Ausbildung statt Abschiebung

Junge Flüchtlinge haben häufig einen Schulabschluss – und trotzdem keine Zukunftsperspektive. Vivantes und die Migrantenhilfe ZFM geben ihnen eine berufliche Chance

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Wer kein Bleiberecht hat, darf in Deutschland zwar zur Schule gehen, aber keine Ausbildung absolvieren und nicht arbeiten / Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Am Arbeitsplatz von Mohammed Jouni ist sozusagen die ganze Welt in Behandlung: Der 27- Jährige arbeitet seit Juni in der interdisziplinären Komfortklinik des Vivantes Humboldt- Klinikums in Reinickendorf. Dort werden die Patienten fächerübergreifend behandelt, zum Beispiel wegen psychiatrischer, gynäkologischer oder kardiologischer Probleme. Viele von ihnen kommen aus dem Ausland, etwa aus Russland oder Saudi-Arabien. Oder auch aus Libyen oder Ägypten.
Für Mohammed Jouni ist die Komfortklinik der perfekte Arbeitsplatz: Er spricht neben Deutsch auch Arabisch, Englisch und Französisch. Trotzdem war für ihn lange Jahre nicht abzusehen, dass er nach der Schule eine gute Ausbildung durchlaufen und eine Festanstellung bekommen würde.
Denn Jouni kam 1998 mit seiner Familie aus dem Libanon. Sein Vater hatte dort als Bauleiter gearbeitet und gehofft, seinen Kindern in Deutschland eine neue Existenz aufbauen zu können. Doch in Berlin erwartete die Jounis etwas ganz anderes: ein Leben mit angezogener Handbremse. Die Eltern durften nicht arbeiten, die ganze Familie war nur geduldet und lebte von Verlängerung zu Verlängerung. Und von Transferleistungen. Das war schwer zu ertragen.
“Unser Vater hat uns gesagt, dass wir nicht wissen können, was die Zukunft bringt”, sagt Mohammed Jouni. Damit war auch gemeint, dass die Polizei theoretisch jeden Morgen anklopfen und sie zum Flughafen bringen konnte. Doch der Vater hörte nicht auf, die Kinder zu motivieren: “Er hat uns immer wieder gebeten, uns in der Schule anzustrengen.” Jouni hielt sich an den Rat, er war ein guter Schüler. Trotzdem spürte er die Kluft zwischen sich und seinen Klassenkameraden, je näher das Abitur rückte. “Die anderen planten ihre Ausbildung oder ihr Studium”, sagt Jouni. Für ihn selbst, den Geduldeten, war das nicht möglich. Denn wer kein Bleiberecht hat, darf in Deutschland zwar zur Schule gehen, aber keine Ausbildung machen, kein Studium beginnen und keine Arbeit aufnehmen. Dabei haben viele junge Flüchtlinge den Mittleren Schulabschluss oder sogar Abitur – aber keine Chance, etwas daraus zu machen.

