Hintergrund: Die Fehler der Anderen

Das Internetportal www.kritische-ereignisse.de ermöglicht Pflegenden, anonym über ihren Berufsalltag zu berichten und Probleme zu thematisieren

Wer klug ist, lernt aus den eigenen Fehlern. Wer klüger ist, lernt aus den Fehlern Anderer. Genau das ist das Ziel des Internetportals www.kritischeereignisse. de, auf dem Pflegende über ihren Berufsalltag berichten, Probleme thematisieren und von der Online- Gemeinschaft und dem Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) Lösungen vorgeschlagen bekommen – alles völlig anonym. Falsch dosierte Medikamente, Pflege im Akkord oder ans Bett gefesselte Bewohner – wer solche oder ähnliche Missstände erlebt, ist bei diesem Internetportal richtig.
Im Gegensatz zu vielen anderen Portalen, in denen der Schutz der eigenen Identität dazu oft missbraucht wird, Arbeitgeber oder Kollegen zu denunzieren, ist kritische-ereignisse.de jedoch keineswegs ein weiterer rechtsfreier Internetpranger. Hier fallen weder die Namen des Pflegenden noch der der Einrichtung – dafür sorgt ein Kölner Expertenteam, das jeden eingereichten Bericht anonymisiert und prüft, ob es sich um ein Ereignis handelt, aus dem andere lernen können, oder lediglich über den stressigen Job oder unangenehme Kollegen geklagt wird. “Dafür gibt es andere Foren”, stellt Projektleiter Heiko Rutenkröger klar. Immerhin werden 87 Prozent der eingereichten Berichte später auch veröffentlicht – eine überraschend gute Quote, mit der selbst der Projektleiter nicht gerechnet hatte.
Doch was genau ist ein kritisches Ereignis? “Das sind nur selten die Fehler, die auf dem Verschulden einzelner Personen beruhen”, sagt Rutenkröger. In den häufigsten Fällen handele es sich um systembedingte Fehler, die durch eine bessere Planung oder Anweisung hätten vermieden werden können. An Beispielen für solche kritischen Ereignisse mangelt es nicht, 414 Berichte trugen die Nutzer in den vergangenen fünf Jahren zusammen. 1994 Kommentare, die ebenfalls vom Expertenteam geprüft wurden, geben Ratschläge.

Pflegekräfte schätzen den geschützten Raum, den die Internetplattform bietet, um sich austauschen zu können

So berichtet eine Pflegekraft, wie sie schwer dementen Bewohnern, die den Mund nicht öffnen, immer wieder eine Spritze zwischen die zusammengepressten Lippen schieben muss, um Nahrung in den Mund zu drücken. Doch dürfen Bewohner mit fortgeschrittener Demenz zwangsernährt werden, wenn diese sich offenbar weigern? Das Urteil der Portalnutzer ist eindeutig. Nur wenn das Einverständnis des zu Pflegenden oder seines gesetzlichen Betreuers vorliegt, der – wie schwer solch eine Entscheidung auch sein mag – im Interesse des Gepflegten handeln sollte, sei eine Zwangsernährung zulässig, kommentiert ein User, der sich Samir nennt. Ein anderer schreibt anonym: “Alles andere, wie Essen reinschieben und so weiter, ist Gewalt, die in der Pflege nichts zu suchen hat.” Schließlich, so ein dritter Kommentator, sei das Recht auf Selbstbestimmung in unserem Grundgesetz verankert und solle auch akzeptiert werden.
Doch warum sollte ein Heim, in dem hilflose Bewohner schlecht gepflegt werden, nicht beim Namen genannt werden? Es gehe nicht darum, jemanden anzuklagen, sagt Projektleiter Rutenkröger. “Um Pflegemissstände zu ahnden, sind der Medizinische Dienst der Krankenkassen und die Heimaufsicht zuständig, nicht das Internet.”
Vielmehr versteht sich kritische-ereignisse. de als Lernplattform. “An solchen praktischen Beispielen lässt es sich besser lernen als mit abstrakten Szenarien”, sagt Pflegewissenschaftler Rutenkröger. Auf Fortbildungen hat er beobachtet, dass die Pflegekräfte es sehr schätzen, sich in einem “geschützten Rahmen” über erlebte Probleme in der Pflege austauschen zu können. “Das Internet ist dafür ideal.” Damit die Anonymität der Nutzer im Internet auch gewahrt bleibt, betreibt das KDA einigen Aufwand mit abgeschnittenen IP-Adressen, externen Servern, verschlüsselten Daten und mehrfacher Anonymisierung. Bisher versuchte die Staatsanwaltschaft nur ein Mal, einen Informanten zu ermitteln – erfolglos.




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