Experteninterview: „Guter Wille allein hilft nicht“

Sabine Bartholomeyczik ist Professorin am Department für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke. Sie plädiert für einen höheren Personalschlüssel, bessere Bezahlung und mehr Bildungsangebote für Pflegekräfte

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Sabine Bartholomeyczik ist Professorin am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke und Standort-Sprecherin des dortigen Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen. Foto: Promo

Frau Bartholomeyczik, wie viele Mitarbeiter braucht ein gutes Pflegeheim? Das hängt nicht nur von der Anzahl der Bewohner ab, sondern auch davon, wie viel Unterstützung und Pflege die Bewohner brauchen. Fakt ist, dass der Personalschlüssel, den Krankenkassen und Altenheime vereinbart haben, in zahlreichen Einrichtungen nicht ausreicht. Problematischer ist jedoch, dass nur die Hälfte der Mitarbeiter ausgebildete Fachkräfte sind. Denn in Zukunft werden immer mehr Heimbewohner auf professionelle Pflege angewiesen sein. Schon jetzt sind etwa 70 Prozent der Menschen in Pflegeeinrichtungen an Demenz erkrankt. Da hilft nicht allein der gute Wille der Pflegenden, sondern nur eine kenntnisreiche Ausbildung.
Reicht die dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger eigentlich aus? Nicht immer. Oft wird dabei nicht auf die Fähigkeit zur Pflegediagnostik geachtet, sondern nur auf körperorientierte Hilfen bei den Pflegebedürftigen. Wenn ein Heimbewohner etwa nicht essen will, kann das ganz verschiedene Ursachen haben. Vielleicht hat er sein ganzes Leben lang etwas anderes gegessen, als der Speiseplan im Heim anbietet. Vielleicht haben ihm Ärzte aber auch Medikamente verschrieben, die den Appetit verderben. Vielleicht hat er Angst, das Essen könnte ihn zu einer Verletzung religiöser Vorschriften verleiten. Um dies zu erkennen, benötigen Pflegende eine fundierte Ausbildung.
Wie schätzen Sie die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte ein? Die Arbeitsbedingungen sind schwierig. Umso problematischer ist, dass die Altenpflege jahrelang als eine Art Abstellplatz für junge Frauen galt, die in anderen Branchen keine Ausbildung gefunden haben. Nachtschichten, kaum Pausen und seelische Belastungen können stark an den Nerven zehren. Die meisten Pflegenden treibt ein humanitärer Anspruch. Das führt leicht dazu, dass sie glauben, eine unzureichende Personalausstattung oder schlechte Ausbildung durch viel Engagement ausgleichen zu müssen. Das kann zu Ausgebranntsein, innerer Kündigung und Gleichgültigkeit führen. Hinzu kommt, dass Pflegende in der Öffentlichkeit wenig Unterstützung bekommen und oft persönlich für Fehler haftbar gemacht werden, die eigentlich auf das gesamte System zurückzuführen sind. Dabei ist dies ein Job mit Zukunft, die Branche wächst. Ein Skandal ist die Bezahlung. Rund 1300 Euro netto im Monat sind kein angemessener Lohn. Der Mindestlohn in der Pflege liegt unter dem von ungelernten Bauarbeitern.
Warum organisieren sich Pfleger nicht ähnlich wie Klinikärzte in einer starken Gewerkschaft? Viele Pflegende sehen ihren Job als Dienst am Menschen und treten deshalb nicht so sehr für ihre eigenen Interessen ein. Leider sind nur wenige Pflegende in Gewerkschaften oder Berufsverbänden organisiert. Und so lange allgemein geglaubt wird, dass Pflege etwas für Angehörige und sonstige selbstlose Menschen sei und eine sehr gute Fachbildung keine Rolle spiele, ist das schwierig. In den USA und fast allen europäischen Ländern müssen Pflegende zumeist ein Hochschulstudium absolviert haben. Spezialisierungen durch Studiengänge sind dort üblich. Deshalb verdienen sie aber auch bis zu sehr viel mehr. In Deutschland wehren sich die Politiker noch gegen eine europäische Angleichung der Pflegebildung.
Wie kann den Beschäftigten in den Einrichtungen geholfen werden? Die Betreuung durch einen Psychologen von außerhalb kann sehr sinnvoll sein. Allerdings fühlen sich Pflegende und Heimleiter angesichts der zahlreichen Skandale ohnehin schon permanent beobachtet. Der Besuch eines Psychologen darf deshalb nur als fördernde Beratung, nicht als Kontrolle gedacht sein. Professionelle Unterstützung mit Bildungsangeboten für die Bewältigung ihrer Aufgaben ist für Pflegende ebenfalls wichtig. Inzwischen werden vielerorts auch Pflegestudiengänge als Erstausbildung angeboten, außerdem Studiengänge für Pflegepädagogik, -management und -wissenschaft. Diese Entwicklung ist aus pflegerischer Sicht zu begrüßen.



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