Interkulturelle Kompetenzen sind gefragt

Jouni hatte Glück. Er erfuhr zur richtigen Zeit von einem neuen sechsmonatigen Pflegebasiskurs, der nichts kostete und eine echte Perspektive bot: Die Chance, im Anschluss bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz bei Vivantes unterstützt zu werden. Organisiert wird dieser Kurs vom Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste (ZFM) in Moabit, einer Einrichtung, die Migranten und Flüchtlinge berät und Qualifizierungsangebote anbietet. Nach dem Pflegebasiskurs machte Mohammed Jouni ein zehnwöchiges Praktikum bei Vivantes. Danach konnte er sich beim Vivantes-eigenen Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG) um eine Ausbildung zum Krankenpfleger bewerben – und wurde genommen.
Das ZFM unterstützt die jungen Interessenten bei dieser Bewerbung und bei der Prüfungs- und Examensvorbereitung. Und auch bei aufenthaltsrechtlichen Problemen. “Die interkulturelle Kompetenz unserer Kursteilnehmer wird auf dem Markt extrem gebraucht”, sagt der Medizinpädagoge Marco Hahn vom ZFM. Mittlerweile haben mehr als 74 Teilnehmer des Pflegebasiskurses eine Ausbildung bei Vivantes begonnen oder bereits abgeschlossen. Das IbBG ist für sein Engagement 2010 mit dem Integrationspreis des Landesbeirats für Integrations- und Migrationsfragen ausgezeichnet worden.
Seit diesem Februar gibt es im Ausbildungsangebot des ZFM einen neuen Baustein, der jungen Menschen dabei helfen kann, sich auch mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus und fehlender staatlicher Unterstützung eine berufliche Karriere aufzubauen: die Berufsfachschule für Sozialassistenz (Pflege) – die von Vivantes getragen wird. Jugendliche, die mindestens einen Hauptschulabschluss mitbringen, können sich dort innerhalb von zwei Jahren zum Sozialassistenten mit dem Schwerpunkt Pflege ausbilden lassen. Interkulturelle Fertigkeiten und Kenntnisse spielen dabei eine große Rolle.
“Mit diesem staatlich anerkannten Abschluss können die Absolventen direkt ins Berufsleben einsteigen”, sagt Schulleiter Marco Hahn. Oder sie können weiter lernen und sich zum Gesundheits- und Krankenpfleger ausbilden lassen. “Bei entsprechender Eignung wird ihre Ausbildungszeit dann sogar von drei auf zwei Jahre verkürzt.” Außerdem haben die jungen Teilnehmer an der neu gegründeten Schule die Chance, ihren Mittleren Schulabschluss nachzuholen. Die nächste Ausbildungsrunde für die Sozialassistenz beginnt im Februar 2013, Interessenten können sich noch bewerben.

Jouni kommt gern mit Patienten ins Gespräch

Mohammed Jouni kam vor Beginn seiner Ausbildung ein Beschluss der Innenministerkonferenz zugute: Wer 2007 seit mindestens acht Jahren in Deutschland lebte, Deutsch sprach und nicht straffällig geworden war, erhielt ein Bleiberecht auf Probe. Die Probezeit hat er längst überstanden, weil er seinen Lebensunterhalt selbstständig bestreitet. “Anderen Flüchtlingen, die nicht das Glück hatten, eine ordentliche Ausbildung zu absolvieren, ist das kaum möglich”, sagt er.
Schon während der Ausbildung war die Psychiatrie seine Lieblingsabteilung, seine erste Festanstellung fand er auf der gerontopsychiatrischen Station des Vivantes Klinikums Spandau. An seiner alten und seiner neuen Stelle fasziniert Jouni vor allem eines: Dass er mit ganz verschiedenen Menschen zusammenkommt, und dass es egal ist, ob diese arm oder reich sind, einen Migrationshintergrund haben oder religiös sind. Für den 27-Jährigen ist die Religion ein Schlüssel, um mit Patienten ins Gespräch zu kommen. Mit Christen betet er manchmal das Vaterunser, mit Moslems spricht er über den Koran. Er weiß, dass Moslems ihre Verwandten und Bekannten viel häufiger im Krankenhaus besuchen kommen als andere. Und auch, dass es zu bestimmten Gebetszeiten wichtig ist, nicht zu sprechen.
Über seine berufliche Laufbahn ist Mohammed Jouni sehr glücklich, das ist während des Gesprächs immer wieder zu spüren. “Der Zufall hat mir sehr geholfen. Andere mussten viel länger als ich darauf warten, diese Ausbildung zu beginnen.” Inzwischen ist der 27-Jährige auch verheiratet. Er engagiert sich im Verein “Jugendliche ohne Grenzen” dafür, dass auch andere junge Flüchtlinge in Deutschland bleiben können.
Dort ist auch Marina Radosavljevic aktiv. Die 28-Jährige hat einen noch viel längeren Kampf um Ausbildung und Job hinter sich: Sie kam als Zweijährige mit ihrer Familie aus Serbien nach Deutschland und lebte ebenfalls von Duldung zu Duldung. Nach der Schule fand sie einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester. Doch die Ausländerbehörde gab ihr keine Arbeitserlaubnis. Marina klagte dagegen, und verlor. Auch gegen die drohende Abschiebung in ein Land, das sie kaum kennt, hat sie sich gewehrt. Über den Pflegebasiskurs des ZFM konnte sie schließlich doch noch eine medizinische Ausbildung machen und arbeitet heute als Krankenschwester auf derselben Station wie Mohammed Jouni. “Wer das nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, wie sehr ich dafür kämpfen musste”, sagt sie. Um in Deutschland ganz normal leben zu dürfen.



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