Hintergrund: Was Pflegekräfte verdienen

Für Pflegehelfer gibt es seit 2010 ein Mindestentgelt – für Fachkräfte sei dies nicht nötig

Wer arbeitet in Pflegeheimen?

Sie rackern, wenn andere schlafen. Heben oft mehr als ein Bauarbeiter. Und lassen sich von nervenkranken Patienten schon mal “dumme Schlampe” rufen. Dennoch bleiben die (meist weiblichen) Mitarbeiter eines Altenheimes oft freundlich, helfen beim Anziehen, Essen, Waschen. Die examinierten Fachkräfte unter ihnen dürfen nach dreijähriger Berufsausbildung kranken Bewohnern außerdem Medikamente geben.

Doch auch Füttern, Anziehen und Spazierengehen müssen erledigt werden. Das übernehmen oft Pflegehelfer, also in einjähriger Ausbildung angelernte Mitarbeiter. Fast jeder zweite Beschäftigte in den rund 290 Berliner Heimen ist ein Helfer, bei den ambulanten Diensten dürften es deutlich mehr sein.

Neben den Pflegern arbeiten Köche, Verwalter, manchmal auch Mediziner in Pflegeheimen. Vermehrt einstellen werden Heime künftig Betreuer, die vor allem demenzkranken Bewohnern bei Spaziergängen, Einkäufen und Papierkram helfen.

 

Was verdienen Pflegekräfte?

Das Bruttodurchschnittseinkommen aller Pflegeberufe beträgt mit Wochenend- und Nachtschichtzulagen 2500 Euro für einen Vollzeitmonat. Examinierte Intensivpflegeschwestern, wie sie meist in Kliniken arbeiten, erhalten oft 3000 Euro. In Seniorenheimen ist der Lohn geringer, examinierte Altenpfleger erhalten meist weniger als 2300 Euro brutto im Monat. Weil der Job besonders schwer ist, arbeiten viele Altenpflegerinnen in 30-Stunden-Wochen, was mitunter bedeutet, dass sie entsprechend weniger Lohn erhalten. Die Gewerkschaften haben in der Branche vielerorts nicht ausreichend Pflegekräfte organisieren können, um ihre Tarife durchzusetzen. Für Pflegehelfer gilt deshalb ein Mindestlohn, den die Arbeitgeber und Verdi ausgehandelt haben. Im Westen Deutschlands liegt der Mindestlohn bei 9,40 Euro brutto pro Stunde, im Osten bei 8,65 Euro. Vielerorts wird inzwischen aber mehr gezahlt, einer Umfrage des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zufolge bis zu 1900 Euro brutto für eine Vollzeitstelle.

Im Schnitt verdienen Schwestern und Pfleger im Westen des Landes mehr als im Osten. Weil in größeren Häusern öfter Betriebsräte und Gewerkschaften aktiv sind, erhalten Beschäftigte dort dem WSI zufolge mehr Lohn. Umfragen zufolge macht jede zweite Altenpflegerin dauerhaft Überstunden.

 

Geht es nur um Löhne?

Gewerkschafter und Betriebsräte in der Branche kritisieren neben den niedrigen Löhnen, dass das Image der Altenpflege nach wie vor zu schlecht sei. Das sehen auch viele Heimbetreiber so. Die Arbeitgeber wünschen sich angesichts der demografischen Entwicklung mehr Engagement der Politik - was zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung des Berufs führen sollte. Denn der Job werde wichtiger, die Zahl der Pflegebedürftigen dürfte sich hierzulande bis 2050 auf etwa vier Millionen verdoppeln. Dem Arbeitgeberverband Pflege zufolge fehlten 2014 rund 30 000 Fachkräfte, also die drei Jahre lang ausgebildeten Fachkräfte.

Der Berliner Sozialsenator Mario Czaja (CDU) hatte 2014 eine Imagekampgane starten lassen, für die Prominente in Berlin darum warben, eine Altenpflege-Ausbildung zu beginnen. Entscheidener dürfte aber ein Beschluss der Berliner Landesregierung sein, dass Schulgeld für Pflegerschüler abzuschaffen. Deren Ausbildung finanziert ab 2015 das Land. „Es ist schwer zu erklären, dass jemand, der den wichtigen Beruf der Altenpflege ergreifen will”, sagte Senator Czaja, “für seine Ausbildung rund 150 Euro monatlich für die Berufsschule zahlen muss.” Ob sich ausreichend Schulabgänger für die Ausbildung entscheiden, bleibt abzuwarten.

 

Was ändert sich in den kommenden Jahren?

Der Mindestlohn für Pflegehelfer soll in den kommenden Jahren steigen. Darauf hatte sich die zuständige Kommission, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer vertreten sind, noch 2014 geeinigt. Bis 2017 sollen Helfer 10,20 Euro brutto im Westen und 9,50 Euro im Osten bekommen. Berlin gilt dabei als West-Region. Vereinbart wurde auch, dass der Pflegemindestlohn ab Oktober 2015 auch für Betreuer von Demenzkranken und Assistenzkräfte gelten soll.

Um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Standards in Heimen und Kliniken durchzusetzen, wird in einigen Bundesländern außerdem darüber diskutiert, Pflegekammern zu gründen. Schwestern und Pfleger könnten sich dann womöglich wie Ärzte und Apotheker in der Branche besser durchsetzen. Kammern sind Organisationen öffentlichen Rechts, der alle Angehörigen eines Berufes beitreten müssen. Die Kammern dürfen dafür weitgehend selbstständig Ausbildungs- und Ethikfragen ihrer Zunft klären. Unter Pflegekräften ist die Idee umstritten. Einige befürchten unnötige Zusatzbürokratie und fordern stattdessen stärkere Gewerkschaften, andere sehen in Kammern ein Mittel zur gesellschaftlichen Etablierung des Berufes.



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