Reportage: Zehn Euro retten Leben

Immer wieder sterben Menschen bei Bränden in Pflegeheimen. 90 Prozent von ihnen kommen durch den Rauch ums Leben. Rauchmelder können dies verhindern, aber es fehlt an staatlicher Kontrolle

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ein Nickerchen und eine glimmende Zigarette reichen. Oder eine umgefallene Kerze. Oder ein vergessener Adventskranz. Und schon kann sich ein gefährlicher Schwelbrand entwickeln. Mit tödlichen Folgen.

So wie vor einiger Zeit im beschaulichen Örtchen Egg im österreichischen Bregenzerwald: Der genaue Auslöser für den Brand im dortigen Seniorenheim wird vermutlich nicht mehr definitiv geklärt werden können. Für Brandexperten ist es aber am wahrscheinlichsten, dass Zigarettenasche das Feuer verursacht hat. An jenem Freitagabend starben in Egg elf Heimbewohner an einer Rauchgasvergiftung. Jemand hat offenbar im Haus geraucht und seine Zigarette danach nur sehr unachtsam entsorgt.


Fast jeder zweite Brandtote ist ein alter Mensch


Selbst wenn Schwelbrände oft nur geringen Schaden verursachen, manchmal sogar von selbst verlöschen, ist der entstehende Qualm in vielen Fällen tödlich. Etwa 90 Prozent der Menschen, die bei Bränden ums Leben kommen, sterben durch Rauch, nicht durch Flammen – und das oft im Schlaf.

Senioren, ob in ihrer eigenen Wohnung oder im Pflegeheim, gelten bei der Feuerwehr als “höchst gefährdet”. Fast jeder zweite Brandtote ist ein alter Mensch, sagt Frieder Kircher, Brandschutzerzieher bei der Berliner Feuerwehr.

Beide Opfer, die im November 2007 nur noch tot in ihren Berliner Wohnungen geborgen werden konnten, waren älter als 70 Jahre: Eine 89- jährige Frau starb in ihrer Neuköllner Wohnung, ein 74-jähriger Mann in einem Kreuzberger Seniorenheim. Beide hatten in ihren Räumen keine Rauchmelder – die ihr Leben wahrscheinlich hätten retten können. Ein Rauchmelder schlägt Alarm, bevor giftiges Gas die Lungen füllt.


Rauchmelder gibt es selten


Brandschützer fordern seit Jahren den obligatorischen Einbau von Rauchmeldern. Leider, so heißt es bei der Feuerwehr, hätten nicht alle Pflegeheime und Seniorenwohnanlagen funktionierende Rauchmelder in ihren Zimmern oder wenigstens zentrale Meldeanlagen. Das bestätigt die Beratungsstelle Pflege in Not: “Rauchmelder gibt es selten, da muss dringend etwas passieren”, sagt Beraterin Dorothee Unger.

Feuerwehr-Experte Frieder Kircher hat die drohende Katastrophe im Altenheim an der Zobeltitzstraße in Reinickendorf noch genau in Erinnerung: Dort hatte es 2005 im Zimmer einer älteren Dame gebrannt – der giftige Qualm zog schließlich durch das ganze Haus. 36 Senioren schwebten bald in Lebensgefahr, sie konnten erst im letzten Moment gerettet werden. Dass das kleine Feuer solche katastrophale Folgen hätte haben können, lag nicht nur an den fehlenden Rauchmeldern sondern auch an den vielen offenstehenden Türen im Haus.


Zusätzliche Automatiktüren


In vielen Heimen werden die Brandschutztüren zwischen Fluren und Treppenhäusern gewöhnlich mit Keilen offen gehalten. Denn wer im Rollstuhl sitzt oder eine Gehhilfe benötigt, kann die schweren Türen meist nicht allein öffnen. Auch bei einem Feuer in einer Seniorenwohnanlage an der Bachstraße in Tiergarten im Jahr 2003 hatten alle Türen offen gestanden: Ein Mensch starb, viele schwebten damals in höchster Gefahr.

Die Feuerwehr fordert deshalb zusätzlich zu Rauchmeldern für alle Altenheime Automatiktüren, die von Bewohnern im Rollstuhl per Knopfdruck geöffnet werden können. Auch in dem Haus in der Bachstraße in Tiergarten hatte es keine Rauchmelder gegeben. Die Wohnungsbaugesellschaft, der das Gebäude gehörte, ließ damals mitteilen, dass “alle Vorschriften eingehalten” worden seien.


Das Land Berlin setzt auf “Freiwilligkeit”


Die CDU hatte daraufhin im Berliner Abgeordnetenhaus beantragt, in Kindertagesstätten und Pflegeheimen gesetzlich Rauchmelder vorschreiben zu lassen. “Feuermelder sind wichtig, billig und lassen sich einfach einbauen”, sagt CDU-Politiker Gregor Hoffman. Der Gemeinsame Ausschuss Brandschutzaufklärung und Brandschutzerziehung, den der Feuerwehrverband und die Vereinigung zur Förderung des Brandschutzes ins Leben gerufen haben, setzt sich ebenfalls für eine generelle Rauchmelderpflicht ein.

Bundesweit herrscht unter den Ländern Uneinigkeit darüber, wie mit dem Problem fehlenden Brandschutzes umgegangen werden soll. Derzeit sind in zehn Bundesländern darunter Hamburg, Hessen und Thüringen Feuermelder in Privatwohnungen und öffentlichen Gebäuden vorgeschrieben, somit auch in Pflegeheimen. Eine Rauchmelder-Verordnung lehnt die Berliner Landesregierung aber beharrlich ab. Von der dafür zuständigen Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD), heißt es, dass Berlin dahingehend auf “Freiwilligkeit” setze. Gesetzlich ließe sich die als Folge der Verordnung nötige regelmäßige Wartung der Meldeanlagen ohnehin nicht wirksam vorschreiben.

Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf hat aus zwei tödlichen Tragödien in seinen Heimen gelernt und alle bezirkseigenen Pflegeeinrichtungen mit Rauchmeldern freiwillig nachgerüstet. Die Geräte kosten kaum mehr als zehn Euro und werden unter die Zimmerdecke geschraubt oder geklebt. Sie warnen mit einem durchdringenden Heulton vor gefährlichen Qualm.


“Im Haus gab es Rauchmelder. Das brachte uns wertvolle Minuten.”


Als noch besser gelten jedoch Melder, die den Alarm sofort an eine Rettungszentrale der Feuerwehr weiterleiten. Das Rote Kreuz und andere Vereine und Privatfirmen bieten darüber hinaus Hausnotruf-Systeme an. An einem Funkalarmknopf, an dem automatische Rauchmelder anschließbar sind, können bettlägerige Senioren bei Gefahr schnell Hilfe holen. Besonders für alte Menschen seien diese Lebensretter wichtig, sagt Feuerwehrmann Frieder Kircher. Moderne Einrichtungen haben deren Bedeutung offenbar von selbst erkannt. So werben immer mehr Heime in ihren Broschüren damit, dass in allen Wohnungen Rauchmelder installiert seien.

Als Lebensretter erwiesen sich die kleinen Geräte an der Decke erst vor einigen Monaten in einem Pflegeheim bei Bonn. Dessen dritte Etage stand in Flammen, alle Bewohner wurden gerettet. Eine Lokalzeitung zitierte den Einsatzleiter mit den Worten: “Im Haus gab es Rauchmelder. Das brachte uns wertvolle Minuten.”




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