern, bewegen dürfen nur examinierte Fachkräfte mit einer dreijährigen Ausbildung, unter Anleitung auch Pflegehelfer, die ein Jahr Ausbildung hinter sich haben. “Wenn eine Kollegin krank wird, ist das der Supergau”, sagt Gabriele Feld-Fritz von der Gewerkschaft Verdi. Nur deutlich mehr Personal könne die 800 000 Pflegerinnen und Pfleger hierzulande von ihrer schweren Arbeit entlasten. Und dadurch auch die Betreuung verbessern.

Beim Stichwort Personalmangel legt Annelie Winter los. “Manchmal waren wir zu dritt für knapp 60 Leute verantwortlich. Obwohl nachts Waschen verboten ist, haben wir um 2 Uhr mit der Körperhygiene angefangen. Nur dann hatten wir Zeit”, erzählt Winter. Die Bewohner hätten pünktlich um 8 Uhr zum Frühstück erscheinen müssen, so habe das der Dienstplan vorgesehen. “Bettlägerige Bewohner wiederum, die nicht zum Frühstück mussten, haben wir erst nachmittags gewaschen.” Einige hätten fünf Stunden in ihren vollen Windeln warten müssen.

Diese Zustände kennt Beate Bartsch nicht. Die 43-Jährige plaudert an einem sonnigen Nachmittag mit einer alten Dame. Über den Zoo, Filme, eine verstorbene Freundin. Nach ein paar Minuten verlässt Bartsch das kleine Zimmer mit den großen Fenstern. “Danke, dass ich vorbeikommen durfte”, sagt sie. Sie ist Pflegerin im Park Alterssitz City. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung hat dem Haus kürzlich die Gesamtnote 1,1 gegeben.

Auch Altenpflegerin Beate Bartsch würde ihrem Haus die Bestnote geben. Die rund 2800 Euro, die sie als Wohnbereichsleiterin monatlich verdient, findet sie fair, obwohl ihr Lohn unter dem Tarif des öffentlichen Dienstes liegt.

Mindestlohn ist nicht genug: “Was die Helfer leisten, ist deutlich mehr wert als 8,50 Euro.”

Gewerkschaften und selbst Arbeitgeberverbände sprechen aber oft von Dumpinglöhnen in der Branche. Annelie Winter zum Beispiel bekommt für ihren Einsatz exakt 1775 Euro im Monat. “Brutto”, sagt sie. Macht circa 1100 Euro netto.

“Am schlimmsten hatten es die Pflegehelfer, sagt Gabriele Feld-Fritz von Verdi. Obwohl sie wichtige Arbeit in den Heimen leisten, hätten manche nur 4,50 Euro pro Stunde verdient. Doch jetzt hat die Politik gehandelt. Ab diesem Sommer gibt es für die Helfer den Mindestlohn von 8,50 Euro im Westen und 7,50 Euro im Osten). “Das ist immer noch zu wenig”, sagt Peter Tackenberg vom DBfK. “Was die Helfer leisten, ist deutlich mehr wert als 8,50 Euro.”

Jeder fünfte Lehrling bricht ab

“Man wird nicht zum Millionär”, sagt Pflegerin Bartsch. Doch in ihrem Heim seien die Kollegen zufrieden. Es herrsche ein gutes Arbeitsklima und es gebe ausreichend Personal. Sie könne sich täglich Zeit für die einzelnen Menschen nehmen: “Ich habe die Bewohner kennen und lieben gelernt. Man weiß nie, wie lange man noch mit ihnen hat.”

Sich da noch Zeit nehmen zu können für die Auszubildenden, ist schon Luxus. “Für sie ist das alles neu. Schon einen alten Körper anzufassen”, sagt Bartsch. In ihrem Heim habe man aber zum Glück die Zeit, die Azubis intensiv zu begleiten und einzuarbeiten.

