Hintergrund: Betreuungsassistenten entlasten die Pflege

Von zusätzlichen Stellen für Betreuungsassistenten profitieren sowohl die Betreiber von Pflegeheimen als auch deren Bewohner. Die Arbeitslosen dagegen jedoch kaum.

Die Idee klang verblüffend einfach und nützlich: Arbeitslose sollten mit einem Schlag einen neuen Job bekommen, die Arbeitslosenzahlen sollten sinken, die Pflegeheime besser gestellt, die Pflegekräfte entlastet und schließlich demenzerkrankte Bewohnern besser betreut werden.


“Eine politische Kopfgeburt”

Im Jahr 2008 brachten die damalige SPD-Gesundheitsministerin und der damalige SPD-Arbeitsminister eine Gesetzesänderung auf den Weg, die einen neuen Beruf mit einem etwas sperrigen Namen kreierte: “Betreuungsassistent nach § 87b SGB XI”. 10 000 Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger hatten so die Chance auf einen Job. Für die aufwendige Betreuung altersverwirrter oder psychisch kranker Menschen stehen dank der 2008 verabschiedeten Pflegereform den Heimen jedes Jahr 200 Millionen Euro zur Verfügung, die die Pflegekassen überweisen – das ist Geld genug für rund 10 000 Assistenten-Stellen.

Einmal umgeschult, sollten die Betreuungsassistenten in Pflegeheimen arbeiten können. Sie sollen dementen Menschen vorlesen, mit ihnen spazieren gehen und sich mit ihnen unterhalten.

Doch der Plan ging nur teilweise auf. “Das ganze war eine politische Kopfgeburt”, sagt John-Philip Hammersen von der Bundesagentur für Arbeit. Bis heute haben die Arbeitsagenturen lediglich 3500 Betreuungsassistenten in die Heime vermittelt. Bundesweit.


Vorurteile und unklares Gehalt

Weitere 22 500 Arbeitslose stehen zwar in den Startlöchern, könnten also sofort anfangen zu arbeiten. Doch die Heime fragen nicht nach ihnen. “Es herrschen immer noch Vorurteile gegenüber Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern”, sagt Anja Huth von der Bundesarbeitsagentur, “Heimleitungen denken oft, unsere Leute wären unmotiviert oder schlecht qualifiziert.” Außerdem sei noch nicht überall klar, welches Gehalt die zusätzlichen Betreuer bekommen sollen – jedes Land entscheide anders, so Huth.

Herbert Mauel vom Arbeitgeberverband privater Anbieter sozialer Dienste ist dagegen von der Idee angetan. Sein Verband vertritt 3400 Heime deutschlandweit. Von denen hätten fast alle Betreuungsassistenten eingestellt, so Mauel: “Es gibt keinen Grund, auf die zusätzlichen Betreuer zu verzichten.”


Pflegeheimbetreiber und Bewohner profitieren – die Arbeitslosen jedoch kaum

Die Heime müssen nichts für die Assistenten bezahlen, denn die Pflegekassen kommen für die Kosten auf. So ist es in der Pflegereform von 2008 festgehalten: Pro 25 Bewohnern steht jedem Heim ein Betreuungsassistent zu. Die Heime sind froh über die kostenlose Hilfe, 12 000 neue Stellen wurden schon geschaffen.

Die Betreiber profitieren also von den neuen Beschäftigten – und die Pflegeheimbewohner selbstverständlich auch, wenn sich jemand mit ihnen beschäftigt, der nicht unter dem täglichen Leistungsdruck steht, wie die regulären Pflegekräfte.

Nur die Arbeitslosen, die profitieren weit weniger davon als erhofft. Denn das Gros der neuen Betreuungsassistenten hatte auch vorher schon einen Arbeitsplatz. “Viele waren bereits in den Heimen beschäftigt. Etwa Pfleger, die gesundheitlich kaputt sind oder 400-Euro-Jobber, die jetzt eine richtige, sozialversicherungspflichtige Anstellung bekommen haben”, sagt Gewerkschafterin Gabriele Feld-Fritz.

Peter Tackenberg vom Pflegeverband DBfK kann sich gut vorstellen, warum viele Heime nicht nach Betreuern aus den Jobcentern fragen. “Die werden ja nur 200 Stunden ausgebildet. Nach so kurzer Zeit kann man nicht professionell mit dementen Menschen arbeiten”, sagt er. Auf diese Weise könne ein fachfremder Assistent sogar zur zusätzlichen Belastung für die ausgebildeten Pfleger werden.




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