Ratgeber: Wie viele Mitarbeiter braucht ein gutes Heim?

Hier finden Sie Informationen rund um die Personalausstattung von Pflegeheimen

 

Wie viele Schwestern und Pfleger braucht ein Heim?

Die Personalausstattung, das mag einige überraschen, ist nicht gesetzlich geregelt. Sie wird über Verträge zwischen Heimen, Landesregierungen und Pflegekassen festgelegt. Der dabei vorgegebene Mitarbeiterschlüssel hängt davon ab, wie viele Bewohner in welcher Pflegestufe in der Unterkunft leben. Das erschwert einen Vergleich der Heime, weil verschiedene Bewohner eben unterschiedlich viel Hilfe brauchen. Zudem helfen in einigen Heimen zusätzlich Ehrenamtliche oder nebenan residierende Ärzte - alles Faktoren, die die Versorgungsqualität beeinflussen.

Vor allem aber ändert sich die Bedürftigkeit der Bewohner eines Heimes oft, sei es, weil sich die Senioren nach einer Krankheit erholen, sei es, weil sich ihr Zustand verschlechtert. Die Personalstärke daran anzupassen, ist schwierig. Bei Wachkomapatienten oder Demenzerkrankten gibt es außerdem Zusatzbestimmungen. Als wären dies nicht genug Faktoren, sollte auch beachtet werden, dass die Personalschlüssel je Bundesland verschieden sind.

 

Was bedeutet das konkret für Berlin?

Aktuell gilt in Berlin ein Rahmenvertrag, wonach in einem Heim beispielsweise für vier Pflegebedürftige der Stufe I jeweils eine Vollzeitkraft angestellt sein muss. Die Stelle kann auf mehrere Beschäftigte verteilt sein - denn Altenpflege ist seelisch und körperlich anstrengend, vor allem Frauen arbeiten deshalb oft in Teilzeitverhältnissen.

Eine Vollzeitkraft darf in Berlin also vier Bewohner der Stufe I betreuen, für vier Bewohner der Stufe III aber müsste es schon mehr als zwei Vollzeitstellen geben. Ein Durchschnittsheim mit 100 Plätzen dürfte sich wie folgt zusammensetzen: Drei Bewohner befinden sich noch in der Pflegestufe 0, dazu kommen 43 Bewohner der Pflegestufe I, 37 Bewohner der Pflegestufe II und 17 Bewohner der personalintensiven Stufe III. Dieses Beispielheim müsste 42 Pflegekräfte beschäftigen. Die werden auf drei Schichten aufgeteilt, tagsüber sollten etwa 15 Kräfte im Dienst sein.

Doch diese Richtlinie ist nur ein Durchschnittswert, der im Laufe eines Jahres nicht unterschritten werden sollte. Immer wieder kann es also passieren, dass man wegen Urlaub, Krankheit und Bewohnerwechsel weniger Pfleger antrifft, als laut Vertrag vorgesehen sind. In einem Heim arbeiten zudem Köche, Reinigungskräfte und Verwalter. Geprüft wird der Personalschlüssel durch die staatliche Heimaufsicht und den Medizinischen Dienst der Krankenkassen.

 

Erkennt man ein gutes Heim also am Personalschlüssel?

Bisher gibt es nur wenige Studien darüber, wie viele Mitarbeiter ein Heim braucht, um gute Pflege zu leisten. Viel hängt von der Effizienz der Verwaltung und der Pflegebedürftigkeit der Bewohner ab. Einig sind sich Forscher, Berufsverbände und Mediziner darin, dass die Personalausstattung vieler deutscher Pflegeheime zu gering sei. Wie in Kliniken gilt auch in Heimen: Arbeitsverdichtung und Überstunden führen zu Stress, der Hygienemängel, Wundliegenlassen und Fehldiagnosen begünstigt. Fehler dürften in Heimen mit wenig Personal häufiger auftreten als in besser ausgestatteten Häusern.

Die Gewerkschaft Verdi, die viele Pflegekräfte vertritt, fordert auch für zwei Bewohner der Stufe I mindestens einen Pfleger. Tendenziell, beobachten Berufsverbände, arbeiten in Süddeutschland mehr Pfleger in Heimen als in Ostdeutschland. Das klingt nicht unplausibel, denn in allen Bundesländern wird ja gesondert verhandelt, wobei Heime und Bundesländer versuchen dürften, möglichst wenig Geld auszugeben. Franz Wagner, Vize-Präsident der Deutschen Pflegerats, sagt: Es sei dennoch nicht zu rechtfertigen, dass es länderspezifische Personalschlüssel für die Heime gebe. “Auch die Pflegeversicherung unterscheidet bei ihren Leistungen nicht nach Bundesländern.” In Berlin müssen Heime rund drei Prozent mehr Kräfte beschäftigen als in Brandenburg.

 

Wie viele Mitarbeiter sind eigentlich ausgebildete Fachkräfte?

Die Kassen haben eigenen Angaben zufolge berechnet, dass für eine gute Versorgung der Bewohner nur etwa jeder zweite Pfleger eine dreijährige Ausbildung benötigt. Die anderen Mitarbeiter haben meist eine einjährige Helferausbildung. Der Anteil der Fachkräfte, also der drei Jahre lang ausgebildeten Schwestern und Pfleger, liegt in Berlin bei mindestens 52 Prozent.

Nicht nur der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe fordert mehr Fachpersonal. Die Anforderungen an die Mitarbeiter werden komplizierter, schon weil immer mehr der hochbetagten Bewohner an Demenz erkranken. Und suchen Heimbetreiber verstärkt Profi-Altenpfleger, denn in diesem Beruf haben sich in den vergangenen Jahren viel zu wenig Schulabgänger ausbilden lassen. Dazu haben geringe Entlohnung, schlechtes Image und stressiger Schichtbetrieb beigetragen. Der Berliner Senat hat 2014 eine Kampagne gestartet, bei der Prominente für die Altenpflege-Ausbildung warben.

Als noch anspruchsvoller gilt die Krankenpflege-Ausbildung der Krankenhäuser, weshalb Heime gern Schwestern aus Kliniken anstellen würden. Allerdings bekommen Heim-Altenpfleger oft deutlich weniger Lohn als Klinik-Krankenschwestern, weshalb Betreiber versuchen, Krankenschwestern im Ausland anzuwerben. Inzwischen sind in den Berliner Heime und Kliniken vermehrt Schwestern aus dem Ausland angestellt worden, was den Mangel gelindert hat. Bald 15 Prozent der Mitarbeiter in den Altenheimen kommen nicht aus Deutschland. Besonders aus Polen, Vietnam und der Türkei werben Heimbetreiber meist Pflegerinnen an.



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