Schätzungen zufolge bricht jeder fünfte Lehrling die Ausbildung ab. Die genaue Abbrecherquote kennt niemand. Sie sei auch nicht wichtig, um den Fachkräftemangel als ein Riesenproblem zu begreifen, sagt Herbert Mauel, Geschäftsführer des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste. “Zu wenige junge Leute lassen sich zum Pfleger ausbilden, obwohl es in den nächsten 30 Jahren keinen sichereren Job gibt.”

Die Menschen werden immer älter und in der letzten Lebensphase immer kränker. Früher holte man fehlende Fachkräfte aus Osteuropa. “Dieser Markt ist leergefegt, gleichzeitig sind viele deutsche Pfleger nach Skandinavien und England gegangen, weil sie dort besser bezahlt werden”, erklärt Gabriele Feld-Fritz von Verdi.

Weniger strenge Zulassungsbestimmungen für die Ausbildung – “Eigentlich genau das Falsche”

Arbeitgebervertreter Herbert Mauel fordert eine Green Card für Fachpersonal aus Schwellenländern. Mauel sagt, er verstehe nicht, warum in der IT-Branche etwa Green Cards vergeben würden, in der Pflege aber nicht. “Das ist heuchlerisch. Der Fachkräftemangel ist jetzt schon dramatisch. Wir sollten keine Chance ungenutzt lassen.”

Seit kurzem gelten weniger strenge Zulassungsbestimmungen für die Ausbildung. Brauchte man früher einen Realschulabschluss, dürfen nun auch gute Hauptschüler zur Ausbildung zugelassen werden. “Doch damit entfernen wir uns von europäischem Niveau”, sagt Jasenka Villbrandt, Pflegeexpertin der Grünen. “Eigentlich genau das Falsche”, stellt das Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus fest. “Die Ausbildung ist schon für manchen Realschüler zu anspruchsvoll. Damit tut man den Leuten keinen Gefallen.”

Zuviel Verantwortung und mit einem Bein im Gefängnis

Annelie Winter wundert sich schon lange nicht mehr darüber, dass nur wenige Schulabgänger als Altenpfleger arbeiten möchten. “Zu viel Verantwortung, außerdem steht man immer mit einem Bein im Gefängnis”, sagt sie. In ihrem Heim hatte sich eine Bewohnerin den Oberarm gebrochen, weil das Bettgitter nicht richtig festgemacht worden war. Wochenlang versuchten die Vorgesetzten, den verantwortlichen Pfleger ausfindig zu machen. Der Druck auf die Belegschaft war groß, die Heimleitung führte Personalgespräche, einige Kollegen hatten Angst vor Entlassungen.

Schließlich räumte eine Schwester ein, es sei möglicherweise ihr Fehler gewesen. Prompt bekam die erfahrene Mitarbeiterin eine Abmahnung – und eine Anzeige. Die Pflegerin wurde psychisch krank, sie fiel insgesamt vier Jahre aus.

“Das Lächeln der alten Menschen war das wert.”

Trotzdem liebe sie den Job, sagt Annelie Winter. Diese Arbeit mit den Alten, der Beruf, der sie kaputtgemacht hat. Warum sie diese Arbeitsbedingungen so lange ertragen hat? “Das Lächeln der alten Menschen war das wert.” Annelie Winter lächelt nur noch selten.

Von Frauen wie Annelie Winter und Beate Bartsch lebt die Branche, die künftig noch mehr Umsätze machen wird, da immer mehr Menschen auf Pflege angewiesen sind. Frauen wie Annelie Winter verdienen wenig, das sagen hinter vorgehaltener Hand sogar Heimbetreiber. Weil sie helfen und die Alten nicht sich selbst überlassen wollte, hat sie sich mit den zu engen Dienstplänen arrangiert. “Notfalls haben wir auf freie Tage oder Urlaub verzichtet.” Sich selbst zurücknehmen für das Wohl der Alten, Helfen als Syndrom eben. Auch eine Berufskrankheit.


*Name geändert




Artikelsuche ?

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet