Interview: „Sicherheitsprüfberichte veröffentlichen!“

Umgang mit offenem Feuer oder defekte elektrische Geräte bergen eine große Gefahr für Heimbewohner, die sich selbst nur eingeschränkt retten können

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Martin Funk ist Bereichsleiter für Gebäudemanagement der Caritas Altenhilfe unter anderem in Berlin und Brandenburg. Foto: Mike Wolff

Herr Funk, wie erreicht man optimale Sicherheit in einem Pflegeheim? Zunächst muss man sich bewusst machen, dass in Pflegeheimen eine größere Zahl von Menschen zusammenlebt, die zur sogenannten Selbstrettung nicht oder nur eingeschränkt in der Lage sind. Hinzu kommt, dass verwirrte Personen auf Gefahren eventuell falsch reagieren. Beispielsweise können durch unangemessenen Umgang mit offenem Feuer oder mit elektrischen Geräten Brände entstehen. Kürzlich ist in einem Bewohnerzimmer durch eine Nachttischlampe ein Kopfkissenbezug entflammt, der sofort gelöscht werden konnte. Solche Vorfälle haben ein hohes Gefahrenpotenzial. Deshalb hat das Thema Brandschutz höchste Priorität.
Wie kontrollieren die Behörden die Sicherheit in den Heimen? Zuständige Behörden sind die Heimaufsicht und die Bauaufsicht sowie die Feuerwehr. Diese muss zum Beispiel alle fünf Jahre unsere Einrichtungen bei einer Brandsicherheitsschau kontrollieren und dabei auf Fluchtwege, Nottreppen und vieles andere achten. In der Praxis schafft sie das aber oftmals aus Personalmangel gar nicht. Es kommt vor, dass wir die Feuerwehr dazu auffordern müssen, weil uns wiederum die Heimaufsicht drängt. Im Unterschied zu früher hat sich die Verantwortung von den Aufsichtsbehörden stark in Richtung der Träger verschoben. Die Heimbetreiber sind in höherem Maße als früher selbst verpflichtet sicherzustellen, dass ein zeitgemäßer Sicherheitsstandardeingehalten wird.
Was heißt das? Beispielsweise müssen sicherheitsrelevante technische Anlagen, wie Brandmelde- oder Lüftungsanlagen, alle drei Jahre durch Gutachter überprüft werden. Das ist so ähnlich wie der TÜV beim Auto. Die Aufsichtsbehörden bekommen davon zunächst einmal gar nichts mit, die Verantwortung für die festgestellten Mängel liegt beim Gutachter. Ein Problem sind die teils erheblichen Sicherheitsunterschiede zwischen Neubauten und Heimen in Altbauten. Bei Neubauten werden in der Baugenehmigung mehrere Brandabschnitte je Etage gefordert und Brandmeldeanlagen mit Aufschaltung zur Feuerwehr sind der Normalfall. Bei Altbauten gibt es diese Sicherheitsmerkmale zum Teil nicht. Wir rüsten daher unsere älteren Heime nach und nach auf, was aber mit hohen Kosten verbunden ist. Mitunter muss in Einzelfällen auch die Zukunftsfähigkeit eines älteren Gebäudes hinterfragt werden. Unser in dieser Hinsicht schwierigstes Heimhaben wir vor einem Jahr geschlossen, weil ein angemessener Brandschutz zu vernünftigen Kosten nicht darstellbar war. Dabei ist wichtig: Es gab dazu keine Auflagen der Behörden. Durch die Größe des Trägers konnten wir allen Bewohnern ein neues Zuhause in unserenweiteren Seniorenheimen in Berlin anbieten oder sie beim Umzug in das Haus eines anderen Trägers unterstützen.
Was gehört zu den wichtigsten Vorkehrungen beim Brandschutz? Wir unterscheiden technischen, baulichen und organisatorischen Brandschutz. Technischer Brandschutz wird durch Brandmeldeanlagen oder Rauchabzugsanlagen aber auch durch einfache Mittel wie Feuerlöscher oder Rettungsdecken gewährleistet. Baulicher Brandschutz bedeutet, dass einem Feuer die Möglichkeit zur schnellen Ausbreitung genommen wird durch dicht schließende Zimmertüren, Rauchschutztüren in den Fluren oder die Bildung von Brandabschnitten. Zum organisatorischen Brandschutz gehört auch die Ausbildung von Brandschutzhelfern, die Durchführung halbjährlicher Brandschutzbegehungen, das Aufstellen von Brandschutzordnungen und der Aushang von Rettungswegeplänen. Ganz wichtig ist auch das Verbot von offenem Feuer und die regelmäßige Überprüfung der elektrischen Geräte.
Besprechen oder üben sie das auch mit den Heimbewohnern? Nein. Die heutigen Bewohner unserer Pflegeheime sind oftmals körperlich dazu nicht mehr in der Lage, oder eine solche Übung würde sie zu sehr in Angst versetzen. Die Angehörigen dagegen beziehen wir nach Möglichkeit ein und machen zum Beispiel in der Adventszeit Aushänge, um auf die Gefahr von Adventskränzen und Weihnachtsdekoration hinzuweisen.



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